American Football
Vor dem ersten NFL-Spiel in München: Mehr als ein Nachmittag
Beim Thema Geld schweigen Manager gerne, Alexander Steinforth ist da keine Ausnahme. „Es geht uns nicht darum, aus dem Spiel selbst Profit zu ziehen“, sagt der Deutschlandchef der National Football League (NFL) über die Partie zwischen den Tampa Bay Buccaneers und den Seattle Seahawks, die sich am 13. November in der Münchener Allianz-Arena gegenüberstehen. Es ist das erste Mal überhaupt, dass die NFL ein Saisonspiel in Deutschland austrägt. „Im besten Fall gehen wir mit einer schwarzen Null aus dem Spiel heraus“, sagt Steinforth. Die Ziele der NFL sind nicht auf diesen Sonntagnachmittag ausgelegt, sondern langfristiger.
Es war ein Nachmittag Anfang Februar in Los Angeles, als die aktuelle Begeisterung für American Football in Deutschland nochmals neuen Schwung erfuhr. Im Vorfeld des Super Bowls LVI gab die NFL bekannt, künftig Spiele auch in Deutschland ausrichten zu wollen, mit München als erstem Gastgeber. Steinforth saß ebenfalls auf dem Podium, damals war er noch recht neu als Chef der deutschen NFL-Außenstelle. Es habe noch ein paar Diskussionen gegeben, ob es besser wäre, bis 2023 mit dem ersten Spiel zu warten, sagt er nun. „Gemeinsam haben wir uns aber dann für 2022 entschieden.“ Sicher auch, weil das Interesse an Football derzeit enorm ist. Im Fernsehen ist die Kollisionssportart jeden Sonntag ein Quotenbringer, vom Nischensender wanderten die Übertragungen mittlerweile ins Hauptprogramm von Pro7. Die Ausgeglichenheit und Unberechnbarkeit der Liga machen für den Deutschlandchef den Reiz des Sports aus. Wer heute noch top ist, kann im nächsten Jahr schon Flop sein, Kräfteverhältnisse scheinen kaum zementiert zu sein.
„Eine nationale Attraktion“
Jedes der 32 NFL-Teams hat nur 17 garantierte Spiele pro Saison. „Wir sind uns bewusst, dass die Wertigkeit eines solchen Spiels deutlich höher ist als in manch anderer Sportart“, sagt Steinforth, „dieses Spiel zu haben, ist etwas sehr Besonderes und Außergewöhnliches.“ Außerhalb der USA ist die NFL bislang lediglich in London und Mexiko-City vertreten, zudem spielten die Bufallo Bills mehrfach in Toronto. „Wir wissen, dass bis zu 15 Prozent der Besucher der London Games aus Deutschland anreisen“, sagt er. Daher sieht er das Spiel in München auch als eine Art Belohnung für die deutschen Fans. Etwa 67.000 Zuschauer passen in die Allianz-Arena, die Eintrittskarten waren innerhalb weniger Minuten vergriffen.
Steinforth zufolge hätten aber sogar drei Millionen Tickets verkauft werden, 800.000 Menschen reihten sich in die virtuelle Warteschlange am Online-Ticketschalter. „Eine Zahl, die der Dienstleister sonst nur bei einem anderen Event weltweit gesehen hat, nämlich dem Super Bowl“, sagt Steinforth. „Die enorme Nachfrage ist für uns ein ganz tolles Zeichen und Bestätigung dessen, dass wir den Schritt nach Deutschland gemacht haben.“
Acht Monate Zeit
Neben München wird Frankfurt in den kommenden Jahren Liga-Spiele ausrichten, auch Düsseldorf hatte sich um die Gastgeber-Rolle beworben. Dort ist nun der Hauptsitz der NFL in Deutschland. Beim ihrem Engagement hierzulande wählt die Liga einen dezentralen Ansatz. „Wir wollen nicht nur eine lokale, sondern eine nationale Attraktion sein“, sagt Steinforth. Er will den NFL-Verantwortlichen in New York zeigen, welche Nachfrage es international und in Deutschland für das Produkt gibt. „Fan-Wachstum lautet unser Ziel“, sagt Steinforth, „wir wollen mehr Menschen für den Sport begeistern.“
Acht Monate blieben der NFL, um das Spiel in München vorzubereiten. „Standard sind 15 Monate“, sagt Steinforth, „und dann in einem Land mit einer neuen Sprache für die Liga, mit einem neuen Stadion und vor allem mit einem Stadion, in dem noch nie eine Nicht-Fußball-Veranstaltung stattgefunden hat.“ Seit Sommer wurde die Münchener Arena football-tauglich gemacht. Für die Endzonen musste das Spielfeld vergrößert werden, die Torstangen wurden installiert, die Kabinen umgebaut. Der Kader eines NFL-Teams ist deutlich größer als der einer Fußballmannschaft, er umfasst 53 Spieler und viele Trainer. Die NFL trägt die Kosten für den Umbau.
Liga-Boss vor Ort
Neben dem Spiel zwischen Seattle und Tampa mit Star-Quarterback Tom Brady bietet die Liga das, was sie auszeichnet. „Die Kombination aus Sport und Entertainment drücken wir nicht von uns weg, sondern sehen es als Teil unserer DNA“, sagt Steinforth. Das heißt: Fanparty rund ums Stadion, statt einer Halbzeitshow gibt es ein Konzert vor dem Anstoß. Welcher Künstler auftritt, ist noch nicht bekannt. In der Innenstadt gibt es eine Fanmeile und Shops für Fanartikel, die Brauhäuser sollen sich in NFL-Pubs verwandeln. „Die ganze Stadt wird in NFL-Farben erscheinen“, sagt Steinforth. Auch Commissioner Roger Goodell wird bei vielen Events zugegen sein.
Der Liga-Boss dürfte sich ein Bild vom deutschen Markt machen wollen – und davon, welches Potenzial hier noch schlummert. „Natürlich sind wir eine kommerzielle Liga und sind nicht nur mit Fan-Wachstum beschäftigt, sondern auch damit, wie wir es wirtschaftlich bestmöglich aufstellen“, sagt Steinforth. 2021 machte die NFL einen geschätzten Umsatz von rund 15 Milliarden US-Dollar – und ist damit beinahe so erfolgreich wie die fünf großen Fußball-Ligen in Europa zusammen. 2010 formulierte Commissioner Goodell das Ziel, dass NFL bis 2027 rund 25 Milliarden Dollar jährlich einnehmen soll. Und Deutschland dürfte bei diesem Plan durchaus eine Rolle spielen.