Fussball
Solidarität in Zeiten von Corona: Bleibt alles anders?
„Ich befürchte, dass der Fußball kaputtgeht.“ Der Mann, der hinter diesem Satz steht, der den Profifußball als ruinöses Geschäft beschrieb und ihn deshalb vor großen Problemen stehen sah, war Teil desselben. Als Gerhard Mayer-Vorfelder im Januar 1997 diese Worte formulierte, amtierte er als Präsident des VfB Stuttgart. In einer Zeit, als innerhalb des europäischen Fußball-Verbandes (Uefa) gerade darüber diskutiert wurde, ob in der Champions League neben den nationalen Meistern auch die Vizemeister mitmachen dürfen.
Beinahe zeitgleich meldete sich der Sportsoziologe Gunter Pilz, bis heute als „Fanforscher“ anerkannt, zu Wort. „Der Zwang zum Sitzplatz droht die traditionelle Fußballanhängerschaft zu zerstören und die Fans, nicht die Hooligans, aus den Stadien zu vertreiben“, sagte Pilz im Februar 1997.
Die Diskrepanz zwischen Wort und Tat
Die Sorge vor den finanziellen Auswüchsen des Profifußballs und der Entfremdung der Basis von der elitären Klasse „da oben“ ist nicht neu. Im Grunde ist die Debatte so alt wie die Bundesliga selbst, um deren Einführung im Sommer 1963 heftig gestritten wurde. Mit der eingleisigen höchsten Spielklasse wurde das Statut des „Lizenzspielers“ geschaffen, der zunächst noch nicht uneingeschränkt Geld verdienen durfte – maximal war „im Regelfalle“ ein monatliches Grundgehalt von 1200 Mark erlaubt –, aber keinen „bürgerlichen Broterwerb“ mehr nachweisen musste.
Bis zur Aussage von Mayer-Vorfelder, der 2015 verstarb, waren die Einkommen der Fußballer immer größer geworden. Die besten Kicker in Deutschland verdienten eine Million Mark und mehr, und „MV“ sorgte sich darum, dass es vielen Vereinen bald nicht mehr möglich sein könnte, die ausufernden Kosten zu decken. Mayer-Vorfelder ist allerdings nicht als Vorreiter für Umwälzungen im professionellen Fußballbetrieb in Erinnerung geblieben und damit ein gutes Beispiel für die Diskrepanz des öffentlich gesprochenen Wortes und der eigenen Tat. Als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes hatte Mayer-Vorfelder zwischen 2001 und 2006 die Möglichkeit, Schritte gegen die von ihm kritisierte Kommerzialisierung einzuleiten. Sie blieben aus.
Der Tabubruch 2007
Der Profifußball hat sich spätestens von der Basis, von vielen tausend Amateur-Vereinen, entfernt, als er 2007 durchsetzte, an Sonntagen auch vor 17 Uhr Spiele anzusetzen. Lange galt der Leitspruch: „Der Sonntag gehört den Amateuren“. Er wurde zunächst ausgehöhlt, indem am frühen Sonntagabend angepfiffen wurde, ab 2009 wurde zusätzlich am Sonntagnachmittag in der Bundesliga gekickt. Nur durch mehr Sendeplätze waren und sind mehr Einnahmen in der TV-Vermarktung zu erzielen. Die damit einhergehende und vorhersehbare Entwertung des Amateurfußballs auf den Dörfern, in den Kreisligen, sind maximal ein Kollateralschaden. Solange es ein Sonderfall ist, dass Fans bei Trainingseinheiten zuschauen dürfen, wird die Entfremdung zunehmen. Das gilt für die Nationalmannschaft wie für Profiklubs gleichermaßen. Entgegen vieler Sonntagsreden geht es nicht in erster Linie um die Fans im Stadion. Sie sind wichtig als Teil der Folklore. Wichtiger sind jedoch die Konsumenten vor dem TV – und zwar weltweit.
Mehr Miteinander? Mehr Demut?
In anderen Ländern ist die Vermarktung schon weiter vorangeschritten. In England oder Spanien wird auch um die Mittagszeit gespielt, um den Fans in Asien entgegenzukommen. Ein Spiel des FC Barcelona schauen sich inzwischen mehr Chinesen als Spanier live vor dem Fernsehgerät an. Die schwere Lage, in der sich neben weiten Teilen der Weltwirtschaft auch der Profifußball durch die Corona-Pandemie befindet, veranlasste viele seiner Akteure in den zurückliegenden Monaten, mehr Solidarität einzufordern. In der Spielpause von März bis Mai wirkte der erzwungene entschleunigte Betrieb tatsächlich wie die Chance auf einen Neuanfang. Auf mehr Miteinander, mehr Demut, mehr solidarisches Denken.
