Interview
Patrick Groetzki vor seinem letzten Heimspiel: „Ein bisschen mulmig ist mir schon“
Herr Groetzki, ich habe den Eindruck, die letzten Tage waren sehr turbulent für Sie. Richtig?
Ja, es gab schon die vergangenen zwei Wochen viele Termine. Wir haben einen Live-Podcast gemacht, ein Filmteam hat mich in der Geschäftsstelle begleitet. Es war recht viel, aber es ist auch schön, seine Karriere auf diese Art und Weise noch mal Revue passieren zu lassen.
Der Tag des Heimspiels am Mittwoch gegen die TSV Hannover-Burgdorf ist da. Wie geht es Ihnen damit?
Ein bisschen mulmig ist es mir tatsächlich schon. Das Spiel war die ganze Zeit noch so weit weg. Wir waren Ende 2025, und es war noch ein halbes Jahr. Irgendwann waren es acht Wochen, das fühlte sich auch noch weit weg an, dann waren es vier Wochen und jetzt ist der Tag da, jetzt wird es langsam ernst. Ich freue mich sehr auf das Spiel. Es wird sicher sehr emotional.
Sie sind nach wie vor froh, dass Sie den Zeitpunkt des Karriereendes selbst bestimmen konnten?
Ja, das gilt nach wie vor. Ich bin froh, dass ich es selbst bestimmen konnte, und gleichzeitig habe ich die Entscheidung in diesem Jahr nicht einmal bereut. Ich stehe nach wie vor zu dieser Entscheidung. Ich bin glücklich damit.
Ihr Nachfolger als Rechtsaußen, Gino Steenaerts, hatte zuletzt mehr Spielanteile. War das in Ordnung für Sie?
Ja, das war so geplant. Es ging darum, dass die Spieler zum Zug kommen, die nächstes Jahr hier noch eine Rolle spielen. Ich hatte ja trotzdem noch genügend Spielanteile.
Wie oft haben Sie in den letzten Tagen noch einmal zurückgeblickt auf Ihre Karriere?
In den letzten Wochen ist viel passiert, beispielsweise in Interviews oder im Podcast, da habe ich automatisch darüber nachgedacht und geredet. Da war das ein Thema. Ich bewerte meine Karriere eher gefühlsmäßig, nicht nach reinen Fakten. So wie ich mich fühle mit meiner Karriere, bin ich mit vielem sehr glücklich.
Das heißt?
Ich formuliere es mal so: Was wollte ich eigentlich als Kind, was wollte ich als Jugendlicher? Als Jugendlicher in Pforzheim war der große Traum, mal in der ersten Mannschaft dort zu spielen. Und sicher steigern sich die Ansprüche und Träume in einer Karriere, je weiter man kommt. Aber wenn mir vor meinem Wechsel jemand gesagt hätte, dass ich hier fast 20 Jahre spiele, fast 200 Länderspiele habe und an zig Weltmeisterschaften teilgenommen habe, mehrmals deutscher Meister war, das hätte ich nie für möglich gehalten. Da muss man sich bewusst machen: Wo kommt man eigentlich her, was hat man erreicht. Da wirkt vieles noch ein bisschen größer.
Jetzt geht der letzte Spieler aus der großen Löwen-Generation …
Ja, nächste Saison ist keiner mehr in der Mannschaft, der deutscher Meister wurde. Immerhin sind noch Spieler hier, die Pokalsieger wurden. Es war eine Mannschaft, die im Grundgerüst schon 2012 begonnen hat, deshalb ging die Ära ziemlich lange.
Ganz oben für Sie steht …
… wie wir den zweiten deutschen Meistertitel holten, in einem Heimspiel mit einem Sieg gegen den THW Kiel. Der Mitkonkurrent Flensburg hatte an dem Abend direkt zuvor verloren. Das war der Moment, der am meisten gelöst war.
Sie haben mit fünf Bundestrainern gearbeitet. Wer hat Sie am meisten geprägt?
Mit Blick auf meine Karriere war das Martin Heuberger, den ich einfach am längsten kenne. Er hat mich schon als 16-Jähriger gefördert, als ich noch in Pforzheim war. Er hat mich da schon oft beobachtet und hat mich zu den Älteren in die Juniorennationalmannschaft genommen. Wir sind Weltmeister mit ihm geworden, er war danach noch in der Nationalmannschaft mein Trainer. Er hatte am meisten Einfluss. Heiner Brand hat mich, damals untypisch, früh in die Nationalmannschaft geholt. Wir hatten dann Dagur Sigurdsson. Ich denke noch immer positiv an seine Führungsqualitäten. Wie er eine Mannschaft zusammengestellt hat, wie er eine Mannschaft eingestellt hat, wie er Trainingseinheiten gestaltet hat, da war ein unglaublicher Zug drin. Da war Christian Prokop unter dem wir die Heim-WM 2019 gespielt haben und am Ende noch Alfred Gislason, bei dem ich dann nur noch mehr oder weniger regelmäßig dabei war.
Wie weit sind Sie gedanklich schon mit Ihrer neuen Tätigkeit in der Geschäftsstelle?
Schon relativ weit. Ich bin schon länger mindestens einmal pro Woche vor Ort. Ich bin jeden Tag mit E-Mails konfrontiert. Ich freue mich, dass ich ab Sommer meine komplette Zeit dafür verwenden kann. Manchmal war es doch herausfordernd, dies in den Alltag einzubauen.
Die Doppelspitze im Management mit Uwe Gensheimer kommt nicht zustande. Wie groß ist Ihr Bedauern?
Das Bedauern ist da, dass es für Uwe in der Position des Sportlichen Leiters nicht geklappt hat. Ich hatte mit der Entscheidung natürlich nichts zu tun, deshalb ist es von Spielerseite schwierig, sich dazu zu äußern.
Am 19. Juli verabschieden Sie sich mit einem großen Abschiedsspiel von den Fans. Die Kader stehen, Ihrer und der von Mikael Appelgren?
Ja, die Kader stehen, sie sind fast schon fix. Zuletzt kamen die Kreisläufer, es fehlen dann noch die Linksaußen. Es wird ein tolles Event und wir versuchen, uns etwas einfallen zu lassen drumherum. Es kommt zudem ein sozialer Aspekt dazu, ich bin ja schon länger Botschafter bei den „Special Olympics“, mit uns werden auch ein paar dieser Athleten mit auf der Platte stehen.
Von den alten Kumpels, gibt es da einen, auf den Sie sich am meisten freuen?
Das ist verteilt. Alle freuen sich, so viele Gesichter zu sehen, die man lange nicht mehr gesehen hat. Es wird richtig cool und eine große Zusammenkunft der Handballfamilie.
Zur Person
Patrick Groetzki (36) kam 2007 von der SG Pforzheim/Eutingen zu den Rhein-Neckar Löwen. Der Rechtsaußen und heutige Kapitän holte mit den Löwen 2013 den Europa-League-Titel, wurde zweimal deutscher Meister, zweimal Pokalsieger und dreimal den Supercup. Er bestritt 580 Bundesligaspiele und warf 1654 Tore.