Kultur Südpfalz Bilder ganz ohne Pinsel
Stoff – Farbe – Licht. Die Malerin Rachel von Morgenstern komponiert aus diesem klassischen Dreiklang sinnliche Körperlichkeit – ganz ohne Pinsel. Zurzeit ist die in Frankfurt lebende Künstlerin Stipendiatin im Herrenhaus Edenkoben, wo sie morgen ihre Ausstellung eröffnet. Ganz ohne Titel. Aber mit spannendem Assoziationspotenzial.
Filigran und doch voll Power, harmonisch mit Dissonanzen, prozessorientiert und experimentell, eine gute Mischung aus Zufälligkeit und Planmäßigkeit: Wenn die zierliche Künstlerin Rachel von Morgenstern mit immer größer werdenden Augen, aber leisen Gesten energiegeladen von ihrer Arbeit spricht, dann spürt man sofort, dass darin viel von ihrem eigenen zwiespältigen Wesen, ihrer Biografie und ihrem unentwegten Streben nach neuen Ausdrucksformen steckt. „Ich mache zurzeit eher zarte Bilder, aber es ist erst ein gutes Bild, wenn auch ein bisschen Biss drin ist, ein fast aggressives Moment. Ich brauche Spannung zwischen weichen Elementen – etwas Knackiges, Schmutziges – das macht es irgendwie sexy.“ Die weichen Elemente, das sind unter anderem Polyesterstoffe, die die 1984 in Bensheim an der Bergstraße geborene Malerin, die an der Hochschule für Kunst und Design Offenbach und an der Staatlichen Akademie Karlsruhe studierte, als Bilduntergrund benutzt. Keine Leinwand im eigentlichen Sinn, sondern ein lichtdurchlässiges Stoffnetz, das zum Experimentieren, Modellieren und Drapieren einlädt und Farbe nur bedingt aufnimmt. Wenn man das Gewebe dann noch mit verschiedenen Substanzen manipuliert, etwa mit Wasser tränkt oder hinter der glatt bespannten Bildoberfläche zerknüllt, entwickeln die Bilder während ihres Entstehungsprozesses genau jenes Eigenleben, das die Künstlerin reizt. „Mit allem Möglichen, nur nicht mit dem Pinsel“, rückt sie den Stoffen zu Leibe, sprüht, walzt oder druckt die Farben auf, um ihnen „eine sinnliche Körperlichkeit“ zu geben und eigenen Charakter zu entlocken. „In erster Linie geht es mir um die Materialität von Farbe und Wahrnehmung“, erklärt die heute in Frankfurt lebende Künstlerin, die in der Edenkobener Einsamkeit einerseits ihre Freunde und den täglichen Austausch mit ihren Atelierkollegen vermisst, andererseits mit geradezu „obsessivem Arbeitseifer“ die neuen Herausforderungen in einer für sie ungewohnten Umgebung annimmt. „Bisher habe ich immer in einem relativ cleanen Umfeld, eher in White-Cube-Räumen ausgestellt“, verrät sie mit respektvollem Blick auf das historische Gebäude, in dem ihre Arbeiten, die sie hier speziell für den großen, mit Holz betonten Ausstellungsraum angefertigt hat, eine ganz neue Wirkung entfalten. Dabei sei es ein toller Zufall, dass genau in diesen Wänden früher eine Damastweberei gewesen sei. „Meine Gastgeberin Barbara Stähle hat mir alte Kataloge mit unglaublich feinen und edlen Stoffmustern gezeigt, die hier gefertigt wurden. Das hat mich sehr inspiriert“, freut sich die Malerin, die auch ihre Stoffskulpturen, die nun wie federleichte Vorhänge die Fenster zieren, als Malerei versteht. „Licht und Farbe können auf sinnliche Weise Atmosphäre entwickeln, haben aber trotzdem eine messbar physikalische Seite und körperliche Resonanz“, überlegt die Künstlerin mit wacher Neugierde auf das, was sie aus dieser Ambivalenz noch machen wird. Kraft für ihre intensive Arbeitsweise schöpft die junge Frau, die schon mehrere Lehraufträge hat, in der Natur. Jeden Tag ist sie ein bis zwei Stunden draußen, um ihre Gedanken zu sortieren und sich zu erden. „Aber das Tempo der Großstadt brauch’ ich auch“, freut sich von Morgenstern auf „die Kunstszene in Frankfurt, die immer unter Strom steht“ und auf sie eine besonders elektrisierende Wirkung hat. Info Arbeiten von Rachel von Morgenstern bis 5. Juni, Herrenhaus Edenkoben; Vernissage, morgen, 17 Uhr; Geöffnet: 20., 21., 27. und 28. Mai sowie 3. bis 5. Juni jeweils von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.