Die Vorstellung hat ganz vielen gefallen. Aber sie war naiv.
Es ist nur logisch, dass es keine Solidarität im Profifußball geben kann. Schließlich stehen die Klubs, die längst keine Vereine, sondern Aktiengesellschaften und GmbHs sind, miteinander im Wettbewerb. Solange die Interessen deckungsgleich sind, beispielsweise beim Aushandeln von TV-Verträgen, tun die Akteure sich zusammen. Schon beim Verteilen der Erlöse aber gibt es Streit, da ist von Solidarität nichts mehr zu spüren.
Die Eliten wollen stark bleiben
Das ist nachvollziehbar, denn die Sportartikel-Hersteller Adidas und Puma oder die Autokonzerne BMW und Audi sind ebenfalls nicht solidarisch zueinander. Warum auch? Wenn Unternehmen um Marktanteile kämpfen, stehen sich Konkurrenten gegenüber. Das gilt sportlich auf dem Fußballfeld und wirtschaftlich bei der Verteilung der Mittel. Die Stärksten wollen die Stärksten bleiben, die Schwachen aufholen. Das sind Interessen, die nicht unter einen Hut zu bekommen sind. Niemand gibt freiwillig etwas an einen Konkurrenten ab. Nicht in der Notsituation einer Pandemie, nicht in der Zeit davor oder danach.
Alle sind auf ihren Vorteil bedacht, und die Eliten haben kein Interesse daran, ihre Position zu schwächen. Die Bundesliga-Klubs, versammelt unter dem Dach der Deutschen Fußball-Liga (DFL), werden nicht freiwillig zugunsten der Amateurvereine verzichten. Der FC Bayern München wird nichts abgeben, damit Union Berlin wettbewerbsfähiger wird.
Warum sollten die Akteure sich im Profifußball anders verhalten als die in der Wirtschaftsordnung um sie herum? Es geht um Umsatzsteigerungen und Gewinn-Maximierung, wobei sich im Sport die Gewinn-Maximierung mit dem Erstreiten von Titeln vermischt.
„Auswüchse“ sind Definitionssache
Die Corona-Pandemie wird den Profifußball nicht verändern, sie wirkt vielmehr wie ein Brennglas und verdeutlicht den Zustand. Der Covid-19-Erreger macht die Situation sichtbarer. Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich optimistisch, dass es in den kommenden Jahren keine Auswüchse auf dem Transfermarkt mehr geben werde. Der Vorstandschef des FC Bayern München spielte auf Neymar oder Kilian Mbappé an, die für 220 beziehungsweise 180 Millionen Euro nach Paris gewechselt waren. Rummenigge, der im Corona-Sommer 2020 den Transfer von Leroy Sané für mehr als 50 Millionen Euro Ablöse und millionenschwere Handgelder für den Spieler sowie dessen Berater abwickelte, definiert Auswüchse anders als der Präsident des FC St. Pauli oder ein Fan des 1. FC Kaiserslautern. Ein Auswuchs ist für Rummenigge ein Transfervolumen, welches sein Klub nicht stemmen kann oder stemmen will. Für die meisten anderen hingegen ist es eine Utopie, für einen einzelnen Sportler 50 Millionen Euro und mehr zu investieren. Oder eben auch nur eine Million Ablöse zu bezahlen.
Es ist wahrscheinlich, dass die Summen, die mit und durch den Profifußball umgesetzt werden, pandemiebedingt in den kommenden Jahren zurückgehen. Es wird dadurch aber keine Umkehr des Systems geben, sondern die Geschwindigkeit lediglich abbremsen. Für eine gewisse Zeit. Vermutlich werden einige Akteure das nicht überstehen, es wird Insolvenzen geben. Kein Klub war auf eine Pandemie vorbereitet, nicht jeder wird ihr standhalten.
Eine Revolution von oben ist unrealistisch
Die Folge: Andere Klubs rücken nach, steigen im System Profifußball ein Stück nach oben und sind dankbar dafür. Für den einzelnen Klub kann die Corona-Pandemie schlimme Folgen haben, am System und seinen Grundregeln kann sie jedoch nicht rütteln. Der FC Schalke 04 kann nicht auf Hilfe aus Leipzig oder Mönchengladbach hoffen.
Eine Revolution von oben ist eine schöne Vorstellung, eine Theorie – aber realistisch ist sie nicht. Eine strukturelle Umwälzung geht nur von unten nach oben, nicht umgekehrt.