Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Blick über den Tellerrand beim Musikfestival „Pantopia“ im Badischen Staatstheater

Die in New York lebende chinesische Performerin Du Yun präsentiert ein Projekt mit tibetanischen Kindern.
Die in New York lebende chinesische Performerin Du Yun präsentiert ein Projekt mit tibetanischen Kindern.

Welche spannenden Verbindungen entstehen können, wenn ein sinfonisches Orchester mit Ethnologen zusammenarbeitet, ist ab Donnerstag im Badischen Staatstheater zu erleben beim Festival „Pantopia“.

Unerhörtes, zumindest in den Heiligen Hallen des Badischen Staatstheaters, verspricht das Festival. Es ist der vorläufige Abschluss deines mehrjährigen Projektes in Kooperation der Staatskapelle mit dem Ethnologischen Museum in Berlin. Da treffen beispielsweise die Mythen der Bewohner des Amazonas mit Fragmenten der Offenbarung des Johannes sowie anderen Untergangsvisionen aufeinander, wenn am Donnerstag in der Reihe „Nachtklänge“ des Staatstheater Marc Sinans „Paradise now! Offenbarung“ uraufgeführt wird. Ulrich Wagner dirigiert ein Ensemble aus Musiker des Badischen Staatskapelle, die durch Livezuspielungen unterstützt werden.

Mit dem Versprechen von ewiger Jugend und Unsterblichkeit befasst sich „O.R.Pheus Fragments“, eine Mixed Reality Installation von Evelyn Hriberšek. In Form einer Werbekampagne befasst sich die Künstlerin mit dem menschlichen Drang, sämtliche Grenzen zu sprengen, ohne auf die Auswirkungen für die Erde Rücksicht zunehmen. Das Werk geht aus von einer aus der Kontrolle geratenen Laborsituation. Der hybride Mix aus Musiktheater, Kunstinstallation und Real Life Game ist vielfach preisgekrönt. Spielort der Uraufführung 2012 in München war ein 1000 Quadratmeter großer, unterirdischer Bunker, der in eine reale und mit allen Sinnen erlebbare 50er-Jahre-Klinik transformiert wurde.

Symbiose von Oper und Videospiel

Unterschiedliche Traditionen verbinden sich auch bei „Moving Mountains“ der in New York lebenden chinesischen Komponistin und Performerin Du Yon. Das Konzert der Pulitzer-Preisträgerin am Freitag basiert auf der langjährigen Erfahrung, die sie bei Schulprojekten mit tibetischen Grundschulkindern aus Yushu gemacht hat und lokale Kunstformen neu interpretiert.

Gaming und Oper kommen bei dem Projekt „Opera – A Future Game“ an allen Festivaltagen zusammen. Sonja Walter, die Chefdramaturgin des Staatstheaters, hofft, damit ein Publikum ins Haus zu locken, das sonst hier nicht zu finden sei. Es ist ein gespenstisches interaktives Musiktheater-Videospielessay, basierend auf einem verschollenen Opernprojekt, das durch Corona unterbrochen wurde und nicht mehr wie geplant fortgesetzt werden konnte. Fragmente der Inszenierung, Bühnenbilder, Kostüme, Orchester- und Videoaufnahmen verwandeln sich in eine Mischung aus Spiel und Videokunstausstellung, in der die Oper spielbar wird. Die Installation ist nominiert für den Faust-Theaterpreis und bei Öffnung des Theaters frei zugänglich.

1000 Alben auf Internetplattform

Am Samstag, dem Abschlusstag des Festivals, erklingt ein Konzert von Laura Robles und Bo Sung Kim unter dem Titel „Rhythm & Memory“, bei dem die Musikerinnen experimentelle Perkussion, die von traditionellen orientalischen Rhythmen inspiriert ist, mit afro-peruanischen Rhythmen kombinieren. Außerdem gibt es zwei Gesprächsrunden: zu digitalen Entwicklungen im Theater und das Ansinnen, musikalisch Kulturen zum Klingen zu bringen ohne in die Falle der kulturellen Aneignung zu treten. Und zum Abschluss steigt eine Party mit DJ Bris Lee Ber im neuen Foyer.

Zwar gab es im Staatstheater schon vereinzelt Konzerte, die mit dem Projekt „Pantopia“ in Verbindung stehen, doch noch nie in dieser Konzentration. Verantwortlich ist seit 2020 Chefdramaturgin Sonja Walter. Der Kontakt von Musikerinnen und Musikern aus höchst unterschiedlichen Kulturkreisen, Sonja Walter nennt beispielsweise den Austausch von Perkussionisten aus Südamerika mit Kollegen aus Afrika, lässt sich auch im Internet nachvollziehen. Auf der Plattform „Pantopia Music“ (pantopia-music.org) sind inzwischen rund 1000 Alben kostenlos abrufbar, die weltweit im Rahmen dieses Projektes entstanden sind. Der musikalische Radius dieses Angebotes ist extrem ausladend.

Als Endpunkt sieht sie das Festival nicht. Allerdings könne sie durch den anstehenden Intendantenwechsel noch nichts Konkretes zur Zukunft von „Pantopia“ sagen.

Termin

„Pantopia Music - Das Festival“, finanziell unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, vom 9. bis 11. November im Badischen Staatstheater Karlsruhe. www.staatstheater.karlsruhe.de

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