Landau
Ausstellung „Gegen die Zeit“ zum Stadtjubiläum in der Villa Streccius
Es ist angerichtet. Prall in sonnig-warmen Farben verführen August Croissants Pfirsiche, die mit Zwetschgen in einer Schale liegen, den Betrachter; ein Stielglas für Wein steht dahinter als Reverenz an die heimische Pfalz. Stillleben werden diese Bilder genannt, in denen der Mensch nur als Arrangeur vorhanden ist. Dabei sind die meisten sehr beredt, sind symbolisch aufgeladen mit Allegorien.
Die faulen Stellen an Werner Brands Birnen sind ein solches Vanitas-Zeichen des nahen Todes ausgerechnet im Moment der vollsten Reife. Andere der Künstlerinnen und Künstler bedienen sich der Blumensprache. In der stehen Margeriten für Natürlichkeit und das Gute. Olga Loeb, eine Verwandte von Anne Frank, hat sie auf ihrem Bild, das erst Mitte 2022 auf dem Landauer Ruhango-Flohmarkt entdeckt wurde, mit knallrotem Mohn in einen Krug gestellt – mit jener Blume, die nach dem Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern blühte und zur Mahnung an die vielen Toten geworden ist, die in den Schützengräben ihr Leben ließen. Loeb selbst überlebte das KZ Theresienstadt nur wenige Jahre. Erna Scharff, von der ein üppiger Strauß zu sehen ist, entkam den Nazis nach New York.
So erzählt diese von Lena Sommer kuratierte Jubiläumsausstellung mit stillen Bildern auch viel über die Geschichte der Stadt Landau. Eines der schönsten Ölgemälde der Kunststiftung ist das fein reduzierte Stillleben mit Johannisbeeren von Margot Erlenwein-Semmler von 1931. Da gehörte sie noch zur innovativen Gruppe der Künstlerkolonie Grötzingen bei Karlsruhe, die sich der Freiluftmalerei verschrieben hatte. Als die Malerin später einen Jäger in Godramstein heiratete, wurde sie bodenständiger.
Auch andere durchliefen Wandlungen. Nach dem Krieg war Ölfarbe rar, erzählt die Kuratorin Sommer, sodass viele Maler auf Pastellkreide umstiegen, wie Beispiele von Friedrich Ferdinand Koch zeigen. Rolf Müller-Landau hat sich wechselnden Strömungen hingegeben – nicht immer zum Besten. Von Marie Kreichgauer aber ist ein expressiv nach allen Seiten explodierender Narzissenstrauß zu sehen – sie hatte in ihrer Heimat München noch Damenbildnisse gemalt, bevor sie nach Rheinzabern umzog.
Die große Zeit des Stilllebens war der Barock. Was die Holländer und Flamen entwickelten, wirkt bis heute nach. Noch die Künstler des 20. Jahrhunderts luden ihre Bilder mit Symbolen wie offene Schränke, Bücher, verloschene Kerzen auf. Sie banden Bouquets aus dem ganzen Jahreszyklus mit Frühblühern wie Tulpen zusammen mit sommerlichem Rittersporn, Sonnenblumen und sogar herbstlichen Astern – so Hermann Sauter oder Hermann Croissant auf einem leuchtenden, frisch für die Ausstellung restaurierten Gemälde. Blumen seien vielleicht das Tröstlichste, das dem Menschen geblieben ist, wird Sauter im Begleitheft zur Ausstellung zitiert. Doch auch bei ihm fallen schon einige Blütenblätter. „Gegen die Zeit“, wie Sommer ihre Schau betitelt, kommt die Kunst eben doch nicht an.
Aufgegeben haben sie allerdings die luxuriöse Draperie des Barock. Der Einfluss der Impressionisten und noch moderneren Malern wie Paul Cézanne wirkte in die Pfalz mit zunehmend abstrahierten Formen und robustem Interieur. Werner vom Scheidt zeigt auf seinem Kordeldruck mit dem grazilen Frauenschuh eine heimische Orchidee.
