Rheinpfalz „Bloß keine Spucke nehmen“

Warum soll man keine Spucke nehmen, um Saugheber an der Scheibe zu befestigen? Weil darin enthaltener Kalk Glaskorrosion erzeugen kann. Die sieben angehenden Kfz-Mechatroniker hören interessiert zu: Ihre Schulung, bei der es um Auswechslung und Reparatur von Autoglas geht, vermittelt auch ganz praktische Tipps. Und sie zeigt: In der KFZ-Werkstatt ist heute nicht nur Wissen über mechanische, sondern auch über physikalische und chemische Zusammenhänge gefragt.
Das Übungsobjekt, die vertrauensvolle „Leihgabe“ eines Monteurs, steht in der Werkstatt des Waldfischbacher Autohauses Hauck bereit; die Frontscheibe mit Steinschlag soll ausgetauscht werden. Sieben angehende KFZ-Mechatroniker von Autohäusern und Werkstätten aus Pirmasens und dem Landkreis haben sich für diese spezielle Glas-Schulung angemeldet; Referent ist ein Fachmann von Liqui Moly, ein Hersteller von Zubehör, der Basiswissen plus Tipps vermitteln will, herstellerunabhängig, wie er betont. Gekommen sind noch zwei interessierte Berufsschullehrer aus Zweibrücken und Peter Reißland, der Obermeister der KFZ-Innung Westpfalz. Er hat auch die erste der beiden Schulungen begleitet, für die Mercedes Reinhard in Pirmasens Gastgeber war. Im Bereich der Innung finden diese Schulungen erstmals statt, erklärt Reißland. Man wolle schon während der Ausbildung an spezielle Themen heranführen; dies solle fortgeführt werden, eventuell mit dem Thema Klimaanlage. Und noch etwas bewegt die Innung dazu, aktiv zu werden: „Allrounder“-Werkstätten sollen sich damit auch auf Gebieten Arbeit sichern, die zunehmend von spezialisierten Anbietern „besetzt“ werden. Dass es bei solch speziellen Themen durchaus Berührungsängste gibt, weiß der Referent. Gerade die Frontscheibe stellt Ansprüche an den Monteur: Im Auto ist sie nicht nur tragendes Teil, sondern enthält auch jede Menge Technik. Antenne, Regen-, Licht- und Luftfeuchtigkeitssensoren sind dort untergebracht – das Zerstörungspotenzial ist groß. Doch mit dem richtigen Wissen und mit Übung funktioniere auch das, macht der Referent den Azubis Mut. Dabei geht es nicht nur um das Basiswissen, wie eine Scheibe richtig aus- und eingebaut oder repariert wird. Auch scheinbare Kleinigkeiten kommen zur Sprache. Warum etwa soll man zum Reinigen des Scheibenrandbereiches nach dem Ausbau nur Leitungswasser nehmen und keinen alkoholbasierten Reiniger? Weil Klebstoffe auf Polyurethanbasis negativ auf Alkohol reagieren, erklärt der Referent. Wer in Chemie aufgepasst hat, ist im Vorteil. Ähnliches beim Vorbereiten der großen Saughalter, mit denen die neue Scheibe aufgesetzt wird: „Kein Leitungswasser und keine Spucke nehmen“, warnt der Fachmann. Die Jungs lachen. Doch die Erklärung leuchtet ihnen ein: In Wasser und Speichel sei Kalk enthalten und beides könne Glaskorrosion erzeugen. Der Aha-Effekt kommt prompt: Richtig, so entstehen dann auch die kleinen Ringe auf der Innenseite der Scheibe, wo die Halterung des Navigationsgerätes angesetzt war – Kreise, die beim Putzen kaum noch weggehen. Besser, rät der Fachmann dem Privatmann, sollte man die Halterung mit Scheibenreiniger befeuchten. Banal mutet auch der Rat an, immer die technischen Infos zu lesen, beispielsweise beim Klebeset. Aber: Auch wer jahrelange Übung habe, müsse Produktneuerungen beachten – allein schon wegen der Haftung. Die angehenden KFZ-Mechatroniker aus dem dritten und vierten Lehrjahr dürfen nicht nur zuhören, sondern auch mit anpacken. Und sie können einige Male unter Beweis stellen, dass sie in Schule und Betrieb gut aufgepasst haben. Technisches Geschick allein ist nicht mehr ausreichend für diesen Beruf. Gerade die gehäufte Elektronik im Auto erfordere auch viel physikalisches und mathematisches Wissen, sagt Peter Reißland – ein ordentliches Realschulzeugnis wird von den meisten Betrieben verlangt. Fast alle veranstalten außerdem Eignungsprüfungen für künftige Azubis; von Vorteil sei auch ein Praktikum, rät der Innungsobermeister, der selbst einen Betrieb in Dellfeld führt. Bereits jetzt sollten sich übrigens Interessenten fürs Ausbildungsjahr 2015 bewerben. Auch wenn sich insgesamt weniger junge Leute bewerben: Der KFZ-Mechatroniker ist nach wie vor ein gefragter Beruf. Und offensichtlich keiner, bei dem es langweilig wird. (tre)