Turnen RHEINPFALZ Plus Artikel Seitz trainiert sich selbst und hat damit Erfolg

Elisabeth Seitz ist mit 29 Jahren die älteste Turnerin in der deutschen Formation.
Elisabeth Seitz ist mit 29 Jahren die älteste Turnerin in der deutschen Formation.

Elisabeth Seitz gilt als Wettkampftyp. Vor einem Jahr hat die erfahrene Athletin ihr Training selbst in die Hand genommen. Nun plant die 29-Jährige eigenständig, was sie wann und wie oft übt.

Gerne heißt es unter Spitzensportlern, einen Erfolg zu verteidigen, sei deutlich schwerer, als ihn sich zum ersten Mal zu sichern. Elisabeth Seitz allerdings verspürt durch die Krone, die sie im Sommer 2022 bei den Heim-Europameisterschaften in München am Stufenbarren gewann, keinen Druck, sondern eine gewisse Leichtigkeit. Den Titel, den sie sich so hart erkämpft hatte, sagt die Stuttgarterin seitdem sehr gerne, könne ihr niemand mehr nehmen. Wobei das nicht stimmt: Schon an diesem Samstag (14.10 Uhr deutscher Zeit), bei den kontinentalen Kunstturn-Wettbewerben in Antalya, wird der Thron für die beste Spezialistin an den beiden Holmen neu vergeben.

Anders als ihre deutsche Teamkollegin, die Chemnitzerin Emma Malewski, die nach ihrem eigenen EM-Gold am Schwebebalken 2022 vorzeitig aus dem Medaillenkampf an ihrem Paradegerät ausgeschieden war, empfahl sich Seitz auch diesmal wieder für das Finale der acht stärksten Vorkämpferinnen an den beiden Holmen. 14,40 Punkten bedeuteten Rang drei in der Qualifikation.

Gleiche Übung, aber Nervosität ist groß

Seitz’ Übung ist die gleiche geblieben, dennoch sei sie am ersten Tag „sehr nervös“ gewesen. Weniger, weil sie um ihr eigenes Weiterkommen bangte: Die mit 29 Jahren Älteste in der deutschen Formation wollte mit einer starken Punktzahl zu einer guten Teamplatzierung beitragen. Am Ende sprang zwar das WM-Ticket für die deutsche Riege heraus, wodurch die Olympiaqualifikation für Paris weiter möglich ist; den anvisierten Platz unter den acht Top-Nationen verpassten die Bronzemedaillengewinnerinnen von 2022 als Neunter dagegen.

Sarah Voss landete bei der EM in Antalya auf dem 16. Platz im Endkampf der Allrounderinnen.
Sarah Voss landete bei der EM in Antalya auf dem 16. Platz im Endkampf der Allrounderinnen.

Am Balken war so einiges schiefgelaufen, auch bei Seitz, die erstmals seit den Olympischen Spielen in Tokio 2021 wieder den Balanceakt auf der großen Bühne wagte. Im vergangenen Jahr hatte sich die achtmalige deutsche Mehrkampfmeisterin auf Barren und Sprung beschränkt. So bald wie möglich will sie sich wieder einem kompletten Vierkampf stellen. Diesmal vertrat die Kölnerin Sarah Voss die deutschen Farben im Endkampf der besten Allrounderinnen und landete beim Sieg der Britin Jessica Gadirova (55,032) nach Stürzen an Balken und Barren mit 49,932 Punkten auf dem 16. Rang.

Die Füße bremsen Seitz seit Jahren im Training, vor allem am bislang noch zum Mehrkampf fehlenden Boden. In ihrer Lieblingsdisziplin braucht die Sportsoldatin diese wenig. Barrenturnen, das ist ein bisschen wie Fliegen. Jeder Griff, jeder Körperwinkel muss sitzen, um bei den spektakulären Wechseln von oben nach unten und wieder zurück, bei den Flugelementen, nicht abzustürzen. Nie darf man sich sicher fühlen. Das bekam Seitz, die 2018 WM-Bronze bei dieser hohen Herausforderung gewann, auf dem Weg an die türkische Mittelmeerküste zu spüren. Bei der nationalen Qualifikation in Frankfurt stand sie, von einer schweren Erkältung geschwächt, vorzeitig am Boden, und obwohl kaum jemand daran gezweifelt haben dürfte, dass sie trotzdem in den Flieger steigen würde, wollte Bundestrainer Gerben Wiersma die Spannung bis zur offiziellen Nominierung halten.

Ungewöhnliche Entscheidung

Seitz gilt als Wettkampftyp, als eine, auf die man sich verlassen kann. Fehler wie jene beiden Absteiger am Balken dieser Tage sind eher untypisch für sie. Vor einem Jahr hat die erfahrene Athletin ihr Training selbst in die Hand genommen, plant eigenständig, was sie wann und wie oft übt. Der EM-Titel bestätigte sie darin. Bei der WM im Oktober in Liverpool sagte die angehende Lehrerin, Wiersma habe so viel Vertrauen in sie, er würde sogar abnicken, wenn sie in der Vorbereitung auf einen wichtigen Auftritt einen ganzen Tag im Bett verbringen würde. Damals hatte die Olympiafünfte von Tokio trotz einer gerade erst überstandenen Corona-Infektion das Finale auf dem vierten Platz beendet.

Die Füße bremsen Elisabeth Seitz aus.
Die Füße bremsen Elisabeth Seitz aus.

Nun hat die EM-Dritte von 2017 also die nächste Chance, ihre Sammlung an internationalem Edelmetall zu erweitern. „Ich freue mich wahnsinnig, dass meine Übung durchgegangen ist“, sagte sie nach dem Vorkampf. Sollte ihr das in Antalya noch einmal gelingen, würde eine Titelverteidigung zwar trotzdem nicht einfach, aber möglich sein.

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