Interview
Tierethiker zu Pferdesport: „Urvertrauen des Tieres wird missbraucht“
Herr Hayer, drei tote Pferde an einem Rennwochenende in Aintree. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie eine solche Schreckensnachricht hören?
Das tut mir sehr weh. Gerade weil ja die meisten Tiere, die wir halten, Wesen sind, die sehr viel von sich geben. Die uns ein Urvertrauen entgegen bringen, das dann in solchen sportlichen Disziplinen oder auch unter gewissen Haltungsbedingungen missbraucht wird – und was teilweise bis zum Tod führt.
Ein hartes Urteil: Tödlicher Missbrauch in einer der ältesten Tier-Mensch-Beziehungen, neben jener mit dem Hund. Was muss aus tierethischer Sicht die Konsequenz sein?
Es gibt einige, die in der Tierethik – mit guten Argumenten – sehr vereinfacht sagen: Im Prinzip müssen wir die Beziehungen kappen, weil Tiere grundsätzlich Rechte haben müssen. Damit sind Tiere vollumfänglich Subjekte und sollten selbst entscheiden können, wohin sie gehen, bei wem sie sind und was sie mit den Menschen tun. Das ist der eine Ansatz. Ein anderer, jüngerer aus der Politikwissenschaft beruht zwar auch auf dem Tierrecht, sagt aber: Wir müssen diese Beziehung besser neu gestalten, es wäre irreal zu denken, wir könnten Tier-Mensch-Beziehungen kappen.
Das wäre in der Tat nicht realistisch.
Nun, daran haben wahrscheinlich auch viele Tiere kein Interesse. Der Rehpinscher etwa könnte allein gar nicht überleben. Insofern gibt es auch in der Tierethik einen Weg, die Beziehungen, auch mit dem Pferd, rechtlich-moralisch neu zu gestalten.
Als es im Umfeld des ohnehin sehr umstrittenen Hindernisrennens in Aintree, das wohlgemerkt mit den üblichen Rennveranstaltungen in Deutschland nicht vergleichbar ist, zu Tierschützerprotesten kam, reagierten die Jockeys schroff. Einer sagte sinngemäß: Die haben noch nie einen Stall von innen gesehen, die haben mir gar nichts zu sagen. Schadet das nicht dem Diskurs?
Persönliche Betroffenheit ist selten ein gutes ethisches Argument. Dann dürften Männer auch nichts zur Abtreibungsdebatte sagen. Im Übrigen könnte ich dann auch behaupten: Was kann ein Jockey ethisch beurteilen, wenn er selbst kein Pferd ist? Diese Betroffenheit ist also völlig irrelevant und oft ein Totschlagargument.
Der Jockey, ein Star der Szene, sagte auch: „Die Pferde haben einen Zweck in ihrem Leben, wie wir alle. Leider passieren schlimme Dinge, wenn Leute zur Arbeit gehen.“
Die Aussage sehe ich sehr kritisch, weil das Pferd ja überhaupt keine Wahl hatte, ob es in diese Form der Arbeitsbeziehung, so nenne ich jetzt mal, einwilligt. Gerten, Sporen, Gebisse – das sind alles Praktiken, die der persönlichen Entfaltung zum Freiheitsinteresse des Tieres entgegenwirken. Insofern ist die Argumentation problematisch, weil sie das Tier nur auf ein Objekt reduziert.
Dann ist aus Ihrer Sicht Sport mit Pferden an sich ein Unding.
Wir müssen dazu kommen, dass wir in die – derzeit noch etwas utopisch anmutende – Lage einer Augenhöhebeziehung kommen. Ich bin niemand, der wie auch viele andere Tierethiker Sport mit Tieren grundsätzlich ablehnen würde. Aber wir müssen dann von Gefährten und Partnern ausgehen. Das setzt eine Beziehung des Respekts voraus, den Willen zur Kommunikation, zum gegenseitigen Verstehen. Im speziellen Fall haben wir aber ein eindeutiges Hierarchiegefälle. Ich würde es also eher ablehnen.
