Reportage
Schwarz-Rot-Gold ist bei den Fans der Paralympics gut vertreten
Paris an einem Sonntagmorgen Anfang September. Viele Einwohner sind auf dem Weg zur Arbeit, rund um Notre-Dame suchen Touristen den besten Platz für ein Selfie mit der im Wiederaufbau befindlichen Kathedrale. Viele Besucher aus aller Welt streben noch bis Sonntag aber nicht nur auf die Champs Élysées oder in den Louvre, sondern zu den in der ganzen Stadt verteilten Austragungsorten der Sommer-Paralympics.
„Die Atmosphäre in der Stadt ist ganz anders als noch bei den Olympischen Spielen vor einigen Wochen“, sagt Jens Zimmermann, „es war wegen der Ferien auf den Straßen viel ruhiger“. Geblieben ist jedoch die Begeisterung in den Hallen und Stadien, wie der Stuttgarter, der während der Spiele der Nicht-Behinderten als Hallensprecher beim Handball im Einsatz war, weiter berichtet.
Bei den Paralympics verfolgte er in Block K1 des Stade de France inmitten eines großen Fanclubs den Auftritt des Kugelstoßers Niko Kappel und unterstützte den Schützling seiner Agentur beim Wettkampf der Kleinwüchsigen. Der Weltrekordler ging dabei als Favorit in den Ring und war am Ende über die Silbermedaille und seine Leistung zwar enttäuscht („Ich habe Gold verschenkt“), nach der bis nach Mitternacht dauernden Feier am Abend im Deutschen Haus mit Fans und Sponsoren aber wieder bester Dinge. Er blickt mittlerweile bereits voraus auf Los Angeles 2028.
Wettkampftickets sind erschwinglich
Für normale Fans ist der Eintritt in diesen Treffpunkt der deutschen Athleten und Athletinnen im Rugby-Stadion Jean Boulin mit den täglichen Medaillenfeiern, einem Bühnenprogramm und Verpflegung allerdings ein teures Vergnügen. Regulär 290 Euro werden für ein Tagesticket verlangt, bei den Olympischen Spielen mussten Besucher sogar 590 Euro investieren. Im Vergleich zu den Spielen zuvor sehr günstig sind dagegen die Eintrittspreise für die Sportveranstaltungen der Paralympics. Für gerade einmal 15 Euro können beispielsweise die Spiele im Rollstuhl-Tennis im legendären Stadion Roland Garros verfolgt werden.
Schwarz-Rot-Goldene Fähnchen waren gut vertreten beim Triathlon. Von ihrer mit ihrem Mann angereisten „besten Freundin seit den gemeinsamen Ausbildungszeiten“ unterstützt wurde am Start der Rad- und Laufstrecke an der Brücke Alexandre III die Triathletin Neele Ludwig. „Alles bestens hier, wir kommen gut zurecht, und die Stimmung ist außerordentlich gut“, sagte das aus Hamburg angereiste Paar, das nach der Anfeuerung in jeder Radrunde auch auf dem Smartphone das Abschneiden der nach einem Schlaganfall 2019 rechtsseitig gelähmten 33-Jährigen verfolgte. Nach dem Schwimmen in der Seine und der Radstrecke über die Champs Élysées liegt ihre Favoritin bei ihrer ersten Paralympics-Teilnahme auf Platz sechs. „Aber das Laufen ist ihre Schwäche“, heißt es seitens ihrer Edelfans skeptisch vor der letzten Disziplin. Ein Elektro-Simulator am Bein, mit dessen Stromimpulsen die Muskeln aktiv werden, muss ihr helfen: Am Ende ist sie mit Platz acht zufrieden ist.
Überhaupt in Paris zu sein, ist dagegen schon das größte Erlebnis für Nevio Kaufmann. Der Elfjährige leidet unter Spina Bifida, einer Fehlbildung der Wirbelsäule, und sitzt seit seinem ersten Lebensjahr im Rollstuhl. Zusammen mit einer 65-köpfigen Gruppe des MTV Stuttgart ist er zu einem dreitägigen Besuch zu den Paralympics aufgebrochen – seine Leidenschaft gehört dem Rollstuhl-Basketball. „Wir fiebern diesem Trip seit einem Jahr entgegen“, sagt sein Vater Christian Kaufmann, gebürtiger Pfälzer aus Rödersheim, in der Arena Bercy, „aber die Organisation war nicht leicht“. Es galt zum einen, mit Hilfe von Sponsoren die Kosten von rund 40.000 Euro aufzubringen. Auch ein Hotel mit Möglichkeiten für insgesamt 21 Rollstuhlfahrer zu finden, war eine Herausforderung. „Bis jetzt hat alles geklappt, dank hilfreicher Tipps zuletzt auch der Transport hier in die Halle“, berichtet Kaufmann, der sich als Übungsleiter im RKSV Tübingen dafür engagiert, das Sportangebot für Menschen im Rollstuhl zu erweitern.
Autogramme und Selfies
Viele deutsche Fans stärkten in der Arena Nord auch den Sitzvolleyballern den Rücken in ihren Spiel gegen den am Ende übermächtigen Gegner Iran mit dem 2,46-Meter-Riesen Morteza Mehrzad. Eine Niederlage, die er nicht nur wegen des bereits zuvor gesicherten Halbfinaleinzuges gut verschmerzen könne, beteuerte der deutsche Nationalspieler Tatang Francis Tonleu. Wie das ganze Team nahm sich der Spieler von der BSG Emmelshausen nach der Niederlage noch viel Zeit für den Kontakt mit den angereisten Familien und Anhängern sowie den vielen jugendlichen Fans auf der Jagd nach Autogrammen und Selfies.
„Dafür sind wir hier, das ist die wahre Bedeutung der Paralympics für mich. Und da kann unser Bus auch einmal warten“, betonte Tatang Francis Tonleu: „Wir wollen den Kontakt zu den Besuchern und mit unseren Auftritt vor allem der Jugend zeigen, was behinderte Menschen im Sport leisten können und so für die Inklusion in der Gesellschaft werben. Paris und Frankreich haben uns ganz toll aufgenommen und großartige Spiele auf die Beine gestellt.“ Auf die Schlussfeier am Sonntag „freue ich mich noch ganz besonders“, ruft er hinterher.