Sport & Corona
Wettlauf mit der Zeit
Herr Professor Nieß, die Olympischen Spiele stehen auf der Kippe. Darf der Sport sich bei den Impfungen vordrängeln?
Nein. Einen Impf-Vorrang für Teilnehmer bei den Olympischen Spielen sollte es nicht geben.
Warum nicht? Der Wunsch ist doch nachvollziehbar, sportliche Großereignisse stattfinden zu lassen, um die Bevölkerung zu unterhalten?
Aus der Sicht des Leistungssports wäre das zunächst nachvollziehbar. In unserer Gesellschaft sollte aber die Umsetzung der festgelegten Reihenfolge, welche Gruppe wann geimpft wird, ohne Ausnahmen auch gewährleistet bleiben. Spitzensportler sollten da keine Sonderrolle einnehmen. Es geht jetzt akut darum, die Todesraten zu senken, indem man zunächst Risikogruppen immunisiert. Am Ende wird auch der Sport davon profitieren, dann nämlich, wenn in vielen Lebensbereichen wieder so etwas wie Normalität einkehrt.
Ließe sich das der Bevölkerung überhaupt glaubhaft vermitteln?
Soweit sich das Meinungsbild nicht geändert hat, sind mehr als zwei Drittel der Deutschen gegen eine Bevorzugung von Sportlern.
Und was ist mit Zuschauern: Sollten Geimpfte früher wieder rein in Stadien und Hallen dürfen als Ungeimpfte? Schließlich hängen an einigen Sportarten Existenzen, Wirtschaftszweige – die Zukunft der Athleten…
Das ist genau der Punkt. Die aktuellen Impfstoffe schützen vor einem schwereren Verlauf der Krankheit, das zeigen die Studien. Man weiß aber nicht, ob die Impfung auch die Übertragung des Sars-CoV-2–Virus wirkungsvoll unterbindet. Man muss damit rechnen, dass Geimpfte zwar geschützt sind, aber dennoch Überträger sein können. Es nützt also nichts, Geimpfte in die Stadien zu lassen, solange man das nicht weiß. Das hätte sonst möglicherweise schlimme Folgen.
Wären Olympische Spiele ohne Impfung zu gefährlich für Athleten?
Letztendlich wird es eine Risikoabwägung geben müssen, die vor allem die Hygienekonzepte auf den Prüfstand stellen sollte. Da sollte insbesondere der Expertise der Virologen, Hygieniker und Epidemiologen Gehör geschenkt werden. Bei der Umsetzung eines Konzepts habe ich bei den Japanern eigentlich erstmal kein schlechtes Gefühl. Eine Herausforderung ist hier aber das Anreisen von Sportlern und Sportlerinnen aus der ganzen Welt, die im Sommer 2021 wohl noch viele Risikoregionen haben wird.
Ab welchem Inzidenzwert halten Sie große Sportevents für vertretbar? Sowohl für Athleten als auch für Zuschauer?
Das lässt sich schwer sagen, das müssen Virologen oder Epidemiologen beantworten.
Corona grassiert und macht vor nichts und niemandem Halt. Erschüttert Sie das als Mediziner?
Ja. Vor allem, weil wir nun zu viele Tote zu beklagen haben. Im Frühjahr kannten wir das nur von Bildern aus Bergamo.
Sind Sportler mehr oder weniger gefährdet als unsportliche Menschen?
Generell kann man davon ausgehen, dass ein Sportler, der regelmäßig trainiert, in aller Regel einen gewissen Vorteil in Hinblick auf seine Immunfunktion hat. Was das für eine Sars-CoV-2-Infektion bedeutet, ist allerdings noch unklar. Ein Sportler steckt sich wohl genauso an und kann das Virus ebenso gut übertragen. Denkbar ist aber, dass er einen milderen Verlauf zeigt, weil sein Immunsystem das Virus besser reguliert und bekämpft. Ob das tatsächlich so ist, müssen Studien klären.
Haben Sie Kontakt zu infizierten Sportlern? Was berichten diese?
