FUSSBALL-EM
Eigenartige Eigentore: Piplicas Erben
Im sozialen Netzwerk Twitter blühte der Flachs. „Tomislav Piplica, bist du’s?“, fragte ein User, nachdem der slowakische Nationaltorwächter Martin Dubravka im finalen Gruppenspiel gegen Spanien den Ball auf die kuriosest denkbare Art im eigenen Torgeviert untergebracht hatte. Ein Schuss krachte an die Latte, der Ball stieg in luftige Höhen, und als er sich gesenkt hatte, schmetterte der mittlerweile von Freund und Feind bedrängte Dubravka sich das Spielgerät im Stile eines Volleyballers ins eigene Netz.
Marcel Witeczeks legendäre Bogenlampe
In der Tat erinnerte diese „Panne de luxe“ doch stark an eine Szene aus dem Bundesligaspiel zwischen Energie Cottbus und Borussia Mönchengladbach am 6. April 2002. Marcel Witeczeks abgefälschter Schuss von der Strafraumkante stieg wie eine Rakete in den Orbit und plumpste in ebenso spitzem Winkel wieder gen Erdboden. Die Mutter aller Bogenlampen quasi. Tomislav Piplica, der Cottbusser Schlussmann, hatte freie Sicht auf den Ball, doch dieser sauste ihm auf den Hinterkopf und von dort – ins Tor. Für die an der Lausitz gastierenden Fohlen ein „Geschenk des Himmels“, ließe sich spitz formulieren. Und ein Wunder, dass die Gladbacher Profis jubelten und nicht vor Lachen kollabierten. Piplica ist die Aktion bis heute peinlich, „das wird mich ein Leben lang verfolgen“, sagte er im vorigen Jahr in einem Interview. Auch Dubravka geht gewiss in die Annalen ein.
So wie diese gesamte Europameisterschaft, wenn man die Fülle an Eigentreffern betrachtet. Dubravkas Tor war das siebte der aktuellen Endrunde, acht sind es mittlerweile. Damit ist beim paneuropäischen Turnier schon vor Beginn der K.o.-Phase ein Eigentor mehr gefallen als in den Turnieren seit 2000 zusammen. Und: Bei allen Europameisterschaften vor der aktuellen waren es in Summe neun.
Historisch: Torhüter-Eigentore bei der EM
Kurios obendrein: In allen EM-Endrunden zuvor gab es nie ein Torhüter-Eigentor. Nun sind es bereits drei, neben Dubravka bugsierten auch der Finne Lukas Hradecky und der Pole Wojciech Szczesny sich Bälle ins eigene Netz.
Nie zuvor, das außerdem, war im Eröffnungsspiel einer Europameisterschaft ein Eigentor gefallen. Erledigt! Der türkische Verteidiger Merih Demiral traf beim 0:3 gegen Italien auf der falschen Seite.
Ist das auch mathematisch eine auffällige Quote? Eher nicht, dafür ist die Gesamtzahl der Treffer zu gering. Woran liegt sie überhaupt, diese Häufung? Pech? Mangelt es Verteidigern und Torleuten an Form? Eine der plausibelsten Erklärungen ist wohl: Nationalmannschaften sind nicht derart eingespielt wie Klubteams, das blinde Verständnis der Teamkollegen ist weniger ausgeprägt. Und das fördert nun mal unabgestimmtes Defensivverhalten. Träfe dies zu, müsste die Anzahl der Eigentore ab den Achtelfinalspielen abnehmen. Schließlich dürften sich die Automatismen innerhalb der Teams mittlerweile eingeschliffen haben. Oder aber es ist doch alles – der pure Zufall.

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Foto: Imago Images/Beautiful Sports