Fußball
Pfälzer Schiedsrichter Nicolas Winter: Nach Karriereende zur Klub-WM
Das Lob für den Pfälzer Schiedsrichter kommt von höchster Stelle. „Nicolas Winter war in all den Jahren eine sehr zuverlässige Stütze unter den Profischiedsrichtern. In sehr kontrovers diskutierten Szenen hat er durchweg die richtige Entscheidung getroffen, er hatte stets eine klare Linie. Mit Konsequenz macht man sich nicht nur Freunde, doch er hat immer seine Menschlichkeit bewahrt. Mit seinem neuen Projekt leistet er wahre Pionierarbeit “, sagt Lutz Wagner. Der langjährige Bundesliga-Referee und heutige oberste Regelhüter beim DFB fand es schade, dass das Ausscheiden Winters durch das medienwirksame Karriereende von Felix Brych etwas in den Hintergrund geraten war.
Winter hatte schon länger intern kommuniziert, dass er seine Laufbahn nach zehn Jahren und 134 geleiteten Partien im Profifußball auf dem grünen Rasen beendet. Er rückt als Videoassistent in den „Kölner Keller“. Der 31-jährige Hagenbacher nennt Gründe: „Ich will unsere Referee-Kamera noch bekannter machen, das wird sehr zeitintensiv. Wenn ich etwas angehe, will ich es nicht nur halbherzig tun.“
Erfinder der „Refcam“
Mit dem Kollegen Patrick Kessel aus dem rheinhessischen Hüffelsheim und der Firma Riedel Communications hatte Winter nach beendetem Studium für Sportmanagement ein Joint Venture gegründet, um eine sogenannte Refcam zu entwickeln. Das Wuppertaler Unternehmen für Kommunikationstechnik stellt die Headsets für die Bundesliga-Referees her, war Hauptdienstleister bei zahlreichen Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften.
Beim DFB-Pokal-Finale in Berlin waren die Fernsehzuschauer hautnah dabei, konnten Dialoge zwischen „Schiri“ Christian Dingert und den Spielern des VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld live verfolgen. Dingert trug die sechs Gramm leichte Minikamera am Headset, auf dem Bildschirm konnte man die Partie aus dessen Sicht verfolgen.
Ihren ersten Einsatz hatte die Refcam bei den beiden Bundesliga-Hits zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Alex Feuerherdt, Sprecher der DFB Schiri GmbH, zieht ein sehr positives Fazit: „Unsere Akzeptanz bei Spielern und Trainern erhöht sich deutlich, die Öffentlichkeit bekommt mehr Transparenz.“ Bei der aktuellen Klub-WM in den USA (alle Spiele werden auf DAZN live übertragen) erlebt die Refcam nun ihre Feuertaufe auf der Bühne des Weltfußballs.
Seit dem 2. Juni sind Winter und Kessel in Miami. Bei einem Trainingslager machten sie alle eingesetzten Schiedsrichter mit der Technik vertraut, verkabelten sie, tauschten Erfahrungen aus. Jeden Tag wurde in Vorbereitungsspielen mit College Teams getestet. Winter ist mittlerweile bei der Firma Riedel als Berater tätig, wird ab kommender Saison in den europäischen Topligen für seine Erfindung werben.
Die Erinnerungen bleiben
Auf fast zwei Jahrzehnte an der Pfeife blickt Winter sehr zufrieden zurück: „Ich durfte mir meinen großen Traum erfüllen, im Profifußball Spiele zu leiten.“ An sein erstes Aktivenspiel erinnert er sich noch genau: SV Herxheimweyher II - SV Büchelberg II in der Saison 2006/2007. 2013 startete er in der Oberliga mit dem Derby SC Hauenstein - FK Pirmasens, 2015 stand er erstmals beim Landauer Timo Gerach in der Zweiten Liga an der Linie: FSV Frankfurt - Eintracht Braunschweig. Bei der Partie FC Heidenheim - Holstein Kiel feierte er 2019 sein Debüt als Schiedsrichter in Deutschlands zweithöchster Klasse. Beim Bundesligaspiel VfL Wolfsburg - FC Köln sprang er in die Bresche, als Assistent Thorben Siewer von einem Ball getroffen wurde und nicht mehr weitermachen konnte.
Es gab auch Hass
Nach einer Auswertung von 12.000 Tweets des Blogs „wettfreunde.net“ war er 2021 der am meisten beschimpfte deutsche Schiedsrichter in den sozialen Medien. Winter dazu: „Ich bin nicht im Netz unterwegs. Dennoch bekommt man das mit. Doch ich habe Strategien entwickelt, um es nicht zu nah an mich heranzulassen.“ Drei Ereignisse erzeugten mediale Aufmerksamkeit: Am 22. Oktober 2021 bespuckte Clemens Fandrich (Erzgebirge Aue) Winters Assistenten Roman Potemkin. Winter zeigte Rot, Fandrich wurde zunächst sieben Monate gesperrt. Zwei Monate später brach er die Partie MSV Duisburg - VfL Osnabrück ab, weil ihm eine rassistische Beleidigung des späteren FCK-Stürmers Aaron Opoku angezeigt worden war. Nach der Bierdusche durch einen Edelfan beim Gang in die Pause brach Winter die Begegnung FSV Zwickau - Rot-Weiss Essen ab. Er habe aber stets viel Zuspruch erfahren, betont Winter. Schiriboss Wagner erklärt: „Nicolas hatte mit allen Ereignissen direkt nichts zu tun, doch seine Entscheidungen waren jeweils richtig und alternativlos.“
Bei seinem Abschiedsspiel SV Darmstadt 98 - Jahn Regensburg am 17. Mai durfte Tochter Pippa mit einlaufen, die ganze Familie war nochmals dabei. „Das hat mich sehr gerührt, war mir mehr wert als die ganz große Bühne“, schwärmt Winter.