Handball
Nach dem Auftaktsieg wartet bei der WM nun Lieblingsgegner Schweiz
Die Szene in der 44. Spielminute der Partie zwischen Deutschland und Polen passte zu diesem Abend. Renars Uscins tankte sich durch, stand frei vor dem Torhüter und donnerte Adam Morawski den Ball an den Kopf.
Kein Tor, aber eine Zwei-Minuten-Strafe.
Renars Uscins wäre nicht Renars Uscins, würde er nach dem unglücklichen Wurf den Kopf nicht oben behalten. „Das ist genau so wie ein Pfostentreffer, das ist genau so wie eine Torwartparade. Das passiert mal. Ich glaube, das ist mir länger nicht passiert. Aber so was kommt vor, das gehört zum Handball. Ich hatte ja zwei Minuten Zeit, mich auszuruhen und den Kopf frei zu kriegen“, sagte Uscins lachend.
Der Kopf war fortan frei, und der Halbrechte von der TSV Hannover-Burgdorf war in der letzten Viertelstunde der überragende Spieler. Ihm gelangen noch fünf Tore. Insgesamt kam Uscins auf zehn Treffer. Die deutsche Mannschaft zog ein lange schwieriges Spiel auf ihre Seite. Es war ein typisches Auftaktspiel für eine WM.
Wie bei den Olympischen Spielen
Man ist geneigt zu sagen: Der 22-jährige Renars Uscins machte genau da weiter, wo er bei den Olympischen Spielen in Frankreich aufhörte. Dort ging sein Stern so richtig auf, in Lille und Paris avancierte er zum überragenden deutschen Feldspieler. „Zum Glück haben wir in der zweiten Halbzeit die Leichtigkeit wiedergefunden, zunächst waren wir zu überhastet. Ja, da war ein bisschen Nervosität. Wir wollten unbedingt wieder zeigen, wie wir in Paris gespielt haben. Da dürfen wir uns selbst die Messlatte nicht zu hoch hängen“, analysierte Renars Uscins. Das Silber vom August 2024 und die Folgen. „Wenn man längere Zeit auf dem Niveau spielt, dann wächst man. Abgesehen von der Medaille in Paris, da war der Sommer so wichtig“, unterstrich Uscins.
Der Halbrechte erzielte im Jahrhundertspiel gegen Frankreich Sekunden vor Schluss den Ausgleich, in der Verlängerung gelang dem U21-Weltmeister auch noch der Siegtreffer in jenem unglaublichen olympischen Viertelfinale.
In der Breite stark
Die Partie gegen Polen am Mittwoch hat vor allem gezeigt: Mit dem Spielverlauf fand die deutsche Mannschaft ihre Mitte, zunächst wirkte sie zu übereifrig, zu übermotiviert, sie überdrehte, später kam sie in den richtigen Rhythmus. Die Breite im Kader ist top.
Als Spielmacher Juri Knorr verletzt raus musste, übernahm der wendige Luca Witzke das Kommando, Marko Grgic durfte für Julian Köster ran, traf gleich mit seinem ersten Wurf. Und: Das deutsche Team hielt das Tempo konstant hoch, Polen konnte da in den letzten Minuten nicht mehr mitgehen. „Am Ende sind sie eingebrochen“, sagte Julian Köster. Mit einem Sieg gegen die Schweiz am Freitag (20.30 Uhr) winkt schon der Sprung in die Hauptrunde, Tschechien ist am Sonntag (18 Uhr) der letzte Vorrundengegner.
„Wenn unser Anspruch das Viertelfinale ist, wovon wir die ganze Zeit sprechen, dann sind die Schweiz und Tschechien zwei absolute Pflichtaufgaben“, urteilte Renars Uscins. Leichte Entwarnung gab es bei Juri Knorr. Der Mittelmann musste in der zweiten Halbzeit gegen Polen passen, er verdrehte sich das Knie.
Andy Schmids Unlust
Einer hat so gar keine Lust auf das Duell Deutschland gegen die Schweiz: Der Schweizer Nationaltrainer Andy Schmid. „Ich habe es langsam satt, so oft gegen Deutschland spielen zu müssen. Die Deutschen liegen uns einfach nicht mit ihrer Körperlichkeit. Ich hätte lieber einen anderen Gegner gehabt“, sagte der frühere Regisseur der Rhein-Neckar Löwen, seit neun Monaten in Amt und Würden.
Andy Schmids Unlust hat zwei konkrete Anlässe: Bei der EM vor einem Jahr wurde die Schweiz von der deutschen Auswahl im Eröffnungsspiel in der Düsseldorfer Arena ebenso überrollt wie im November in Mannheim bei der EM-Qualifikation.