Tennis
Novak Djokovic vor Wimbledon: Mehr Favorit geht kaum
In einem ruhigeren Moment seines emotionalen Abstechers zurück ins Rasenreich von Halle erinnerte sich Roger Federer gerade, wie vor 20 Jahren alles anfing. Die große Kehrtwende seiner Karriere. Der erste Rasentitel, der Beginn seines Wimbledon-Wunders. Aber auch die Dominanz einer kleinen Gruppe ehrenwerter Gentlemen, die das wichtigste Turnier der Welt über zwei Jahrzehnte fest im Griff hielten, quasi im Privatbesitz. „Völlig frustriert und enttäuscht“ sei er damals, 2003, von den French Open nach Halle gekommen, sagte Federer, „ich war in der ersten Runde ausgeschieden. Und in den Zeitungen hieß es: Aus dem wird nie etwas Großes. Das hat bei mir dann aber auch einen gewissen Trotz freigesetzt.“
Seit 2003 siegen nur die großen Vier
In jenem Juni wussten weder Federer noch die Tenniswelt, welch große Geschichte sich für den Schweizer Maestro und seine erlesensten Rivalen entwickeln würde. Federer gewann seinen ersten Pokal auf Gras, in Halle. Und kurz darauf war er auch der Rasenkönig in Wimbledon. Vier weitere Titel im All England Club folgten von 2004 bis 2007. Rafael Nadal und Novak Djokovic betraten die Tennisbühne, machten Federer die Herrschaft im Grünen streitig, siegten selbst. Und dann war da noch der Lokalmatador, der schottische Braveheart Andy Murray, der die nationale Titeldürre 77 Jahre nach Fred Perry letztem Heimsieg im Jahr 2013 beendete.
Was dazu führte, dass sich die Liste der Herrensieger bei der wichtigsten Leistungsmesse des Tennis seit 2003 so frustrierend für alle Herausforderer liest: Federer, Federer, Federer, Federer, Federer, Nadal, Federer, Nadal, Djokovic, Federer, Murray, Djokovic, Djokovic, Murray, Djokovic, Djokovic, Djokovic, Djokovic. Hinzu kommt: Vor 30 Jahren, im Sommer 1993, begann auch eine andere Episode der Übermacht eines Wimbledon-Giganten, die von Pete Sampras. Sieben Mal gewann der trockene Amerikaner bis einschließlich 2000. Zwischendrin verlor er nur ein einziges Match, 1996 gegen den späteren Champion Richard Krajicek.
Kein Platz für Außenseiter
Wimbledon ist der Ort, an dem sich die Größten ihrer Zeit mit der scheinbar souveränsten Selbstverständlichkeit entfalteten. Das Tennis-Heiligtum an der berühmten Church Road war und ist in der jüngeren Vergangenheit kein Platz für spektakuläre Außenseiter und Nobodys – wer nach einem eher ungewöhnlichen Sieger und verblüffenden Finale sucht, wird in jüngerer Zeit allenfalls im Jahr 2002 fündig. Da siegte der in jener Saison führende Australier Lleyton Hewitt gegen David Nalbandian (Argentinien), es war die Übergangsphase zwischen der Regentschaft von Sampras und dem Beginn der Ära der Großen Drei. Oder, was Wimbledon angeht, der Großen Vier inklusive Murray.
Viel Geld gibt es mit einer Djokovic-Wette nicht
Wann wird es den ersten Champion geben, der nicht Federer, Nadal, Murray oder Djokovic heißt? Geht es nach den Experten der Branche, wird es 2023 noch nicht soweit sein. Denn mag auch der junge Spanier Carlos Alcaraz als Nummer 1 der Weltrangliste und Nummer 1 der Setzliste in das Turnier gehen, ist doch Djokovic der überstrahlende Favorit. Wer bei den Buchmachern auf den 36-jährigen Serben setzt, wird Gewinne ernten, die eher Mitleid auslösen. Nach der Thronbesteigung bei den French Open geht Djokovic gestärkt, voller Selbstbewusstsein, an die Aufgabe in London. Längst ist auch Wimbledon für ihn zu einem Tennis-Paradies geworden, zu einem Garten Eden. Siegt der Djoker, zieht er mit dann acht Titeln mit Federer gleich. Und würde sein Gesamtkonto an Grand Slam-Erfolgen auf 24 erhöhen. Auf die Frage nach den aussichtsreichsten Siegkandidaten antwortet der dreimalige Wimbledon-Champion Boris Becker dies: „Erst kommt Djokovic, dann Djokovic, dann Djokovic, dann lange nichts. Und dann andere wie Alcaraz oder auch Sascha Zverev.“
Neue Regel, alter Hunger
Vieles hat sich in Wimbledon verändert. Es gab ehedem Unvorstellbares zu bestaunen, ein Dach erst überm Centre Court, später auch über Court 1. Der heilige Rasen wurde in seiner Mischung immer wieder verändert, mal war das Grand Slam-Terrain langsamer, mal schneller. Auch ein Super-Tiebreak im fünften Satz wurde eingeführt. Demnach wird beim Stande von 6:6 im entscheidenden fünften Satz ein Matchtiebreak bis zehn gespielt, statt – wie üblich – bis sieben. Geblieben ist die Schlagmacht einiger weniger Tennisgrößen. Federer ist im Ruhestand. Nadal, körperlich geschunden, in einer Art Vorruhestand. Aber Djokovic ist noch da, der größte Spielverderber für die Konkurrenz im Hier und Jetzt und in den letzten Wimbledon-Jahren.
„Sein Hunger ist noch längst nicht gestillt“, sagt Goran Ivanisevic, der einstige „Herr der Asse“ und Trainer von Djokovic. Und, ganz nebenbei, der Wildcard-Sieger des Jahres 2001. Es klang wie eine Drohung.