Sportkolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Alexander Zverev müsste Sportler des Jahres werden

French-Open-Sieger Alexander Zverev kann zu einer Symbolfigur für Menschen mit Diabetes werden.
French-Open-Sieger Alexander Zverev kann zu einer Symbolfigur für Menschen mit Diabetes werden.

Endlich hat Alexander Zverev seinen ersten Grand Slam Titel. Aufgrund diverser überwundener Rückschläge hat er eine Auszeichnung verdient.

Im Moment der Niederlage bewies Flavio Cobolli wahre Größe. „Niemand verdient den Grand-Slam-Titel mehr als du“, sagte der Italiener nach der Final-Niederlage gegen Alexander Zverev am Sonntag in Paris. Cobolli und Zverev sind befreundet. Sie lieferten sich eine Nervenschlacht, einen Abnutzungskampf im Endspiel der French Open. Der 29 Jahre alte Zverev krönte schließlich nach vier Stunden seine Tenniskarriere mit dem so lange ersehnten ersten Titel bei einem der vier Grand-Slam-Turniere. In der Tat hat es Zverev verdient. Dreimal – 2020, 2022, 2025 – stand er kurz vor dem Ziel, der finale Schritt blieb ihm verwehrt. Aber Zverev ließ sich nicht unterkriegen. Er ist ein wahres Stehaufmännchen.

Mag er als Mensch polarisieren, doch als Sportler ist er ein Musterbeispiel. Immer wieder musste er Rückschläge einstecken, ganz bittere in Paris. 2022 knickte er im Halbfinale gegen Rafael Nadal um und riss sich sieben Bänder im Fuß. Damals fehlten ihm 45 Punkte, um die Nummer eins der Welt zu werden. Zverev kämpfte und kehrte zurück. 2024 verlor er das Finale der French Open gegen Carlos Alcaraz. Zverev steckte die Niederlage weg – und kehrte zurück. Bei den Australian Open im vergangenen Jahr war er gegen Jannik Sinner im Endspiel chancenlos. Nach der Demütigung sagte er: „Ich bin einfach nicht gut genug.“ Zverev kämpfte – und kehrte zurück. Seit 7. Juni 2026 sind diese seelischen und körperlichen Narben nun endgültig verheilt.

Profiathlet trotz Diabetes

Alexander Zverev ist ein besonderer Grand-Slam-Champion. Das wird er auch für die Ewigkeit bleiben. Er gewann diesen Titel mit einer nicht zu unterschätzenden Krankheit – Diabetes. Seit seinem dritten Lebensjahr hat Zverev Diabetes, Typ 1. Diese Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, ist nicht heilbar. Viele Menschen, bei denen Diabetes festgestellt wird, sind zunächst einmal schockiert. Zudem wissen manchmal Mnschen, die im Alter an Typ 2 erkranken nicht, dass sie Diabetes haben. Diabetes Typ 1 bleibt nie unerkannt, denn er entwickelt sich fast immer mit drastischen Symptomen. Und noch heute werden nicht wenige Menschen wegen Diabetes stigmatisiert. Warum aber? Niemand sucht sich eine Krankheit freiwillig aus. Unsere Gesundheit ist doch das höchste Gut, das wir Menschen haben. Sie ist mehr Wert, als jede Summe Geld.

Alexander Zverev ist so etwas wie eine Symbolfigur für Menschen mit Diabetes geworden oder kann es werden. Er zeigt, dass Leistungssport trotz Diabetes möglich ist. Das haben auch schon andere Profisportler bewiesen. Sie alle haben Diabetes, Typ 1. Unter anderem Ex-Gewichtheber Matthias Steiner. Einen Tag vor seinem 18. Geburtstag erfuhr der Olympiasieger von 2008 von der Erkrankung. Im Radsport gibt es das Team Novo Nordisk, in dem nur Athleten mit Diabetes fahren. Timur Oruz wurde 2023 Hockey-Weltmeister – mit Diabetes. Auch Spitzen-Triathletin Anne Haug hat Diabetes. Sie alle sollten den Menschen, die Zweifel haben, Mut geben. Natürlich haben Profisportler andere Möglichkeiten. Aber im Kern senden sie das Signal in die Welt, dass mit Glauben und Wille einiges zu erreichen ist. Matthias Steiner gründete 2020 das Food-Startup Steinerfood und ist erfolgreich damit.

Das womöglich Entscheidende ist für jeden einzelnen betroffenen Menschen, egal, welches Handicap er hat, die Diagnose erst einmal zu verarbeiten und sich dann damit zu arrangieren. Das ist aber nicht immer so einfach. Das hängt letztlich von so vielen Dingen ab.

Inspiration für Betroffene

Diabetes ist eine heimtückische Krankheit. Immer mehr Menschen erkranken daran, speziell an Typ 2. Das betrifft vor allem Kinder und Jugendliche. Die Inzidenzen steigen in dieser Gruppe jährlich um zwei bis drei Prozent (Typ 1) und etwa sieben Prozent (Typ 2). Während Typ 2 sich durch den Lebensstil zumindest teilweise erklären lässt, beziehungsweise bekämpft werden kann, gilt Diabetes Typ 1 immer noch als schwer vorhersehbar und irreversibel. Und: Dieser Typus von Diabetes ist noch nicht so gut erforscht – gemessen an den Therapieerfolgen. So vermuten die Forschenden, dass die steigende Neuerkrankungsrate beim Typ-1-Diabetes mit veränderten Umwelteinflüssen zu tun hat – darunter virale Infektionen – oder mit einem komplexen Zusammenspiel solcher und genetischer Faktoren.

Für Sportler mit Diabetes ist die Krankheit ein großer Gegner. Sie alle müssen Insulin spritzen – und das, obwohl Insulin auf der Dopingliste steht. „Moderne Therapien, technische Hilfsmittel und ein gutes Selbstmanagement ermöglichen vielen Betroffenen sportliche Höchstleistungen – bis hin zum Profisport“, sagt Diabetes-Hilfe-Geschäftsführerin Nicole Mattig-Fabian.

Alexander Zverev und andere Profisportler mit Diabetes ermutigen hoffentlich viele Menschen, dass sie trotz ihres jeweiligen Handicaps nicht aufgeben. Mit Beharrlichkeit, Disziplin, Willensstärke ist einiges zu erreichen. Alexander Zverev hat dies jüngst bewiesen. Seine Nehmer- und Kämpferqualitäten haben ihn zu einem Champion gemacht. Für mich hätte er den Titel Sportler des Jahres 2026 verdient.

Mehr zum Thema
x