Meinung
WM in Katar: Die größten Gewinner sind nicht die Sportler
Lionel Messi oder Hugo Lloris, geeint in der Tatsache, dass ihr durchgeschwitztes Trikot noch am Körper klebt, einer wird am Sonntagabend in Katar den goldenen WM-Pokal in den Himmel heben. Der Kapitän der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft oder eben der Kollege aus Frankreich darf sich in diesem Moment fühlen, als habe er den Gipfel aller Möglichkeiten erreicht. Im Lusail-Stadion in Doha wird im Endspiel der sportliche Sieger geehrt, während die größten Gewinner der Weltmeisterschaft wenige Meter entfernt stehen und lächeln werden: Emir Tamim bin Hamad Al Thani und Fifa-Präsident Gianni Infantino.
Selten war der Gastgeber einer Weltmeisterschaft im Fußball im Vorfeld der Veranstaltung derart umstritten, selten wurde er von außen derart stark angefeindet – und noch nie hat ein Gastgeber seine selbst gesteckten Ziele derart exakt erfüllt. Katar und mit ihm die Herrscherfamilie um Emir Al Thani wollten der Welt beweisen, das Turnier perfekt organisieren zu können. Das gelang. Es gab kurze Wege, keinerlei Ausschreitungen. WM-Touristen, vor allem Frauen, durften sich sicher fühlen. Es dürfte nicht lange dauern, bis Katar sein Interesse an der Ausrichtung von Olympischen Sommerspielen verkündet.
Katar hat seinen Auftrag übererfüllt
Schließlich ist dem Emirat daran gelegen, als Gastgeber mit der Hilfe von emotional aufgeladenen Sport-Großveranstaltungen Sympathiepunkte zu sammeln, um sich nicht nur dank der Gasvorkommen im Boden in der Weltgemeinschaft zu positionieren. Global betrachtet wurde dieser Auftrag übererfüllt, ungeachtet der anhaltenden Kritik aus Deutschland und weniger weiterer europäischer Länder mehr.
Es ist auffällig, dass der zweite große Gewinner der WM-Wochen am Persischen Golf wie Katar auch besonders laut aus Deutschland kritisiert wird. Vor dem WM-Start entzog der Deutsche Fußball-Bund dem Chef des Weltverbandes Fifa die Unterstützung für die im kommenden Frühjahr anstehende Wiederwahl. Einen eigenen Kandidaten wolle man allerdings nicht aufstellen, ließ DFB-Präsident Bernd Neuendorf wissen.
Infantino ist mächtiger denn je
Infantino hätte sich daran sicher nicht gestört, seine Macht innerhalb des Weltverbandes ist ungebrochen groß, mehr noch, sie ist größer denn je. Der Schweizer kann sich des Rückhalts in Afrika, Asien und Südamerika gewiss sein, weil er mehr und mehr Geld für jeden einzelnen Landesverband beschafft. Durch die klare Machtdemonstration im Streit um die „One-Love“-Binde hat er nach außen hin noch an Reputation gewonnen. Aus Sicht der Infantino-Kritiker geriet die Debatte zu einem klassischen Eigentor.
Zudem bedeutete das Turnier in Katar im Bestreben von Infantino, immer noch mehr Geld mit der Ware Männer-Weltmeisterschaft zu verdienen, einen Quantensprung. Besser und deutlicher hätte die Kommerzialisierung des Sports aus Sicht Infantinos nicht zementiert werden können. Im Fußball-Kosmos ist der Fifa-Boss unantastbar, stürzen könnten ihn vermutlich nur noch Staatsanwaltschaften, falls ihre Ermittlungen in Bezug auf Korruption belastbare Ergebnisse ans Licht bringen.
Der mächtige Boss der Fifa hat aus dem Fußball heraus keinen Gegner mehr zu fürchten, weil die wenigen europäischen Verbände, die öffentlich Kritik äußern, wenig Gewicht haben – und zudem nicht bereit sind, Risiken einzugehen, um ihre Überzeugungen durchzusetzen.