Karlsruhe
Ausgebuht: Inszenierung von „Don Pasquale“ am Staatstheater
Zur Ouvertüre stehen sie aufgereiht da, die Gestalten, die scheinbar direkt der Commedia dell’Arte entsprungen sind. Da ist der reiche alte Mann, der durch die Verbindung mit einer jungen hübschen Frau seine Jugend noch einmal nacherleben will. Da sind der junge Liebhaber, der dubiose Doktor und sein Gehilfe, der falsche Notar.
Im Kern erzählen sie dieselbe Geschichte, die seit vielen Jahrhunderten auf den Bühnen Europas verhandelt wird: Ein junges Paar ohne Geld liebt sich, wird in seiner Selbstverwirklichung aber durch einen reichen alten Mann behindert. Manchmal hilft die gewitzte Dienerschaft. In Donizettis Komischer Oper ist es Dottore Malatesta, der dem jungen Paar zu Geld und Glück verhilft.
Warum nur macht man aus dem Doktor einen Priester?
In Karlsruhe setzt Regisseur Valentin Schwarz ganz eigene Akzente. Malatesta, zu deutsch „Doktor Kopfweh“, ist bei ihm ein katholischer Priester, dem fast ständig ein Messdiener folgt. Warum Malatesta zum Priester mutiert, erschließt sich selbst dem geneigtesten Betrachter nicht. Ausstatter Andrea Cozzi (Umsetzung durch Sabine Lindner) lässt Don Pasquale in einer Art Kuriositätenkabinett hausen, umringt von alten Büchern und seltsamen, ausgestopften Tieren.
Der Störfaktor ist das Zelt, das Pasquales Neffe Ernesto praktisch mitten in dessen Wohnzimmer aufgeschlagen hat. Ernesto wird als Loser gezeichnet, der außer einer Schwärmerei für die mittellose Norina und einer Menge Selbstmitleid nichts auf die Reihe kriegt. Dem alten Herrn reicht’s, er setzt Ernesto vor die Tür und will, als nach eigener Sicht guterhaltener 60-Jähriger, selbst heiraten und noch ein paar Kinder in die Welt setzen.
Warum so düster und deprimierend?
Selbst wer die Oper nicht kennt, ahnt, dass dieser Plan gründlich schief gehen wird. Malatesta jubelt Ernestos angebetete Norina unter falschem Namen und mit Hilfe eines falschen Notars Don Pasquale als Braut unter, die dann dessen Leben und dessen Haus auf den Kopf stellt. Norina treibt plangemäß die Ansprüche, die Konsumfreude und die Zickigkeit einer anspruchsvollen jungen Frau auf die Spitze, bis Pasquale nur noch seine Ruhe zurückhaben will. Warum nur ist das alles in der Inszenierung von Valentin Schwarz und Andrea Cozzi so düster und deprimierend?
Liegt es daran, dass Norina, hier als Edel-Punk unterwegs, so oft ein Messer zieht? Dass der als zusätzliches Hauspersonal auftretende Opernchor ebenfalls ständig zur Waffe greift? Oder ist es die Skrupellosigkeit, mit der Don Pasquale gepiesackt und abgezockt wird? Nichts hindert Ernesto daran, mit Norina wegzugehen und sich selbst ein Leben aufzubauen. Nichts außer der Ansicht, ein Recht auf Don Pasquales Geld zu haben. In Karlsruhe lebt der alte Herr in seiner eigenen Welt, die in der Vergangenheit liegt. Dem Einbruch der Moderne hat er nichts entgegenzusetzen, also flüchtet er sich endgültig in den Wahnsinn. Davon allerdings ist im Operntext nicht die Rede.
Zum Glück gibt es das bestens besetzte Ensemble
Zum Glück gibt es Donizettis Musik und das bestens besetzte Ensemble. Tiziano Bracci spielt und singt einen herrlich brummigen, grummelnden Don Pasquale. Armin Kolarczyk ist als intrigenspinnender Malatesta ständig in Bewegung. Mit glänzend geführter Stimme macht er in der Arie „Bella siccome un angelo“ Pasquale Lust darauf, selbst zu heiraten. Eleazar Rodriguez und Uliana Alexyuk singen hinreißend klangschön und ausdrucksvoll ihre Liebesarien und Duette.
Dabei sind sie in dieser Inszenierung am Anfang gar kein Paar, sondern werden es erst. Vorher ist Straßengöre Norina mit einem sich obercool gebenden Typen aus der Anarchistenszene zusammen, der immer Selfies macht, wenn er nicht gerade in Don Pasquales Haus einbricht. Merlin Wagner verkörpert diesen Typus perfekt. Ausgesprochen spielfreudig mischt der Opernchor in seinen Auftritten Don Pasquales gar nicht mehr trautes Heim noch zusätzlich auf.
Unter der Leitung von Johannes Willig entfaltet die Badische Staatskapelle alle Facetten von Donizettis Musik, die romantischen Seiten ebenso wie schwungvolle und temporeiche Passagen, die an Rossini erinnern. Souverän werden die zahlreichen Orchestersoli musiziert, ob sie für das Geigenspiel von Don Pasquale stehen oder die Solotrompete intonationssicher Ernestos Selbstmitleid illustriert.