Auf dem Weg nach Tokio RHEINPFALZ Plus Artikel Ringen: Das Knutschen nach dem Kampf wird Denis Kudla fehlen

Bundestrainer Michael Carl (rechts) hält den Olympiadritten von Rio de Janeiro, Denis Kudla (links) aus Schifferstadt, für einen
Bundestrainer Michael Carl (rechts) hält den Olympiadritten von Rio de Janeiro, Denis Kudla (links) aus Schifferstadt, für einen absolut professionellen Ringer.

In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nimmt Denis Kudla noch einmal einen Umweg über Litauen. Das Ringer-Trainingslager mit internationalen Gegnern soll dem Bronzemedaillengewinner von Rio 2016 den Feinschliff bringen. Zuvor aber chillte er noch mal mit Freundin Simone – und mit Pepsi.

Ein Cut auf der Stirn überm rechten Auge, ein paar Stiche an der linken Augenbraue – „alles Andenken“, sagt Denis Kudla. „Ich habe von fast jedem Wettkampf was mitgenommen. Ich kann mich auch an sehr vieles erinnern, aber ich kann nicht sagen, welche Narbe für welches Turnier steht.“ Nun, in der Pfalz sagt man zu Menschen, die ein bisschen weinerlich sind: „Des ist ä Christkinnel.“ Denis Kudla ist zwar am 24. Dezember geboren, vor 26 ½ Jahren im polnischen Racibórz (Ratibor), aber als muskulöser Griechisch-römischer Ringer ist er hart im Nehmen. Seine Narben lächelt er weg.

Er geht seinen Weg weiter. Konsequent. Oder, wie sein Trainer Michael Carl, der Bundestrainer aus Aschaffenburg, sagt: „Sehr professionell. Denis ist ein sehr nervenstarker Ringer, konditionell einer der stärksten, der auch im Halbfinale oder Finale noch 100 Prozent bringt.“

Eine Nacht am Flughafen-Hotel, dann nach Litauen

Am Dienstagabend setzt Kudla in ein Hotel am Frankfurter Flughafen über, weil er am Mittwochmorgen um 5 beim Einchecken sein muss. Mit Etienne Kinsinger, Frank Stäbler und Eduard Popp geht’s in ein letztes siebentägiges Trainingslager in Litauen, wo die Deutschen auf Athleten aus 13 Nationen treffen. Da wird der Feinschliff für die Spiele in Tokio geholt.

„Kurze, knackige Einheiten in sieben Tagen, dann ein paar Tage auftanken daheim in Schifferstadt, am 26. Juli startet der Flieger Richtung Tokio“, zählt Denis Kudla auf. Er will in Tokio zweimal auf der Matte stehen, am 3. August in der Vorrunde, und am 4. August im Halbfinale und Finale. „Olympische Spiele haben ihre eigenen Gesetze. Es wäre schön, wenn ich die Bronzemedaille von Rio bestätigen oder verbessern könnte, aber wenn es nicht klappt, ist es auch nicht schlimm. Viele Weltmeister haben es nicht einmal bis zur Teilnahme geschafft.“ Kudla sagt es ein wenig lapidar dahin, aber wer ihn kennt, weiß, dass er das Turnier extrem ernst nimmt und so weit wie möglich kommen möchte.

Im Wettkampf blendet man alles um sich herum aus

Seinen größten Tag, den 15. August 2016, hat er nicht vergessen. Er kämpfte sich bis zur Bronzemedaille durch, die Zuschauer feierten ihn, aber auch alle anderen Finalisten. „Menschen im Publikum haben mich zu meiner Familie hochgezogen, zum Umarmen, wir haben uns alle geknutscht und Tränen vergossen, das war ein so schöner Moment, den es jetzt nicht geben wird“, bedauert Kudla, dass keine oder wenig Zuschauer dabei sein können. „Aber besser so als gar nicht. Im Wettkampf, wenn man auf der Matte steht, merkt man es nicht, blendet alles um einen herum aus. Nur wenn man eine Medaille hat und in leere Ränge schaut, das stelle ich mir nicht so schön vor.“

