Rheinpfalz Baum und Bondage: »Considering Finland« in Mannheim und Ludwigshafen
Im Schärenmeer vor der südwestfinnischen Stadt Turku liegen 20.000 größere und kleinere Inseln. Dieser Archipel bildet eine Meereslandschaft von ganz eigener Schönheit.
Wie aber könnte die Zukunft auf dieser Inselwelt aussehen? Was passiert hier, sagen wir mal, im Jahr 2111? Wird der Archipel ein Refugium reicher, hormonell verjüngter Senioren sein? Dient er als Freilichtmuseum für Chinesen, die wissen wollen, wie man in Europa lebte, als man noch zu viel Alkohol konsumierte und Autos mit Benzin betrieb? Oder werden die Inseln zum streng kontrollierten Rückzugsort für Öko-Aktivisten, bärtige Norwegerpulliträger und andere überzeugte Individualisten?
Lust am Grotesken
Vier mögliche Zukunftsszenarien spielt das finnische Duo Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen in seiner Videoarbeit „Archipelago Science Fiction“ durch. Mal sieht man sich dabei mit post-apokalyptischer Tristesse konfrontiert, mal mit einer nicht minder beunruhigenden schönen neuen Welt. Vor allem aber besticht das vierteilige Video durch Lust am Grotesken und einen anarchischen Humor. Diese Charakteristika bilden so etwas wie den roten Faden dieser Finnenkunstschau, die sich auf den Kunstverein Ludwigshafen und den Port 25 in Mannheim verteilt. In Ludwigshafen geht es dabei schwerpunktmäßig um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, in Mannheim dagegen um Sozialverhalten und sexuelle Rollenklischees. In letzterem Kontext kann das Groteske durchaus penetrant werden, zum Beispiel bei Kenneth Bamberg, der nackte Männer mit bizarren, irgendwie skulpturalen Penisverlängerungen vor Waldkulisse fotografiert. Oder bei Aurora Reinhard, die, unter anderem, aus dem 3D-Drucker hyperrealistische sadomasochistische Miniaturfigurengruppen generiert. Zu den stilleren, feineren Arbeiten im Port 25 gehören die fotografischen Selbstinszenierungen von Elina Brotherus, die kühle Architekturfotografie mit sensiblen Einsamkeitsstudien kombiniert.
Bizarr und kurios
Auch in Ludwigshafen, wo „Archipelago Science Fiction“ zu sehen ist, sind die ästhetischen Ansätze mannigfaltig. Konzeptuell und mit fast schon absurd anmutender Akribie geht Jaako Kahilaniemi vor, indem er ein ererbtes Waldstück katalogisiert und erforscht. An der Schnittstelle zwischen Stillleben-Tradition und poetischer Theaterinszenierung stehen die Vogelfotografien von Sanna Kannisto. Wieder mehr ins Bizarre und Kuriose tendieren die Baum-Bondage-Aktionen von Anna Reivilä und die Porträtfotografien, in denen die Künstlerinnen Riitta Ikonen und Karoline Hjorth Menschen in Land Art verwandeln. Alles in allem ein ebenso interessanter wie amüsanter Kunstimport aus dem hohen Norden.
Info
»Considering Finland« – bis 13.1., Ludwigshafen, Kunstverein, Bismarckstraße 44, geöffnet: Di-Fr 12-18 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr; Mannheim, Port 25, Hafenstraße 25, Mi-So 11-18 Uhr; Info: Tel. 0621-528055.