Wochenend-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Warum das Bundesliga-Fieber vielen noch fehlt

Julian Nagelsmann.
Julian Nagelsmann.

Fußball-EM, Olympische Spiele, keine Zeit zum Durchschnaufen. Ohne Pause geht es jetzt mit der Bundesliga weiter. Da fehlt die Euphorie bei Beobachtern und manchem Fan. Spannung könnte ein Bayern-Experiment bringen.

Gestern Abend ging es schon wieder los. Gladbach gegen Bayern – das war wahrlich ein Klassiker zum Auftakt. Am Samstag starten die Dortmunder und der große Rest, Sonntag folgen die Leipziger und ein paar andere. Das Ende der Fußball-Europameisterschaft ist erst ein paar Wochen her, die Olympischen Spielen liegen gar erst ein paar Tage zurück – und nun geht es schon mit der Bundesliga los. Die Sportinteressierten hatten in diesem Sommer gefühlt gar keine Chance, mal durchzuschnaufen. Fußball-Freaks sind vermutlich voller Vorfreude, dass die Bundesliga startet, aber vielen anderen fehlt sie noch. Es ist gemeinhin schwierig, als Beobachter und Fan Lust zu verspüren, wenn man keine Möglichkeit hatte, etwas zu vermissen.

Das kann sich ändern, wenn die ersten Duelle, die vor bis zu 25.000 Zuschauern in den Arenen ausgetragen werden dürfen, spektakuläres bieten. Immerhin helfen Schlachtgesänge oder Pfiffe, mehr Atmosphäre ins Wohnzimmer transportiert zu bekommen. Wenn dadurch Spannung aufkommt. Wobei die Frage nach dem künftigen deutschen Meister keine offene ist. Sie lautet nicht: Wer steht am Ende ganz oben? Sondern: Was muss passieren, damit nicht der FC Bayern München ganz oben steht?

Das Bayern-Experiment

Vielleicht entsteht die Spannung an der Spitze durch das Experiment, dass die Münchner eingegangen sind. Ein zweifellos hochtalentierter, aber noch sehr junger Trainer wird auf ein Team losgelassen, das innerhalb der zurückliegenden zwei Jahre alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt – und deren Leistungsträger fast ausnahmslos älter als 30 Jahre sind. In dieser Konstellation schlummert das Potenzial für Missverständnisse und Ärger. Julian Nagelsmann ist schlau genug, nicht alles auf einmal anders machen zu wollen, dennoch werden die Stars der Bayern genau beobachten, was der innovative Jungstar auf der Trainerbank alles von ihnen abverlangt. Die nächste Bestmarke der Münchner, die zehnte nationale Meisterschaft in Serie, kann verfehlt werden, wenn der ehrgeizige Coach und die Lewandowskis, Neuers sowie Müllers keine gemeinsame Basis finden.

Kann die Konkurrenz Bayern-Schwächen nutzen?

In einer solchen Konstellation könnten die Dortmunder ihre Chance bekommen, die für alle nicht Bayern-Fans öde Phalanx zu durchbrechen. Wobei die Borussia zuletzt immer einen Weg fand, aus eigener Kraft dafür zu sorgen, den Bayern nicht allzu gefährlich zu werden. Den Leipzigern erging es ähnlich, zudem müssen sie sich nach den Abgängen des Sommers neu aufstellen. Alle anderen kommen ohnehin nicht in Betracht, wenn es um den Titel geht. Also stellt sich der Fußball-Interessierte darauf ein, dass er die Anziehungskraft der Liga aus den anderen Fragen speisen muss. Wer schafft es in den internationalen Wettbewerb? Wer muss absteigen, wer entkommt hingegen dem drohenden Absturz? Und was geht bei den Schalkern dieses Mal daneben – ach nee, die sind ja gar nicht mehr dabei.

Bundesliga macht beim Geld-Gigantismus nicht mit

Immerhin: Eine Tatsache macht die größten Klubs in der deutschen Fußball-Landschaft ein Stück weit sympathisch. In den vergangenen Wochen haben sie sich nicht an dem wahnwitzigen Geld-durch-die-Gegend-Gewerfe des europäischen Fußball-Hochadels beteiligt. Die vor einem Jahr durch die Pandemie von führenden Vertretern der Top-Klubs herbeigerufene Zeitenwende („Wir haben verstanden“) im längst überhitzten Business war nichts mehr als ein inhaltsloses Geschwafel.

Eines muss in der Diskussion und vor allem in der Verurteilung der scheich- oder investoren-geführten Kapital-Giganten des Kontinents, die irgendwann einfach nur Vereine waren, aber beachtet werden. Die Klubs der Bundesliga sind nicht grundsätzlich anständiger oder besser als die aus Paris, London, Manchester, Madrid und anderswo. Sie haben nur weniger Geld zur Verfügung und können deshalb bei Lionel Messi, Romelu Lukaku und den anderen nicht mitbieten.

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