Fussball
Rudi Kargus: Der Schrecken der Elfmeterschützen
Es ist eine Bilderbuchkarriere, Grautöne gibt’s erst auf der Zielgeraden. Mit 18 wird Rudi Kargus im Tor von Wormatia Worms entdeckt, mit 19 wird der Verwaltungsangestellte Profi beim Hamburger SV, für den er von 1971 an neun Jahre spielt. Beim HSV steigt der reaktionsschnelle Mann zum Nationaltorhüter auf. Mit dem HSV ist er 1976 Pokalsieger, 1977 Europapokalsieger der Pokalsieger und 1979 deutscher Meister geworden. Bei der EM 1976 in Jugoslawien und bei der WM 1978 in Argentinien ist er dabei. Aber an Sepp Maier gibt’s kein Vorbeikommen für Kargus, Dieter Burdenski, Bernd Franke oder Norbert Nigbur. Am Montag wird der einstige Elfmeterkiller, inzwischen als Kunstmaler eine Größe, 70 Jahre alt.
Nur noch selten im Stadion
„Ich bin absolut zufrieden mit dem, was ich als Fußballer erreicht habe. Manchmal sage ich mir, vielleicht hätte ich bei noch mehr Ehrgeiz noch mehr rausholen können. Aber das ist müßig. Der Fußball ist ein abgeschlossener Bereich für mich, ein erfüllter Kindheitstraum. Jetzt habe ich die Malerei“, sagt Kargus, der in Quickborn lebt, sich als Hamburger fühlt. Ins Stadion geht er nur noch selten. „Mit der Zweiten Liga tue ich mir irgendwie schwer, ich bin mehr ein Kind der Ersten Liga“, sagt der Jubilar. Am Mittwoch aber war er im Volksparkstadion bei der Trauerfeier für Uwe Seeler. „Ich habe ja noch ein Jahr mit Uwe zusammengespielt. Ich kam als Jugendspieler und er war ein Star – und doch ein ganz normaler Mensch“, erinnert sich Kargus.
Entdeckt von einem Ludwigshafener
Entdeckt wurde er von Gerhard Heid. „Er war so etwas wie der erste Talentsichter in Deutschland“, erinnert der frühere Torwart an den gebürtigen Ludwigshafener, der in Altrip eine sensationelle A-Jugend mit dem späteren Weltklasseverteidiger Manfred Kaltz trainierte und dann für den HSV arbeitete. Heid starb mit 36. „Man kann im wahrsten Sinne des Wortes sagen, Gerhard Heid hat mich geholt. Es gab ein, zwei Telefonate, dann ist er mit seinem BMW nach Worms gekommen, hat mich ins Auto verfrachtet und zum HSV gebracht“, erzählt Kargus. Schon als A-Jugendlicher hatte der neunmal das Wormatia-Tor in der damals zweitklassigen Regionalliga gehütet und Klasse demonstriert. DFB-Trainer Herbert Widmayer berief den 1,83 Meter großen Kargus daraufhin in die Jugend-Nationalmannschaft.
Kargus hat 23 von 76 Elfmetern, die auf sein Tor kamen, gehalten – das ist bis heute Rekord. „Das bedeutet mir nicht so viel wie die Titel, die ich mit der Mannschaft gewonnen habe“, sagt der Ex-Torwart im Gespräch mit dieser Zeitung. Je öfter er parierte, je größer der Respekt der Schützen. „Ich hab’ mir bei Spielen, die ich in der Sportschau sah, Notizen gemacht, wenn’s Elfmeter gab und mir so eine kleine Datenbank angelegt“, schildert Kargus, den Trainer Branko Zebec beim HSV stillos abservierte. Beim 1. FC Nürnberg wurde Kargus dann jahrelang als Garant für den Ligaverbleib gefeiert. 1984 aber stieg der „Club“ ab, und der Torhüter wurde nach der „Oktober-Revolution“, einem „Aufstand“ gegen Trainer Heinz Höher, mit sechs Kollegen fristlos entlassen. Beim Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf erlebte er seinen zweiten und dritten Abstieg, beim 1. FC Köln blieb er als Ersatz für Bodo Illgner ohne Einsatz und beendete nach 408 Erstligaspielen und 19 Zweitliga-Einsätzen 1990 seine Karriere. Sechs Jahre später begann er sich intensiver mit der Malerei zu befassen, bildete sich fort und präsentiert seit 2005 seine Werke in Ausstellungen. Einen alten Bauernhof hat er zum Atelier gemacht.
„Eine Schallmauer“, sagt Kargus mit Blick auf den 70. Nach dem Tod der Eltern gibt es kaum noch Kontakte nach Worms, wo er vor 20 Jahren tief beeindruckt bei den ersten Nibelungen-Festspielen mit Mario Adorf und Maria Schrader zu Gast war. Kargus, Vater zweier Söhne, hat drei Enkel. Geburtstag gefeiert wird mit der Familie und einigen Freunden.