Inszeniert wie die Stillleben des 17. und 18. Jahrhunderts sind ausgerechnet die jüngsten Arbeiten der in Boppard lebenden Britin Elizabeth Joan Clarke, die mehrere Räume im Obergeschoss der Villa Streccius bespielt. Auch wenn sie die Brokat-Tischdecke mal durch eine Luftpolsterfolie als eine Geißel unserer Tage ersetzt. Ihre perfekt ausgeleuchteten Settings belichtet Clarke so lange, dass ihre Abzüge auf Baryt-Papier oder Alu-Dibondplatte eine haptische Qualität von Ölgemälden erreichen. So lange würde kein Tier stillhalten. Sie nutzt daher Präparate, die sie leihweise aus Naturkundemuseen erhält.
Ihre Fotos quillen schier über vor Zitaten und Botschaften. In ihr „Eyes Wide Open“ hat sie im Januar 2022 ihre intensive Furcht vor einem drohenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine gepackt. Universelle und ganz persönliche Symbole greifen da ineinander. Zwischen Geschichtsbüchern lugt die altdeutsche Spielkarte Pik heraus, die – auf dem Kopf stehend – eine Veränderung ankündet. Ein Käfer steht für das Böse, eine Stielbrille fordert auf zum genauen Hinschauen, ein Glas steht auf der Kippe. Mit den Brombeeren hat es eine besondere Bewandtnis, die Clarke erklären muss: Ihre deutsche Großmutter habe die Früchte auf der Flucht mit ihrer fünf Jahre alten Tochter aus dem Sudetenland im Innenfutter ihres Mantels versteckt und sich davon im russischen Arbeitslager ernährt.
Sabine Steimer arbeitet genau andersherum: Sie malt, aber so hyperrealistisch wie auf einem Foto. Ihr Granatapfel, in Nahsicht und übergroß, hat durchscheinende Kerne, die wie Edelsteine glühen und dabei so echt wirken, dass sich beim Betrachter sogleich die Sorge um rote Spritzer und ein pelziges Gefühl auf den Zähnen einstellt. Es ist auch ihr besonderer Blick auf die Welt, der den Charme ihrer Bilder ausmacht. Die Mainzerin malt Stühle, von denen nur der oberste Teil der Lehnen vor knallrotem Hintergrund zu sehen ist und deren Aufstellung ganze Geschichten im Kopf ankurbelt. Das Holz ist mit so feinem Pinsel gemalt, dass man am liebsten über das Bild streichen möchte, um die winzigen Holzwurmlöcher zu tasten.
Auch Steimer hat Blumen gemalt. Mit viel Ironie auch solche aus Kunststoff mit den typischen Steckverbindungen. Bei ihrer Anthurie, die auf keiner Blumenbank der 1950er-Jahre fehlen durfte, ist auch eine Blüte abgefallen, wurde aber durch ein Bild im Bild ersetzt. Mit Witz hat Steimer auch das alte Sujet der Bücherstillleben aufgegriffen. Sie malt die Rücken von historischen Exemplaren mit allen Macken und Beschädigungen und mogelt in die Reihe auch eine schmale Broschüre mit Heftbindung.
Als dritten Zeitgenossen hat Sommer den in Kaiserslautern lebenden Bildhauer Roland Albert hinzugebeten, dessen Früchte, Blumenschalen und Muscheln das Stillleben quasi von der Leinwand lösen. Täuschend echt sehen seine Skulpturen nicht aus, aber doch verführerisch. Denn sie leben von einer ungewöhnlichen Herangehensweise an einen gewöhnlichen Werkstoff: Karton, den Albert zu einem Block verleimt, abschleift und anmalt.
Schön dass die Gemälde der Landauer Kunststiftung, die zum Teil seit Jahren im Depot schlummern, noch einmal öffentlich zu sehen sind, und dazu in einem so modernen Kontext, der das Auge schärft für die stillen Botschafter.
Die Ausstellung
Zum Start ins Jubiläumsjahr 750 Jahre Landau zeigt das Kulturbüro der Stadt Landau „Gegen die Zeit...“ mit Stillleben der Landauer Kunststiftung und der zeitgenössischen Kunst von Elizabeth Joan Clarke, Sabine Steimer und Roland Albert bis 10. März in der Villa Streccius am Südring 20: Di und Mi 17-20 Uhr (Fastnachtsdienstag geschlossen), Do-So 14-17 Uhr. Zur Vernissage am Samstag, 27. Januar, 19 Uhr, gibt die Kuratorin Lena Sommer eine Einführung. Es grüßt Oberbürgermeister Dominik Geißler. Musik steuert Leo Herzog am Akkordeon bei.