Tennis RHEINPFALZ Plus Artikel Nastasja Schunk im Interview: „Ein bisschen Comeback, das geht nicht“

Das Lächeln ist zurück: Nastasja Schunk mit der Meisterschaftstrophäe.
Das Lächeln ist zurück: Nastasja Schunk mit der Meisterschaftstrophäe.

Vor genau einem Jahr wurde Nastasja Schunk an der Schulter operiert und fiel aus der Weltrangliste. Vor zwei Wochen wurde die Altriperin deutsche Hallenmeisterin. Sie ist also wieder da. Nun erzählt sie von starken Schmerzen, quälenden Zweifeln, einer zweiten Verletzung und neuem Selbstvertrauen.

Nastasja Schunk, was für ein Comeback. Deutsche Meisterin in der Halle nach einer Spielpause von über einem Jahr. Glückwunsch!
Danke. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel mir der Titel bedeutet. Er ist etwas Besonderes, gerade, weil ich so lange nicht gespielt habe. Und ein Match oder ein Turnier kann man im Training ja nicht simulieren.

Ohne die Turnierpraxis hätte es mit dem Titel auch schiefgehen können. Waren Sie darauf vorbereitet?
Mir ging es nicht ums Gewinnen oder ums Verlieren. Mir war es wichtig, die Sachen aus dem Training in die Matches zu bringen.

Um welche Sachen geht’s da konkret?
Dass ich mehr erste Aufschläge spiele und nicht nur zweite, dass hier die Quote besser wird. Und dass ich mehr an die Bälle ran und ins Feld gehe und nicht nur hinten warte. Das ist mir gelungen. Mein Trainer Jochen Bertsch sagte, selbst wenn ich das Halbfinale gegen Noma Noha Akugue verloren hätte, wäre es ein starkes Match gewesen. Ich habe sehr gut gespielt und merkte, hey, es ist alles wieder gut.

Dann kann das Weihnachtsfest ja kommen ...
Ja klar, das echt schwierige Jahr ist rum. Es wird ein schönes familiäres Fest, ich glaube, wir werden völlig entspannt sein. Es wird Raclette geben. Und nach den Feiertagen wollen wir in den Schnee zu meiner Tante in die Lenzerheide.

Skifahren? Trauen Sie sich das? Das kann auch seine Tücken haben, Manuel Neuer lässt grüßen.
Also ich fahre länger Ski als ich Tennis spiele. Ich entscheide es selbst, aber ich denke, das Skifahren fällt nach der Schulteroperation in diesem Jahr für mich aus.

Die Schulter-OP ist das Stichwort überhaupt. Zwei Tage vor Weihnachten im vergangenen Jahr kamen Sie unters Messer.
Oh je, es war richtig heftig für mich. Ich wurde an Heiligabend in München entlassen, Mama brachte mich auf dem Beifahrersitz heim. Jede Erschütterung zog da richtig rein, das war nicht so nice. Ich hatte extreme Schmerzen, konnte nicht lange am Tisch sitzen, nahm 600er Ibuprofen und bin vor Schmerzen aufgewacht.

Nastasja Schunk kurz vor Weihnachten nach dem Training in Mannheim.
Nastasja Schunk kurz vor Weihnachten nach dem Training in Mannheim.

Die Operation und die Schmerzen sind das eine. Sie gehen auch wieder weg, das wussten Sie. Aber was machen Gedanken an eine lange Pause mit einem?
Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wurde von heute auf morgen arbeitslos, und ich wusste nicht, ob und wie ich zurückkomme. Ein bisschen Comeback, das geht nicht. 80, 90 Prozent reichen auf der Tour nicht, wenn man gewinnen will. Ich hatte anfangs diese quälenden Zweifel. Nach meinem besten Jahr mit tollen Höhepunkten in New York, Paris und Wimbledon wusste ich, dass mindestens fünf Monate weg sind.

Wie gingen Sie mit den Zweifeln um?
Ich habe sie nicht ausgesprochen, mit keinem darüber geredet, keinen gefragt. Aber meine Familie und mein Trainer waren für mich da. Sie haben mir geholfen, die Tage zu strukturieren. Es waren recht volle Tage.

