American Football
Wie Amon-Ra St. Brown mit den Detroit Lions in der NFL überzeugt: Im Höhenflug
23 Sekunden, die eine gefühlte Ewigkeit dauern, beschreiben, was die Detroit Lions in der National Football League (NFL) ausmacht – in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Kurz vor dem Spielende fängt Amon-Ra St. Brown einen Pass von Quarterback Jared Goff, dank des Touchdowns verkürzen die Lions gegen die Dallas Cowboys zum 19:20. Doch statt den vermeintlich sicheren Extrapunkt zum Ausgleich und für die Verlängerung zu kicken, entscheidet sich Trainer Dan Campbell für einen riskanteren Spielzug, zwei Punkte sollen her und damit der Sieg.
Zwar glückt der Versuch, doch die Schiedsrichter erkennen ein Vergehen und sprechen eine Strafe aus. Es ist eine falsche Entscheidung, die NFL entschuldigt sich später und zieht die Referees für den Rest der Saison aus dem Verkehr. Zwei weitere Male muss der Spielzug wiederholt werden, nun misslingt das Unterfangen. Die Lions verlieren auf eine Weise, wie es vor allem die Lions tun: ziemlich dramatisch.
Die drittlängste Durststrecke in der NFL
Und doch zeigen diese 23 Sekunden auch eine Entwicklung des Teams aus Detroit – nämlich von einer chronischen Verlierertruppe, die viel Mitleid erfährt, hin zu einer gestandenen Mannschaft, die auch Rückschläge souverän wegsteckt. Denn zu diesem Zeitpunkt sind die Lions bereits sicher für die Play-offs qualifiziert.
„Diese Lions-Mannschaft ist sehr tough“, sagt der deutschstämmige Ballfänger St. Brown gegenüber der RHEINPFALZ. „Wir lieben uns alle und wissen, dass diese Chance nicht immer kommt. Die Zeit ist jetzt.“ Die Lions sind das einzige NFL-Team, das seit Beginn der Super-Bowl-Ära 1967 dabei ist, aber noch nie im Endspiel stand. Geht es nach St. Brown, soll sich das bald ändern, am besten schon Anfang Februar in Las Vegas. Zwölf Siege haben sie in dieser Saison gesammelt und nur fünf Spiele verloren. Damit endet die drittlängste Durststrecke der NFL, seit 2016 waren die Lions nicht mehr in den Play-offs dabei.
Die Mannschaft ist im Höhenflug – und daran hat auch St. Brown großen Anteil: In seiner dritten NFL-Saison ist er die Hauptanspielstation von Quarterback Goff geworden, er hat 119 Pässe gefangen und damit 1515 Yards Raumgewinn erzielt, zehn Touchdowns sind ihm gelungen. „Es ist mein drittes Jahr in dieser Offensive, es fühlt sich sehr gut an“, sagt er. Der 24-Jährige, der als Kind auch mal die Fußballschule von Bayer Leverkusen besucht hat, ist der drittbeste Receiver der Liga und zum ersten Mal zu einem der drei Teamkapitäne seiner Mannschaft ernannt worden. „Das war sehr cool. Ich fühle mich als Leader“, sagt er.
Nur die Haarfarbe ist anders
Der Sohn einer Deutschen und eines ehemaligen US-Bodybuilders ist vor dem ersten Play-off-Spiel seiner Karriere froh und aufgeregt zugleich. Deshalb will er die Herausforderung so normal angehen wie möglich: „Die Vorbereitung ist die gleiche. Ich ändere nichts an den Abläufen: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag“, sagt er. Training, Besprechungen, Videoanalysen. Anders ist vor der K.o.-Phase nur seine Haarfarbe: Bereits vor der Saison habe er seinen Kollegen versprochen, dass seine Haare die Teamfarbe Blau bekommen, wenn die Mannschaft die Play-offs erreicht. Daran wurde er nun erinnert. „Und dann muss ich das auch machen“, sagt St. Brown und grinst. Auf dem Helm trägt er die deutsche und die US-Flagge.
In der Nacht zu Montag deutscher Zeit spielen die Lions gegen die Los Angeles Rams – und damit gegen ihren einstigen Quarterback Matthew Stafford. „Es ist das erste Spiel für Stafford in Detroit, seit er gewechselt ist“, sagt St. Brown. „Es wird ein gutes Spiel.“ Nach zwölf tristen und erfolglosen Jahren in Detroit hatte er als einer der talentiertesten Spielgestalter seiner Generation genug und wechselte Ende Januar 2021 nach Los Angeles. Prompt gewann Stafford den Super Bowl. Zwei Jahre zuvor hatten die Rams schon einmal im Endspiel gestanden und verloren – mit Goff als Quarterback. Für den ganz großen Triumph befand ihn Coach Sean McVay als nicht gut genug und schickte ihn im Gegenzug nach Detroit. Dort gelangen ihm nun 30 Touchdown-Pässe und 4575 Yards Raumgewinn.
Die Lions zeigen, dass die NFL-Idee funktionieren kann
Mit dem Quarterback-Tausch begann das Märchen, das die Detroit Lions aktuell schreiben. Denn neben Goff erhielten sie auch dreimal zusätzlich das Recht, ganz früh einen Nachwuchsspieler bei der jährlichen Talentbörse auszuwählen. Weitere geschickte Tauschgeschäfte folgten. Die Lions verstärkten sich gezielt und zeigten so, dass die Idee der NFL funktionieren kann. Die Liga verspricht eine möglichst große Ausgeglichenheit, mittelfristig soll jedes Team in der Lage sein, den Titel zu gewinnen – auch wenn Jahre der Erfolglosigkeit dazu gehören können.
Federführend beim Aufbau der Mannschaft war Manager Brad Holmes. 2020 kam er nach Detroit, passenderweise von den Los Angeles Rams. Er engagierte Trainer Dan Campbell, der mutige Entscheidungen trifft, die Mannschaft offensiv und auch aggressiv auftreten lässt. In der Eröffnungspartie dieser Saison siegte Detroit bei Titelverteidiger Kansas City Chiefs mit 21:20. Schon da ließ sich erahnen, wo die Reise hingeht. Als ehemaliger Lions-Spieler ist Campbell in der wirtschaftlich gebeutelten Stadt eine Identifikationsfigur. Das Duell mit den Rams ist das erste K.o.-Spiel seit 30 Jahren im heimischen Lions-Stadion. „Für die Stadt und die Lions bedeutet das viel. 30 Jahre ist eine lange Zeit“, sagt St. Brown: „Wir haben es verdient als Mannschaft und ich glaube: wir sind bereit.“