Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Schlaflos im Sattel: Im Weidenthaler Erdbeertal wird nicht gemotzt

Die DJs Steffen Bergner aus Ruppertsweiler (vorne) und Kai Ruckdäschel aus Pirmasens sorgen in der gesamten Rennnacht für Musik.
Die DJs Steffen Bergner aus Ruppertsweiler (vorne) und Kai Ruckdäschel aus Pirmasens sorgen in der gesamten Rennnacht für Musik.

„Schlaflos im Sattel“ in Weidenthal ist ein nächtliches Mountainbikerennen. Es gibt Startplatzinhaber, die nicht einmal ein Rad mit ins Erdbeertal bringen. Dass es dort keinen Handyempfang gibt, empfinden viele als großartig. Eine Reportage vom Wochenende.

500 Teilnehmer treten zum Mountainbikerennen „Schlaflos im Sattel“ (SiS) im Weidenthaler Erdbeertal an, absolvieren von Samstagabend ab Sonnenuntergang bis Sonntagmorgen zu Sonnenaufgang eine 11,4 Kilometer lange und mit 280 Höhenmetern versehene Runde so oft wie möglich. „Es gibt aber Inhaber eines Startplatzes, die nicht einmal ein Rad mitbringen“, weiß Hermann Daniel und lacht. „Es ist hier kein Rennen mit Leistungsdruck – es geht um nichts“, betont eine Radsportlerin aus Bamberg, die früher im SV Zweibrücken Handball gespielt hat. Eine Tradition: Vor dem Start schwören alle Teilnehmer gemeinsam, dass sie sich im Rennen benehmen werden. So fällt es am Ende auch nicht ins Gewicht, dass es zur Siegerehrung keine Ergebnisliste gibt. In der Nacht hat es in der Zeitnahme technische Probleme gegeben, gesteht Daniel.

„Der Untertitel, die Nacht von Donnerstag auf Sonntag, stimmt. Es kommt einem wie eine lange Nacht vor“, betont die Bambergerin die einzigartige Atmosphäre im Erdbeertal, wo alle Teilnehmer in Zelten oder Wohnmobilen auf dem Sportplatz campen. Sie und ihre Freundin aus München machen nur die Einführungsrunde mit und fahren noch eine Runde. Mehr nicht. „Radfahren ist ein bisschen Nebensache“, sagen sie. Man treffe verrückte Leute. „Hier keinen Handyempfang zu haben, macht viel aus“, betonen die beiden Frauen. „Die Leute reden mehr miteinander. Das macht es sehr entspannt.“

Ohne Meckereien

Dass es im Erdbeertal keinen Handyempfang gibt, schätzen auch die Helfer des TV Weidenthal. „Wie raus aus Zeit und Raum“, nennt es Heike Daniel, eine der Küchenchefinnen. „Was es hier nicht gibt: motzen“, ergänzt ihre Kollegin Ursel Baumann. Stünden die Leute in einer Schlange am Flammkuchenhaus oder an der Küche, „warten sie geduldig und unterhalten sich miteinander“.

Weil alleine Spaß und das Dabeisein zählen, sind manche Sportler nicht auf vielgängigen Mountainbikes, sondern auf Singlespeedbikes unterwegs, auf Rädern mit nur einem Gang. Einer von ihnen: der Belgier Dirk de Brücker, der „seit 2013 oder 2014“ jedes Jahr nach Weidenthal kommt. „Mittlerweile wissen wir, welche Übersetzung wir hier fahren können“, sagt er. Im ersten Jahr habe er auf dem Kettenblatt 32 Zähne gehabt, auf dem Zahnkranz hinten 22. Jetzt fahre er 32/19, „da muss man härter treten, hat dafür mehr Speed, wenn’s flach ist“. Aber auch für den Belgier und seine Freunde ist das Rennen nicht Nebensache. In der Nacht vor der Rennnacht gehen sie erst um 3 Uhr ins Bett. „Wir haben eine Party mit unseren deutschen, italienischen und amerikanischen Freunden gefeiert“, verraten die Belgier. „Man sieht hier Leute, die man nur einmal im Jahr trifft“, betonen die Vorderpfälzer Mittwochsbergnufffahrer.

Große Hilfsbereitschaft

Geholfen wird dem, der gerade Hilfe braucht: Zum Buben, der im Rennen für Kinder, „die schon alleine aufs Klo gehen können“, antritt, aber nicht genug Luft im Hinterreifen hat, eilt ein Mann mit Luftpumpe. Auch die DJs, die in der gesamten Rennnacht am Mischpult sind, profitieren von der Hilfsbereitschaft. Kai Ruckdäschel aus Pirmasens und Steffen Bergner aus Ruppertsweiler sorgen sich unter ihren Pavillons um ihre Technik, „falls es mehr regnet und noch Wind einsetzt“. Und schon ist jemand da, hängt ihnen Seitenwände ein. „Das Schöne hier ist, wenn man jemanden braucht, ist er da und hilft“, stellen sie fest.

Einen Preis gewinnt am Ende dann übrigens doch ein Fahrer – auch ohne Ergebnisliste – „für eine Runde nackt zu fahren“, erzählt Hermann Daniel schmunzelnd. Rechts und links auf dem Po habe der sich sogar das SiS-Zeichen aufgemalt. Fotos gebe es davon natürlich nicht, betont Daniel. Ihn freut das Gesamtergebnis: „Es ist genau die Botschaft des Festivals, etwas miteinander zu erleben mit einer großen Freundlichkeit.“

Vor dem Start zeigen die Mountainbiker Herz und schwören gemeinsam, sich auf dem Trail zu benehmen.
Vor dem Start zeigen die Mountainbiker Herz und schwören gemeinsam, sich auf dem Trail zu benehmen.
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