Wir sehen in unserer Ambulanz regelmäßig Athleten, die nach überstandener Infektion wissen wollen, ob sie wieder in intensiven Sport einsteigen können. Und wir sehen die, die noch über Beschwerden klagen. Da ist das Bild sehr heterogen. Der größere Teil hat keine Beschwerden und auch keine auffälligen Befunde mehr. Allerdings ist ein deutlicher Leistungsknick nicht selten oder auch Atemnot bei plötzlich hoher Belastung.
Gibt sich das mit der Zeit oder bleiben die Folgeschäden?
In welcher Häufigkeit Folgeschäden zurückbleiben, kann man aktuell noch nicht sagen.
Was macht das Virus im Körper eines Sportlers?
Das Virus dringt über Andocken an sogenannte ACE-Rezeptoren in Körperzellen ein, um sich dann dort zu vervielfältigen. Da eine Reihe an Organen diese ACE-Rezeptoren auf der Zelloberfläche besitzen, kann es vielfältige Auswirkungen haben. So kann es zum Beispiel an Herz oder Lunge über eine Abwehrreaktion des Immunsystems zu Entzündungsprozessen führen. Am Herzen besteht dabei das Risiko einer Herzmuskelentzündung, eine sehr ernstzunehmende Komplikation, gerade für sich hoch belastende Sportler. An der Lunge können asthmatische Beschwerden auftreten und unter Umständen auch eine Vernarbung, also eine Fibrose des Lungengewebes. Beschrieben sind weiterhin auch das Auslösen von Muskelbeschwerden, Müdigkeitssyndromen oder Symptomen am Nervensystem durch das Virus. Im Moment fehlt noch die Datenbasis, um sagen zu können, in welchem Ausmaß zum Beispiel auch Sportler mit entsprechenden Komplikationen zu rechnen haben. Da ist Geduld gefragt.
Nach einer Infektion: Wie lang sollte ein Leistungssportler pausieren? Was muss durchgecheckt werden, bevor er wieder an die Belastungsgrenze geht?
Ein positiv auf das Coronavirus getesteter, aber symptomfreier Sportler sollte zwei Wochen auf intensive Sportbelastungen verzichten. Wenn zusätzlich Symptome bestehen, entscheiden deren Art und Intensität über die Länge der Pause. Symptomatischen Sportlern raten wir zumindest ein Pausieren von zwei Wochen.
Welche Gefahren bestehen sonst?
Wie häufig ernsthafte Komplikationen auftreten können, ist derzeit noch schwer zu bemessen. Bei der Beratung erkrankter Sportler muss man sich daher leider am Worst Case orientieren. Auch wenn wir Hinweise haben, dass viele Covid-19 infizierte Sportler keine oder wenig Symptome zeigen und sich gut von der Infektion erholen, so mahnen anders verlaufende Fälle und Befunde Grund zur Vorsicht.
Kann es zu starken Leistungsveränderungen kommen?
Bei Sportlern, die Symptome haben, ist eine vorübergehende Leistungsverringerung häufig. Allein die notwendige Trainingspause und die Quarantäne führen ganz automatisch zu einem Fitnessverlust. Das ist auch bei anderen Infektionen und Erkrankungen nicht selten. Durch einen sorgfältigen Trainingsaufbau in der Rekonvaleszenzphase gelangt man aber wieder zu normaler Fitness.
Kann es passieren, dass bleibende Schäden an Herz und Lunge nach einer Coronainfektion Karrieren beenden?
Ob es nach einer Infektion zu längeren oder gar bleibenden Leistungseinschränkungen kommen kann, ist derzeit noch ziemlich unklar. Bleibende Veränderungen gerade an Herz oder Lunge könnten hierzu allerdings beitragen. In diesen Fällen wäre dann, so bitter das klingt, auch ein Karriereende eine mögliche Folge.
Und Hobbysportler? Wie lange sollten die nach einer Infektion pausieren? Womit wieder leicht beginnen?
Ich sehe da keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Leistungs- und Hobbysportlern. Die ersten sportlichen Aktivitäten sollten im Ausdauerbereich liegen und da nur bei den Grundlagen. Von einer erhöhten Kreislaufbelastung zu Beginn ist dringend abzuraten. Aber das gilt auch nach anderen Infektionen, nicht nur nach Covid-19.