Es gibt ja aber nicht nur den Profisport, sondern die Freizeitreiter, Kinder, die am Pferd den Umgang mit Tieren lernen, therapeutisches Reiten. Wie sieht es damit aus?
Beim Reiten ist es am ehesten eine Grauzone, weil es auch dort eine Beziehung zwischen Halter und Tier geben kann, die auch für das Tier produktiv ist. Es ist in dem Moment gut, wenn etwas Spielerisches hinzukommt: Dann kann Empathie für die andere Spezies entstehen, die auch gesellschaftlich wertvoll ist. Man muss Kinder mit Tieren konfrontieren, Begegnungszonen aufrecht erhalten. Spiel ist ja auch Lerneffekt.
Professionelle Dressur, das Springreiten, die Pferderennen auch für die Wetter – das ist also per se abzulehnen?
Bei diesen Sportarten geht es ja sehr stark um den ökonomischen Faktor. Einseitigen wirtschaftlichen Nutzen oder gar Ausbeutung lehne ich ab. Das führt automatisch dazu, das Tier als Ware beziehungsweise als Tauschfaktor zu sehen. Die Leistung des Tieres ist der Einsatz, um monetären Vorteil zu haben. Meistens gehen solche Beziehungen einseitig aus. Der Stierkampf ist das krassestes Beispiel.
Natürlich, denn dort stirbt der Stier.
Generell ist in der Tierhaltung auch problematisch, dass wir zu schnell einschläfern. Tiere, die verletzt sind, werden aus dem Verkehr gezogen. Die Denke dahinter: Das taugt nichts mehr. Das erleben wir bei aussortierten Legehennen, aber auch bei Pferden. Ja, es könnte nach einem Sturz vielleicht nicht mehr das Leben haben, das es hatte. Aber in den meisten Fällen gibt es gar nicht das Bemühen, mal nach tierärztlichen Alternativen zu schauen: Kann man dem Tier mit der Behinderung auf einem Gnadenhof noch ein Leben ermöglichen, kann man es palliativ unterstützen? All das fällt unter dem ökonomischen Druck weg – sich um das Tier auch zu sorgen, wenn es nicht mehr effizient ist.
Aber Sie würden doch sicher Pferdebesitzern oder Reitern zugestehen, dass sie es ernst und aufrichtig meinen, wenn sie sagen: Ich liebe mein Pferd.
Auf jeden Fall. Sport und Spiele können ein Erprobungsfeld für Kommunikation und Empathie sein. Ich glaube, man kann diese Beziehung nutzen für beide Seiten, allerdings sollte dann dieses Tier, das wir ja oft auch „genutzt“ haben, ein Lebensrecht bis zum Ende haben. Das setzt die Bereitschaft voraus, entsprechende Tierarzt- und Folgekosten zu investieren. Ethik und Moral kosten immer Geld.
Ich selbst habe zwei Pferde, eines davon im Turniersport. Ich betone immer, dass beide Tiere – wie ich finde artgerecht – in einer großen Herde leben, den ganzen Tag Zugang zu Heu, Wasser, Licht und Luft haben. Rede ich mir so aber meine Nutzung der Pferde nur schön? Ist das nur eine Art Ablasshandel?
Auf jeden Fall ist es ein guter oder wahrscheinlich der bestmögliche Weg. Man kann ja im Gesamtsystem hinterfragen, ob wir diese Tiere überhaupt für diese Zwecke halten sollen. So lange das Tier signalisiert, dass es da einwilligt, wenn man nicht gewaltsam mit ihm umgeht, ist das sicher noch am ehesten vertretbar. Und wenn es dann noch gut gehalten wird, wie Sie es beschreiben, finde ich das auch moralisch noch vertretbar.
Also kann ich aufatmen.
