Wochenend-kolumne
Was die Fans von Eintracht Frankfurt und Ultras unterscheidet
Knapp 2000 Kilometer mit dem Auto oder Flüge über Tunis nach Barcelona: Die Anhänger von Eintracht Frankfurt nahmen allerlei Strapazen auf sich, um ihrer Mannschaft ins Camp Nou zu folgen. Das Stadion des FC Barcelona ist eine Kathedrale des Weltfußballs und geriet am Donnerstag „in die Hände“ der Schlachtenbummler aus Hessen. Fast 30.000 Fans der Eintracht hatten Tickets ergattert, sich mittels eines VPN-Tunnels mit einer spanischen IP-Adresse Karten in Tribünenbereichen gesichert, die spanischen Zuschauern vorbehalten sein sollten. Begeisterung und der Wunsch, beim „Jahrhundertspiel“ live dabei zu sein, sorgten für ungewöhnliche Maßnahmen.
Hier: Fanliebe zum Fußball
Die Bilder, die vor, während und lange nach der Partie aus der Arena über die TV-Geräte nach Deutschland transportiert wurden, waren außergewöhnlich, gingen unter die Haut – und sie zeigten, wozu Profi-Fußball trotz berechtigter Kritik in Bezug auf Millionengehälter und des Abdriftens in eine Parallelwelt immer noch in der Lage ist.
Die Fans von Eintracht Frankfurt hatten großen Anteil am Coup der Mannschaft in Barcelona, denn ihr Glaube an die Chance, den Favoriten zu stürzen, übertrug sich auf die Spieler. Die schwangen sich zu einer herausragenden Leistung auf und zeigten, dass man nicht pausenlos stürmen muss, um attraktiv zu spielen. Der Auftritt der Hessen war ein Lehrstück für die Symbiose eines perfekten und auf die Stärken der eigenen und der gegnerischen Spieler abgestimmten Matchplans mit der Homogenität einer Mannschaft mit ihren Fans. Man musste kein Eintracht-Fan sein und es auch nicht grundsätzlich mit deutschen Mannschaften im Europapokal halten, um sich an der Vorstellung der Hessen mit ihren Anhängern begeistern zu können. Man muss(te) nur den Fußball lieben.
Keine altruistische Liebe
Die Ultra-Szene in Deutschland und überall auf der Welt nimmt für sich in Anspruch, das Spiel mindestens so zu lieben, wie ich es tue. Allerdings interpretiert sie diese Liebe völlig anders als ich. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass die Ultras sich selbst aber noch ein Stück weit mehr lieben. In der Psychologie wird diese (krankhafte) Selbstverliebtheit mit Narzissmus beschrieben.
Wer liebt, sollte altruistisch, also selbstlos am Wohl des Gegenüber interessiert sein. Die Ultras stellen die eigenen Interessen immer wieder über die der Vereine, für die sie nach eigener Aussage bereit sind, alles zu geben. Die selbstlosen Taten der Ultra-Szenen innerhalb und außerhalb der Stadien stehen jedoch im krassen Widerspruch zu den Meldungen der vergangenen Tage.
Krankhaftes Selbstverständnis
Wenn Ultras entscheiden (wollen), welche Spieler das Recht verloren haben, das Trikot des eigenen Vereins zu tragen wie bei Hertha BSC am vergangenen Wochenende, wenn sie auf den Platz stürmen und mit Gesten andeuten, einem gegnerischen Akteur die Kehle durchschneiden zu wollen, falls der einen Elfmeter gegen die eigene Mannschaft verwandelt, wie gerade erst in der dritten italienischen Liga geschehen, wenn Ultras bei ihrem Klubvorstand vorstellig werden, um Freikarten und andere Sonderrechte zu fordern und im Gegenzug anbieten, auf Ausschreitungen zu verzichten – wenn solche Dinge passieren, hat das aus meiner Sicht rein gar nichts mit Liebe zu tun, sondern mit einem krankhaften Selbstverständnis. Solche und andere Aktionen können den Fußball zerstören und verstören mich zutiefst.
Zum Klarstellung: Nicht jeder Ultra beteiligt sich an solchen Aktionen, aber solche Aktionen gehen stets von Ultras aus.