Kultur Südpfalz Aus den Folterkammern des Ehekriegs

Sina Kiessling und Timo Tank durchleben ein Wechselbad von erotischer Anziehung und Hass.
Sina Kiessling und Timo Tank durchleben ein Wechselbad von erotischer Anziehung und Hass.

Ein Ehedrama als Wandeltheater, bei dem nicht nur die Zuschauer von einem Schauplatz zum nächsten wandeln, sondern auch die Rollen selbst sich immer neu wandeln müssen. Die neue Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann führt das Publikum in ihrer Inszenierung von „Szenen einer Ehe“ durch unterschiedliche Räume des Badischen Staatstheaters und macht so den „Gang“ des Geschehens auch körperlich spürbar.

Der gleichnamige Film von Ingmar Bergmann sorgte vor 45 Jahren für Furore. Er führte die Brüchigkeit einer scheinbar harmonischen Ehe, die gewaltsame Entlarvung einer falschen Glücksfassade und den zerstörerischen Selbstbetrug des Paares auf dem tückischen Grat zwischen Liebe und Hass in drastischen Bildern vor. Die Ehe zwischen Marianne und Johann ist längst kaputt, noch ehe beide es merken. Der Seitensprung des Mannes mit einer viel jüngeren Frau besiegelt den Verfall, der sich in dem Maße beschleunigt, in dem die Eheleute ihn aufzuhalten suchen. Das Stück, dessen stark zugespitzte Bühnenfassung übrigens Ingmar Bergmann selbst 1981 in München zur deutschen Erstaufführung brachte, liefert handfestes Schauspielertheater mit zwei etwas plakativen Bombenrollen. Es hat es eine große Zahl von anderen Werken angeregt, die sich mit den Folterkammern des Ehekriegs auseinandersetzen. Die einstige Schockwirkung von Bergmanns „Szenen“ als Anstoß zur Selbsterkenntnis hat sich allerdings ein wenig verflüchtigt. Anna Bergmanns Inszenierung, die sie bereits vor vier Jahren am Lübecker Theater erarbeitet und nun nach Karlsruhe mitgebracht hat, will durch Verschärfung der dramatischen Linien sowie drastische szenische Würzung mit Sex und Gewalt belegen, dass das Thema keineswegs durch ist. Sie setzt den ewigen Geschlechterkampf als Showdown eines rabiaten Duells von Leib und Seele effektvoll in Szene. Am Ende gibt es einen schäbigen Kompromiss: Die Kombattanten Marianne und Johann, obwohl endlich geschieden und mittlerweile anderweitig verheiratet, finden sich auf der dürftigen Ebene eines außerehelichen Affäre. Sie können voneinander nicht lassen, aber sie können auch nicht miteinander auskommen. In der Spannung von Distanz und Nähe, erotischer Anziehung und wütendem Hass, Dominanz und Abstoßung entspinnt sich ein Psycho-Gemetzel, in dem keiner gewinnen kann. Und so durchläuft das Paar in diesem Stationendrama immer neue Wechselbäder krasser Gemüts- und Gefechtslagen – von verbaler Niedertracht und vergifteter Kränkung über sexuelles Begehren und unheilbare Sehnsucht bis hin zu enthemmter Prügelei und der Errichtung immer neuer Lügengebäude unter dem Anschein schonungsloser Offenheit. Die beiden Darsteller halten den Spannungsbogen der sechs Bilder mit intensivem Spiel und vitaler Ausdruckskraft überzeugend durch. Auf dem Gang durch wechselnde Räume des Theaters vom engen Requisitenfundus über eine Schauspieler-Garderobe und die mittlere Foyer bis ins Studio begeben sie sich in den Strudel ihrer Hassliebe und führen die Facetten ihrer Beziehung mit beklemmender Wucht vor. Beim Versuch der Rettung vollzieht das Paar schließlich unter heftigem Schluchzen und trotzigem Aufbegehren einen verzweifelten Not-Beischlaf, der in umso größerer Tristesse endet. Als Marianne entwickelt Sina Kiessling die Studie einer unglücklichen Frau, die sich unter Qualen aus den Fesseln ihrer Ehe befreit, allmählich an Stärke gewinnt und doch nur eine halbe Emanzipation von ihrem Mann schafft. Den Johann verkörpert Timo Tank als subtil angelegtes Musterbeispiel eines kaum verhohlenen Erzchauvis, der mit bedenkenlosem Egoismus die Bedürfnisse seiner Frau ignoriert und bei all seinem dröhnenden Machogehabe erkennen lässt, dass auch er aus dieser Eheschlacht nicht ohne Verletzungen hervorgeht. Das Premierenpublikum quittierte die bemerkenswerte Demonstration solider, ehrlicher Schauspielkunst mit starkem Beifall. Info Karten gibt es wieder für die Vorstellungen am 3. und 22. Januar unter Telefon 0721 933333, www.staatstheater.karlsruhe.de.

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