Kultur Südpfalz Aus dem Leben eines Skandalkünstlers

Serge Gainsbourg, französischer Skandalkünstler des vergangenen Jahrhunderts, wäre heute 90 Jahre alt, doch seine Beischlafhymne „Je t’aime“ hält ihn wohl ewig jung. In einem „biografischen Chansonabend“ lässt der Schauspieler und Sänger Dominique Horwitz das Enfant terrible noch einmal auferstehen. Am Donnerstag feierte die Produktion des a.gon Theaters München Premiere in Festhalle Landau.
„Je t’aime – moi non plus“ - wer kennt sie nicht, die lustvoll stöhnend gehauchte Beischlafhymne, die Gainsbourg und seine (Lebens)Partnerin Jane Birkin 1969 mit einem Schlag berühmt und berüchtigt machte. Stimme und Statur verleiht ihm der deutsch-französische Kabarettist, Theatermann und Sänger Dominique Horwitz, der sich auf die musikalische Gestaltung von Berthold Warnicke, Operndirektor am Mainfrankentheater Würzburg, sowie die Arrangements von Peter Engelhardt (Gitarre) und die Professionalität der Musiker Kai Weiner (Klavier, Akkordeon), Johannes Huth (Bass/ Kontrabass) und Volker Reichling (Schlagzeug) verlassen kann. Ihre Interpretationen machen aus den meist eher ruhig und mit melancholischer Lakonie vor sich hinplätschernden Originalen hoch intensive, stark akzentuierte, hart, kantig und überaus charismatisch wirkende Songs, weshalb sie ihre so typisch französische Eleganz, Leichtigkeit und vage Gleichmütigkeit einbüßen, aber dem dramatischen Konzept des Autors sehr entgegenkommen. Horwitz lässt Gainsbourg als bereits recht verlebten Künstler Rückblick auf sein skandalträchtiges Leben halten. Und diese Perspektive schließt das Wissen um die Folgen all der provokativen Handlungen, vielen Liebschaften und zügellosen Laster mit ein. Horwitz bricht die so entstandenen Schrammen und Wunden, seelischen Verletzungen und körperlichen Narben sowohl erzählerisch als auch singend mit einer gelungenen Mischung aus Schnoddrigkeit und Sarkasmus auf, legt dabei den schwierigen Charakter dieses innerlich zerrissenen Franzosen mit den jüdisch-ukrainischen Wurzeln bloß und verbindet die wichtigen Ereignisse seines Lebens mit den entsprechenden Chansons. Die legendäre Brigit Bardot, für die er sein unvergessliches „Je t„aime“ ursprünglich geschrieben hat, bekommt mit „Initials B.B“ einen besonders schönen „Auftritt“ in diesem privaten Musiktheater. Und der einstmals gemeinsam eingespielte Song „Bonnie & Clyde“ wird nun als Solo zu einem großen Bühnendrama. Und wie war das nun mit „Je t’aime“? Ja, es war tatsächlich da. Allgegenwärtig und doch nicht greifbar. Sehr raffiniert wurde es kurz vor der Pause arrangiert, von Horwitz sehr sinnlich eruiert, weil er Gainsbourg auch hier das wissende Eintauchen in die unwiederbringliche Vergangenheit – samt schmetternd-explosivem Schlussstrich – erlaubt. Später klang der Ohrwurm noch einmal an, diesmal mit gebrochen rauer Stimme, nun aber als Liebeserklärung an all die „Gitanes, moi non plus“, die sich zwischen die Lippen des Sängers schoben und zu seinem frühen Tod beitrugen. Horwitz verharrte als konservativ mit Mikrofon ausgestatteter Erzähler mal stehend, mal sitzend auf einem einzigen Fleck und vertraute ganz und gar seiner fesselnden Bühnenpräsenz, die durch die Konzentration auf das Wesentliche größtmögliche Intimität erreichte. Allerdings klebten seinen Augen noch allzu sehr am Text auf seinem Notenpult, so dass der rekapitulierende Spaziergang in die Vergangenheit mitunter einen unpassend rezitierenden Charakter annahm. Um so eindringlicher gerieten die Chansons-Interpretationen, bei denen die sanfteren Titel den stärksten Applaus verdienten. Der ließ am Ende den Saal geradezu erbeben. So klang der gelungene Abend mit der Reggae-Version der Marseillaise als Zugabe aus.