Wie alle Ringer, wie alle Kontaktsportler konnte auch Kudla aufatmen, als das Training, die Vorbereitung auf Tokio wieder gut möglich war. „Ich war ja mal zwei Monate ganz weg von der Matte. Eine solch lange Pause nahm ich zuletzt, bevor ich mit dem Ringen überhaupt angefangen hatte. Das war jetzt ziemlich monoton und langweilig. Zum Glück ist das vorbei.“

Noch vier Kilogramm müssen runter

Von der Familie kommt also keiner mit, auch nicht seine Freundin Simone Glenk. Mit ihr und anderen Freunden übte er sich am Wochenende, kurz nach dem Trainingslager am Herzogenhorn im Schwarzwald und der Olympiaeinkleidung am Freitag in Heidelberg, im Chillen: gemütlich frühstücken, essen gehen, quatschen und mit Pepsi, dem Hund, spazieren gehen. Sein Körpergewicht spielt derzeit noch keine Rolle. 91 Kilogramm wiegt er, muss kurz vor dem Wettkampf vier Kilogramm abtrainieren, um in der 87-kg-Klasse antreten zu können. „Das geht bei mir relativ einfach. Kurz davor fang ich an, das über die Ernährung zu steuern und die letzten ein, zwei Kilo gehen übers Schwitzen weg“, erzählt er und grinst verschmitzt, weil er weiß, dass das nur bei wenigen Menschen funktioniert. Das Schlusswort hat Michael Carl, der Mann, der Denis ziemlich gut kennt: „Denis hat sich seinen Traum in Rio schon erfüllt. Die große Kunst ist es nun, sich nicht so sehr unter Druck setzen zu lassen.“ Aber Denis Kudla, der sehr ruhige, aufgeschlossene Wahlpfälzer, ist ja seit seinem größten Triumph fünf Jahre reifer geworden.

Denis Kudla beantwortet persönliche Fragen kurz und bündig

Was bedeutet Ihnen die Olympiateilnahme?
Sehr viel. Nicht viele schaffen es. Allein mit der Teilnahme schreibt man Geschichte.

Was muss immer in Ihrem Reisegepäck sein?
Immer ein gutes Buch, mit dem ich im Flieger abschalten kann. Ist eine Ablenkung vor dem harten Wettkampf.

Was ist Ihr Maskottchen?
Das habe ich nicht.

Wie wichtig ist für Sie Instagram?
Gar nicht. Am liebsten würde ich es löschen, es lenkt mich ab. Es sind unsinnige Sachen in der Dauerschleife.

Ist die Fußball-EM ein Thema?
Auf jeden Fall. Nur: Alle müssen im Leben zurückstecken, dann sind 40.000 im Stadion ohne Masken ein No-Go, das ist schwachsinnig. Wir Ringer müssen in Tokio ohne Fans kämpfen, und mir gefällt auch nicht, dass es Debatten in den Schulen trotz guter Hygienekonzepten gibt.

Wer oder was war der auslösende Moment für den Einstieg in Ihre Sportart?
Meine Eltern. Sie schickten erst meinen Bruder, dann mich. Judo war ausgebucht, ein Freund sagte, es sei noch Platz in der Ringer-Jugendmannschaft.

Können Sie ihre finanzielle Situation im Sport beschreiben?
Ich kann mich nicht beschweren, wir werden schon gut unterstützt. Aber ich kann nach dem Sport nicht davon leben, da haben es Ringer in anderen Nationen leichter.

Ernähren Sie sich vegetarisch oder vegan?
Ich esse ausgewogen, ab und zu Fleisch. Ich achte nicht so drauf, ich bin ein Genießer.

Trinken Sie Alkohol?
Sehr selten, höchstens ein Gläschen Rotwein. Das erste Mal war nach der Bronzemedaille in Rio.

Lieber Buch oder lieber Film?
Lieber ein Buch, weil es meine Fantasie mehr anregt. Vieles wird intensiver beschrieben. Im Film schweift man mit den Gedanken mehr ab, denke ich.

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