Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Sport-Kolumne: Über das „Blaue Mädchen“, das für den Fußball starb

Christine Kamm
Christine Kamm

Ich werde sie wieder vergessen. Und das ist etwas, was mich beschäftigt. Es gibt so viel Leid auf der Welt, der Krieg in Syrien etwa, vor dem so viele in unser Land geflüchtet sind – und der noch lange nicht vorbei ist. Täglich werden Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, Opfer von Gewalt. Wir haben immer nur einen Moment Zeit, dann geht es weiter mit Dingen, die wichtig erscheinen. Die Milch ist alle und so.

Nicht mehr aus dem Kopf geht mir das Schicksal der jungen Frau, die im Iran gestorben ist. Sahar Khodayari wollte am 12. März ein Spiel ihrer Lieblingsmannschaft Esteghlal Teheran besuchen, wurde aber nicht ins Azadi-Stadion gelassen. Für Frauen ist es im Iran verboten, Fußballspiele zu besuchen. Sie hatte also die öffentliche Ordnung gestört und musste am 2. September vor Gericht erscheinen. Als sie das Gerichtsgebäude wieder verlassen hatte, überschüttete sie sich mit einer brennbaren Flüssigkeit – eine Woche später erlag die 29-Jährige ihren schweren Verletzungen.

Das fatale Stadionvebrot für Frauen in Iran

Es ist hier in der Pfalz, mitten in Europa, relativ schwer vorstellbar: nicht ins Stadion zu dürfen, weil da halbnackte Männer unterwegs sind und auf den Rängen mitunter die Grenzen des guten Geschmacks verbal unterschritten werden. In allen anderen Ländern der Welt macht das dem schwachen Geschlecht nichts. Nur im Iran gilt dieses Verbot seit der Islamischen Revolution.

Der Iran scheint weit weg. Aber der Tod der jungen Frau, die doch einfach nur zum Fußball und ihr Team anfeuern wollte, bewegt die Menschen auch hierzulande. Die Fans von Fußball-Bundesligist Union Berlin haben ihren Protest weitergetragen: „Kein Stadionverbot fürs Geschlecht. Fansein ist ein Menschenrecht.“ Das stand auf großen Bändern, die mitten im Union-Block hochgehalten wurden. Auch das sind Fußball-Fans. Es sind die, die ganz schnell am Pranger stehen, wenn Rauch aus ihren Blöcken aufsteigt. Im Stadion an der Alten Försterei ist nun aber auch Flagge für eine diskriminierte Frau gezeigt worden. In der gesamten Fußball-Welt solidarisieren sich Menschen mit dem „Blauen Mädchen“, dem „Blue Girl“ – blau war die Farbe ihres Lieblingsteams Esteghlal.

Im Iran selbst verstehen viele Menschen das Verbot nicht. Sie hätten deshalb wohl auch kein Problem damit, wenn der Fußball-Weltverband die Grätsche ansetzten würde. Zum Tod der jungen Frau kamen aus der Fifa-Zentrale allerdings nur die üblichen Mitleidsbekundungen. Druck auf das Mitglied der Fifa-Familie ausüben? Dabei haben die olympischen Kollegen doch schon vorgemacht, dass die mächtigsten Sportverbände der Welt eben auch gesellschaftliche Aufträge zu erfüllen haben. Das hat mit Glaubwürdigkeit zu tun. Die Fifa kann sich ja nicht auf dem ganzen Fußball-Globus mit ihren Fairplay-Kampagnen hofieren lassen. Und wenn es zum Schwur kommt, dann wird über die eigenen Regeln mit weltmännischem Weitblick hinweggesehen. Sie hat glücklicherweise auch ein Ultimatum gestellt. Und es hat gewirkt. Sportminister Massud Soltanifar hat nun mitgeteilt, dass Frauen bei Länderspielen künftig ins Stadion dürfen.

Die Fifa könnte handeln

Der Wille nach Selbstbestimmung wird junge Menschen immer an- und auch in den Tod treiben. Die Fifa hat die Möglichkeit, das Land, in dem Frauen diskriminiert werden, von Wettbewerben auszuschließen. Die WM-Qualifikation findet auch ohne den Iran statt, der im vergangenen Jahr in Russland dabei, nach der Vorrunde aber schon ausgeschieden war. Marc Wilmots, der die Mannschaft seit Mitte Mai trainiert, wird sicher auch noch einen anderen Job finden. Ein Bann würde natürlich auch die Falschen treffen. Aber die Fußballer selbst solidarisieren sich mit der jungen Frau, die ihr Leben für ihren geliebten Sport gelassen hat. Eines Tages werden sie ein Stadion nach ihr benennen. Und das wird mir helfen, sie doch nicht zu vergessen.

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