Interview
„Wir bauen ein neues Gerüst“ [mit Video]
Frau Kettemann, es sind schwierige Zeiten, wie ist der Stand der Dinge?
Kettemann: Es ist turbulent. Ich versuche, die ganzen Themen von der Mannschaft fernzuhalten, damit sich die sportliche Seite einfach aufs Handball spielen konzentrieren kann. Wir versuchen im Hintergrund Rahmenbedingungen zu schaffen. Nach langem Kampf, muss man sagen, und vielen Gesprächen haben wir die neue Verordnung, die 20 Prozent an Zuschauern vorsieht. Dafür sind wir dankbar. Weit mehr als 60 Prozent unseres Etats bestreiten wir mit Zuschauereinnahmen. Wir sind auf Zuschauer angewiesen. Ansonsten können wir nicht überleben. Wir wollen unbedingt Zuschauer in der Halle haben, dafür kämpfen wir. Die ersten Spiele müssen wir ohne Zuschauer machen, damit haben wir uns schwer getan. Aber so schnell konnte die Arena das neue Konzept nicht umsetzen.
Welche Anzahl an Zuschauern wäre wirtschaftlich?
Kettemann: Das ist schwer zu sagen, da sich die Verordnungen ständig ändern. Wir warten noch auf eine vollständige Aufstellung der SAP-Arena, um das final bewerten zu können. Wirklich wirtschaftlich ist die ganze Geschichte mit 20 Prozent immer noch nicht. Aber es geht ja auch darum, ein Stück zurück zur Normalität zu kommen. Würden wir alle Dauerkartenbesitzer reinbekommen, wäre das der Situation angemessen.
Wie schwer war es für den Sportchef, in der Corona-Zeit eine Mannschaft zusammenzustellen, die womöglich um den Titel mitspielen kann?
Roggisch: Sicherlich hat es Corona nicht einfacher gemacht, das geht allen Vereinen so. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir Lukas Nilsson noch verpflichten konnten. Das war Spitz auf Knopf. Der Transfer tut uns sehr, sehr gut. Wir haben mit Mait Patrail noch einen Spieler gefunden, der uns im Innenblock weiterhilft. Auch wenn er in der Vorbereitung angeschlagen war. Somit haben wir gute Lösungen gefunden. Man merkt schon, dass sich der Markt bewegt, viel Unsicherheit herrscht, einige Vereine wirtschaftliche Probleme haben. Das wird keine einfache Saison werden, für keinen Verein. Bislang denke ich, haben wir es gut gelöst, auch mit Rafael Baena, der uns sofort weiterhelfen kann.
Herr Schwalb, Sie haben das Team im Februar übernommen, wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?
Schwalb: Es waren ja nur vier Spiele bis März, dann ist Corona über uns hereingebrochen. Dann gab es einige Monate ja nicht die Möglichkeit, zusammen zu arbeiten. Das machen wir nun, sehr intensiv. Man merkt das jetzt auch, dass wir ein gemeinsames Bild hinbekommen. Das Abwehrsystem greift, die Wechsel greifen, wir haben viel in die Abläufe im Angriff investiert, wir lechzen danach, das nun im Wettkampf zu zeigen. Grundsätzlich haben wir eine gute Gemeinschaft. Ich bin sehr hoffnungsfroh.
Bei wie viel Prozent ist die Mannschaft, wenn es am Sonntag mit der Partie gegen Stuttgart losgeht?
Schwalb: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Wir sind bei 100 Prozent, was die Kondition betrifft. Die Wettkampfhärte hatten wir bisher nicht, beziehungsweise erst einmal in Holstebro. Dem müssen wir uns stellen. Man wird schnell sehen, was diese Mannschaft will. Und wenn nicht, werde ich es den Spielern noch mal deutlich sagen.
Romain Lagarde hatte Anpassungsschwierigkeiten ...
Schwalb: ... Romain ist ein super Handballer. Er ist angekommen. In Holstebro hat er sogar ein Tor vom Kreis gemacht. Das muss man erst einmal hinbekommen. Ich habe in meiner Karriere kein Tor vom Kreis erzielt.
Wie hoffnungsfroh ist der Kapitän?
Gensheimer: Unter Druck ist es immer noch mal etwas anderes. Die Abläufe klappen zu 100 Prozent im Training, aber dann hat man im Spiel eine Zehntelsekunde weniger Zeit zum Überlegen. Darauf kommt es an. In Holstebro liefen die Dinge schon gut, es waren aber auch Situationen, in denen wir überrascht waren. Das dürfen wir uns langfristig nicht erlauben. Sonst verlieren wir Punkte.
Die Spiele im BGV-Cup, konnte die Mannschaft da etwas mitnehmen?
Gensheimer: Das waren Trainingsspiele. Es war schön, nach langer Zeit wieder in der Halle zu sein und vor Zuschauern zu spielen.
Die Experten tippen auf den THW Kiel.
Roggisch: Wir auch. Sander Sagosen macht jede Mannschaft der Welt besser. Er ist aktuell der beste Spieler der Welt. THW ist der Topfavorit, hat mit Abstand den besten Kader.
Herr Schwalb, es gab eine kleine Zäsur im Kader, Mads Mensah Larsen und Gedeón Guardiola gingen. Wie bewerten Sie das?
Schwalb: Eine neue Mannschaft wird nicht auf dem Gerüst der alten aufgebaut. Das wird nicht gemacht, und das soll auch nicht gemacht werden. Wir bauen uns ein neues Gerüst. Da geht es jetzt nicht darum, einen Mads zu ersetzen und zu sagen, der Mads hat immer den Pass nach links gespielt. Das ergibt keinen Sinn, Mait Patrail zu sagen, Gede hat das immer so gemacht. Nein, wir bauen unsere eigene Mannschaft, und wollen unsere eigene Geschichte schreiben. Ich war lange weg, so viel hat sich aber nicht geändert. Ich bin ein Kind der Bundesliga, es macht sehr viel Freude.
Sie waren mit Corona infiziert, gehen Sie seitdem mit der Sache anders um?
Schwalb: Man muss noch einmal den Zeitpunkt festlegen, als wir das hatten. Ich will nicht jammern, aber es war keine einfache Situation. Die ganze Welt stand still, ich las jede Zeitung, es gab pro Tag 15 Sondersendungen. Es gab nichts anderes mehr – und ich hatte es. Das war kein schönes Gefühl. Ich dachte: Hoffentlich wache ich morgen auf. Das war anstrengend für den Kopf. Ich wundere mich schon, dass manche sich freiwillig anstecken wollen. Ich würde da mal ein bisschen langsam machen.
