Sport WM-Tagebuch (13): Kasan sieht Fußballgeschichte

Schöne Hauptstadt Tatarstans bekommt Kapitel in DFB-Historie
Spektakulär. Sehenswert. Erlebenswert. Nein, ich habe das Angebot, künftig für das Touristik- und Marketingteam des Fremdenverkehrsbüros „Visit Tatarstan“ zu arbeiten, nicht angenommen. Ich habe eine solche Offerte nicht mal bekommen. Aber es fällt nicht schwer, von der halbautonomen russischen Republik und besonders deren Hauptstadt Kasan begeistert zu sein und diese Freude teilen zu wollen. Nur für die deutschen Fußballer war Kasan keine Reise wert. Touristen hat ein Spaziergang gestern Vormittag durch die 1,2 Millionen Einwohner zählende Stadt an der Wolga und der Kasanka bei Weitem nicht gereicht, um sie in ihrer ganzen Schönheit zu erfassen. Auch Fußballfreunde aus vielen Ländern sind in der Fußgängerzone und im Palastgelände des Kasaner Kreml überall stehen geblieben, um zu fotografieren. Und überraschenderweise waren die allerwenigsten Motive Selfies. Dafür ist die Architektur aus vielen Jahrhunderten zu spektakulär in der – wie in einigen Städten bisher bei dieser WM – ständig blitzblank gekehrten Innenstadt. Europa trifft Asien. Kulturell passender hätte der Spielort für die durch den 2:0-Sieg der Asiaten historisch gewordene Partie gestern zwischen Deutschland und Südkorea gar nicht sein können. Ein faszinierender Mix der Kulturen und Religionen hat sich gestern nicht nur an der sehenswerten Kul-Scharif-Moschee und der nicht minder prachtvollen orthodoxen Mariä-Verkündigungs-Kathedrale in unmittelbarer Nachbarschaft gezeigt. Hier singen der Muezzin und der orthodoxe Priester ihre Gebete parallel. Neben den vielen verschiedenen Gotteshäusern boten gestern auch die bunt gemischten Fangruppen, die durch die Stadt schlenderten, ein schönes Bild des Miteinanders. Viel mehr als schlendern war bei schwül-heißen Temperaturen von bis zu 30 Grad kaum möglich, es sei denn, man ist Südkoreaner. Auch einige Frauen und Freundinnen der deutschen Nationalspieler ließen sich eine kleine Stadtführung, die der DFB für sie organisiert hatte, nicht entgehen. Noch waren sie sehr entspannt. In der Fußgängerzone waren nicht wenige südkoreanische Anhänger etwas überraschend in Deutschland-Trikots unterwegs. Thomas Müller und dessen Rückennummer 13 waren besonders beliebt bei den Koreanern. Da wussten sie noch nicht, dass ihr Idol sieben Stunden später vor Enttäuschung weinen würde. Auch Müllers Verein war auf den Straßen von Kasan bestens vertreten – nicht nur bei den deutschen Fans: Ein russischer Anhänger mit Bayern-München-Trikot und Hut in den russischen Nationalfarben Weiß, Blau und Rot fiel auf durch diese doch nicht gerade alltägliche Kombination. Zum Fremdschämen war der Auftritt eines deutschen Anhängers mit dem DFB-Trikot als „Unterhemd“ – darüber trug er eine riesige Eintracht-Braunschweig-Flagge: Extrem laut „Die Nummer eins der Welt sind wir“ grölend lief er durch die Straßen von Kasans Altstadt. Moment, Eintracht Braunschweig ist doch mit dem 1. FC Kaiserslautern gerade in die Dritte Liga abgestiegen. Und Deutschland? Der Weltmeister hat abgedankt. In Kasan wurde gestern ein für die Deutschen trauriges Kapitel Fußballgeschichte geschrieben.