Sportwissenschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Stillstand für die Zukunft

Zurzeit arbeitet er mehr an seinem Schreibtisch als im Testlabor: Stefan Panzer am Sportwissenschaftlichen Institut (SWI) in Saa
Zurzeit arbeitet er mehr an seinem Schreibtisch als im Testlabor: Stefan Panzer am Sportwissenschaftlichen Institut (SWI) in Saarbrücken.

Das Unigelände bleibt verwaist, Studenten lernen nur online, die Testlabore stehen leer: An der Uni in Saarbrücken wirkt sich die Corona-Krise nachhaltig auf Lehre und Forschung aus. Der Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts, Stefan Panzer, über Sorgen, Nöte – und Vorteile.

Es ist ruhig, sehr ruhig. Dort, wo sonst reges Treiben ist, herrscht einige Wochen nach Beginn des Wintersemesters eine fast schon gespenstische Stille. Kein Sportstudierender steht am Kopierer im Sportwissenschaftlichen Institut (SWI) auf dem Campus der Saaruni, kein Geklöne dringt aus dem sonst gut gefüllten Fachschaftsraum nebenan, kein Gewusel von Studenten (sonst auch Westpfälzer) in den Gängen: Sporthallen, Sportplätze, Seminarräume, Testlabors – alles ist fast gänzlich verwaist. Die Corona-Krise legte die Sportwissenschaft erst lahm und zwingt sie nun zu alternativen Handlungen.

Am Institut läuft inzwischen alles ohne Präsenzkontakt. „Die Arbeit hat zugenommen“, sagt SWI-Chef Stefan Panzer. „Alle Vorlesungen und Seminare werden derzeit online abgehalten. Und das muss ja auch alles erst mal gefilmt und dann online gestellt werden.“ Praktische Prüfungen und Kurse, die im vergangenen Sommer noch unter besonderen Bedingungen möglich waren, sind derzeit komplett ausgesetzt.

Testversuche liegen auf Eis

Vor allem aber ist die Forschung von der Corona-Krise nachhaltig betroffen, in den Testlaboren bewegt sich nichts. Es herrscht Stillstand. Testversuche mit Nachwuchsfußballern aus den Leistungszentren des FC Homburg, des 1. FC Saarbrücken oder Darmstadt 98 zu Gleichgewichtsregulation und Verletzung oder zu Trainingsprogrammen, die Verletzungen reduzieren, liegen auf Eis. „Die Spieler können nicht kommen, weil wir sie zu den Tests anfassen und verkabeln müssen“, erklärt Panzer.

Einige neue Untersuchungsansätze zum Thema Corona gibt es vor allem in der Sportpsychologie. „Das sind Fragen, die sich um die Vereinsamung im Lockdown drehen oder wie sich die Lernfähigkeit durch Bewegungsmangel des Einzelnen in einem Lockdown verändert“, erklärt der begeisterte Läufer und Radfahrer. Im Bereich Trainingswissenschaft werde dagegen gerade viel Backup- und Aufbauarbeit geleistet: „Wir bereiten einen Messplatz mit ovalen Kettenblättern an Fahrrädern vor, die sollen physikalisch besser sein. Der Messplatz ist voll automatisiert und bietet den Sportlern/innen sofort Information über ihr Leistungsvermögen. Aber derzeit haben wir keine Probanden.“ Zudem sei nun mal Zeit, die vielen Forschungsergebnisse, die vorliegen, zu systematisieren. Eine Arbeit, die im normalen Tagesgeschäft eher liegenbleibt.

Umstellung von heute auf morgen

An den ersten Lockdown erinnert sich Panzer noch gut. „Da war ich fast schon auf dem Weg zu meiner Gastprofessur in Texas. Das wurde kurzerhand gestrichen“, erzählt der SWI-Leiter. An der dortigen Uni hatte er unter anderem in Zusammenarbeit mit Kollegen, die mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa schon zum Thema motorisches Lernen und Schwerelosigkeit geforscht haben, ein Projekt zum Umlernen von hochgeübten Bewegungen. Derzeit gebe es nur einen Austausch über Videokonferenzen, „und für 2021 wurde auch schon alles gecancelt“.

Für den Trainingswissenschaftler und alle Lehrenden und Institutsmitarbeiter war der erste Lockdown ein drastischer Einschnitt. „Wir hatten zwar keine Kurzarbeit am Institut, aber plötzlich sehr viel mehr Aufwand, weil wir von heute auf morgen alles auf online umstellen mussten“, erzählt Panzer, der selbst in Saarbrücken Sport studiert und hier auch promoviert hat. Danach arbeitete er 13 Jahre lang an der Universität in Leipzig, zwischendurch in Oldenburg, danach zwei Jahre in Münster und dann als Forschungsassistent am Leibniz-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund, bevor er 2011 den Ruf ans SWI bekam. „2012 sind wir wieder ins Saarland gezogen“, sagt der verheiratete Vater eines 18-jährigen Sohnes, der in St. Ingbert wohnt.

Einstieg für Erstsemester schwierig

Stefan Panzer fehlt der direkte Kontakt zu den Studierenden: „Ich sehe ja die direkte Reaktion nicht, wenn ich online was erkläre. Sonst melden sich die, die es nicht verstanden haben“, sagt er, der sich in der Trainingslehre besonders um die Themen Biomechanik, Leistungsdiagnostik und Techniktraining kümmert. Am schlimmsten sei die Situation vor allem für die Erstsemester, die schwieriger Anschluss an Kommilitonen fänden als sonst. „Aber wir haben Online-Tutoren, die sich jeweils um eine kleine Gruppe Studenten kümmern.“

Stefan Panzer sieht aber auch Positives: „Man kann mal in Ruhe überlegen: Was kann ich denn Neues machen, wenn es die Lage wieder zulässt? Vielleicht ist Corona da sogar produktivitätssteigernd“. Eine seiner Ideen: Wie sehr stören kleine Computer am Fahrrad die Aufmerksamkeit und führen zu Unfällen, wenn man den Blick von der Straße abwendet? „Dazu könnte man einen Messplatz aufbauen mit einer virtuellen Umgebung. So was braucht Zeit, das ist nicht von heute auf morgen gemacht“, sagt er.

Und wie geht es nun weiter am Stillstandort Saarbrücken, in Lehre und Forschung? „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, zitiert Stefan Panzer den dänischen Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr. „Ich wage keine Voraussage, wann der Betrieb hier wieder normal läuft. Aber wir bleiben optimistisch, weil alle versuchen, alles zu geben.“

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