Nun, was in der Frage – Thema Ablasshandel – ja mitschwingt: Wir müssen in dem Diskurs generell von dieser anthropozentrischen Perspektive weg, also dass wir immer von unserer Sicht ausgehen. Wir denken: Was ist artgerecht, was will das Tier, was braucht das Tier? Einiges wissen wir, und anderes leiten wir von unserer Sichtweise ab. Aber das Dilemma, das Sie zum Ausdruck bringen, ist: Jede Mensch-Tier-Beziehung kann immer nur eine Annäherung sein. Die Grenze zwischen den Spezies ist eben da. Im Austesten überschreiten wir diese auch immer mal, das ist ganz normal. Im Zwischenmenschlichen loten wir ja auch Grenzen aus, das gehört in der Kommunikation dazu. Was Sie machen, ist eine Annäherung. Notwendig erscheint mir dabei, diese Form der Annäherung stets zu reflektieren.
Doppel-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl arbeitet professionell mit Dressurpferden und lebt gleichzeitig vegan, begründet dies auch mit Tierschutz. Passt das zusammen?
Sehr gute Frage. Vom objektiven Standpunkt aus würde ich es auf den ersten Blick schon paradox nennen. Vor allem, weil sie ja bewusst oder unbewusst doch Unterschiede macht: Die Tiere aus der Landwirtschaft sollten alle Rechte haben, weil sie sie nicht isst. Bei Pferden sieht sie es offenbar anders. Das ist erstmal ein Widerspruch, aber ich mache gleich zwei Einschränkungen.
Bitte!
Erstens, kein Mensch kann widerspruchsfrei leben. Ich steige in mein Auto, fahre los, und schon sterben Fliegen an meiner Windschutzscheibe. Ich bin also in dem Dilemma, dass für meine Mobilität Lebewesen geopfert werden. Zweitens, ich finde es problematisch, wenn Leute, die überhaupt kein ethisches Bewusstsein haben, anderen sagen, dass sie angeblich unmoralisch handeln. Also, wenn sich jemand ethisch-moralisch bewusst verhält, ist das erstmal eine Anerkennung wert, ohne dass ich gleich mit dem Zeigefinger auf Inkonsequenzen hinweise. Denn die haben wir alle.
Ein Argument, das man oft hört: Ohne den Pferdesport gäbe es diese Tiere allenfalls noch im Zoo, weil sie durch die Motorisierung ihre Bedeutsamkeit für die Mobilität der Menschen sowie in der Landwirtschaft verloren haben.
Ich finde, diese Argumentation ist total schwierig, eigentlich auch abzulehnen. Dahinter steckt so ein Gedanke wie: Artenvielfalt als Selbstzweck. Und das ist es für mich nicht, überhaupt nicht! Nur Überleben ist zu wenig. Wenn wir über Leben reden, müssen wir auch immer über gutes Leben reden. Wenn das Tier die Wahl hätte, dann würde es wahrscheinlich lieber kein Leben als ein schlechtes Leben haben wollen – das würden auch viele Menschen so sehen.
Wenn ich Sie einladen würde zum Mannheimer Maimarkt-Reitturnier: Würden Sie hingehen und wenn ja, mit welchen Gefühlen würden Sie wahrscheinlich wieder gehen?
Ich würde nicht hingehen. Ich nutze auch, zum Beispiel im Urlaub, keine Kutschen oder Reitangebote, weil ich mich immer in die Position des Tieres versetze, das mit hoher Wahrscheinlichkeit ein leidendes sein wird. Ich würde deprimiert sein und in meinem Kulturpessimismus bestätigt nach Hause gehen.
Zur Person
Björn Hayer, Jahrgang 1987, ist habilitierter Germanist und lehrt an der RPTU Landau Literatur- und Kulturwissenschaften, er forscht zudem zum Themenbereich Tierethik. Der gebürtige Mannheimer, der in der Südwestpfalz lebt, ist als Literatur- und Theaterkritiker tätig (auch für DIE RHEINPFALZ) und schreibt als Autor Essays, Lyrik und Prosatexte.