Haben Sie am Tennisgeschehen als Zuschauerin teilgenommen?
Ursprünglich wollte ich zu den Aus-tralian Open im Januar, aber das ging ja nicht. Ich konnte sie mir auch nicht anschauen. Ich hatte mich komplett rausgenommen, auch aus Instagram, was schwierig war. Dort folge ich normalerweise den Leuten, die mit Tennis zu tun haben. Ich habe aber auch ein anderes Profil, ein eher privates ohne Tennis, ich war halt dann dort unterwegs. Und ich hatte wieder Zeit für Bücher gefunden und einige Fantasyromane gelesen.

Aber aus den fünf Monaten Turnierpause wurde letztlich über zwölf Monate. Warum eigentlich?
Ich bin Mitte August im Konditionstraining umgeknickt und habe mir die Bänder gerissen. Saublöd, kein guter Zeitpunkt. Aber ich kann der Sache trotzdem etwas abgewinnen, weil ich meiner Schulter definitiv mehr Zeit zum Ausheilen gegeben habe.

Nastasja Schunk in Aktion bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Biberach.
Nastasja Schunk in Aktion bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Biberach.

Sie sagen das so locker. Das macht doch was mit einem?
Es hat mich fünf, sechs Wochen nach hinten geworfen. Aber stimmt, ich hab’s nicht locker aufgefasst, im ersten Moment war’s schlimm. Ich hatte noch nie was Ernsthaftes und jetzt zwei Sachen hintereinander, da fragt man sich: Geht das jetzt so weiter?

Sie haben dann aber länger als sechs Wochen aufs Comeback gewartet, haben erst am 2. November in Antalya den ersten Turnierball gespielt. Warum so spät?
Ich stand bei meinem letzten Spiel im Oktober 2022 auf Platz 210 der Weltrangliste. Der wurde eingefroren. Dieses Protected Ranking ist quasi eine Starthilfe. Wenn man über ein Jahr aus dem Geschehen raus ist, kann man sich nach dem Comeback bei zwölf Turnieren mit dem damaligen Ranking von 210 anmelden. Ich komme also in größere Turniere rein, um schneller Punkte sammeln zu können. Jetzt schauen wir, wie wir nach Neujahr den Turnierplan gestalten.

Was nehmen Sie aus dem schwierigen Jahr zwischen Weihnachten und Weihnachten mit?
Ich denke schon, dass ich erwachsener und verantwortungsvoller geworden bin, auch selbstbewusster und selbstständiger. Mir ist nicht mehr so wichtig, was andere Leute über mich sagen oder schreiben. Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen, und er unterscheidet sich eben von den Wegen der anderen. Dazu stehe ich, und auch zu den Entscheidungen, die ich treffe.

Der motivierende DM-Titel ist eine wichtige Zwischenstation. Auf welchem Niveau sehen Sie sich momentan spielerisch?
Der Meisterschaftssieg in Biberach heißt nicht, dass ich schon wieder so gut bin, wie ich war. Aber ich spüre, dass ich wieder dahin kommen kann, ja ich glaube, dass ich noch besser werden kann.

Kann man das Tennisspiel eigentlich verlernen?
Manche Sachen hat man oder man hat sie nicht. Tennis spielt sich extrem viel im Kopf ab. Man kann viel Talent haben, über viele Schlagvarianten verfügen, aber wenn du es im Kopf nicht hinkriegst, dann hast du ein Problem.

Als ihr Zuschauer hat man immer das Gefühl, dass gerade Sie es im Kopf sehr gut hinkriegen.
(grinst) Ja, das stimmt, das ist schon eine meiner Stärken, aber auch das muss sich über Matches erst wieder stabilisieren.

Zur Person

Die über ein Jahr dauernde Spielpause der 20-jährigen Nastasja Schunk aus Altrip ist vorbei. Die Linkshänderin hatte ihr letztes Einzel am 18. Oktober 2022 in Hamburg gespielt und es zwei Tage später noch im Doppel probiert. Es ging nicht mehr. Am 22. Dezember 2022 wurde sie von Dr. Georg Öttl in München am linken Schultergelenk operiert. Die Gelenklippe (Labrum) war nach einem kleinen Trainingsunfall im September 2022 abgerissen, auch die Bizepssehne war betroffen. Am 2. November 2023 stand die Spielerin der MTG Mannheim in Antalya zum ersten Mal wieder auf dem Platz. Am 10. Dezember gewann sie in Biberach den deutschen Meistertitel in der Halle. Schunk war nach einem überragenden Jahr 2022 mit Erstrundenspielen bei den French Open und in Wimbledon am 8. August 2022 auf Platz 143 der Weltrangliste notiert.

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