Fußball
Musiala und Wirtz für Deutschland: Deshalb sind sie ein Segen
Die Organisatoren hatten alles wunderbar geplant, sozusagen durchorchestriert. Alles passte. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als nach dem Schlusspfiff Musik der Düsseldorfer Kultband „Die toten Hosen“ durch die Lautsprecher der Arena in Düsseldorf klang und die verbliebenen Fans schunkelnd mitsangen, fügte sich der Ablaufplan zusammen. Ein Spiel der A-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes ist längst keine reine Sportveranstaltung mehr, vielmehr hat es als Event mehr zu bieten als ein paar junge Männer, die sich im schlimmsten Fall die Klamotten dreckig machen. Diese Entwicklung ist schon viele Jahre alt, aber im Moment gibt es eine Art Gegenbewegung. Jahrelang musste sich der DFB viel einfallen lassen, um Heimspiele zu einem Fest zu machen – und genügend Besucher in die Arenen zu locken.
Das ändert sich gerade, denn es ist unübersehbar, dass die Menschen gerade in erster Linie durch das Geschehen auf dem Rasen angezogen werden, das nach dem Vorprogramm und vor dem musikalischen Schluss abläuft. Beim 5:0-Sieg gegen Ungarn zum Auftakt der Nations League feierten die Fans in der Arena ihre Party wegen der Verzückungen der Fußballer und nicht etwa wegen der Musikeinspielungen der Stadionregie. Zuvorderst waren dafür zwei Spieler zuständig, die mehr und mehr zum Herz der deutschen Sturm- und Drang-Abteilung werden, dabei sind sie gerade erst dem Teenageralter entwachsen: Jamal Musiala und Florian Wirtz.
„Noch mal richtig Lust bekommen“
„Als Flo und Jamal noch mal richtig Lust bekommen haben, war das ein Genuss, da zuschauen zu können“, sagte Niclas Füllkrug. Der Stürmer von West Ham United hatte den ersten Treffer gegen die Ungarn erzielt, aber war doch nur ein Nebendarsteller geblieben. Füllkrug hatte das 1:0 erzielt, weil ihm Musiala den Ball so servierte, dass er ihn nur noch über die Linie drücken musste. Die butterweiche Flanke, die das 1:0 initiiert hatte, kam von Wirtz in den Strafraum geflogen. „Es ist ein Geschenk, sie in unserer Mannschaft zu haben“, fügte Füllkrug an.
Nach der Europameisterschaft und den anschließenden Rücktritten von Manuel Neuer, Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Thomas Müller gab es eine gewisse Unsicherheit, ob die Euphorie, die von der deutschen Mannschaft während der Heim-EM durch ihre Leistungen geweckt worden war, würde anhalten können. Die Partie gegen hoffnungslos überforderte Ungarn gab darauf eine erste Antwort: Solange die Supertalente des deutschen Fußballs derart begeisternd miteinander kombinieren, wird Deutschland die Möglichkeit bekommen, Länderspiele zu Feiertagen zu erklären.
Dominanz auf dem Feld
Es ist erstaunlich, welche Dominanz die Zauberer der deutschen Elf auf dem Feld auszuüben vermögen, wo sie außerhalb des Platzes so schüchtern, beinahe verletzlich wirken. Musiala und Wirtz rissen gegen die in diesem Punkt bemitleidenswerten Ungarn die Kontrolle des Spiels wie selbstverständlich an sich. Beim 2:0 passte Wirtz den Ball auf den Torschützen Musiala, der sich beim 3:0 mit einer Vorlage für Wirtz revanchierte. Die Supertechniker wirbelten mit ihren Dribblings nicht brotlos über den Rasen, sondern unterfütterten ihre Vorstellung mit einer erstaunlichen Effizienz. Der Spieltrieb, dieser Eindruck verfestigt sich mehr und mehr, steigert sich im Miteinander. Musiala und Wirtz nehmen sich gegenseitig keine Räume, sondern schaffen sie dem jeweils anderen. Dem Miteinander stehen keine Egoismen im Weg, was auf dem Leistungsniveau beider keine Selbstverständlichkeit ist. Musiala und Wirtz machen sich gegenseitig besser.
„Wenn die beiden sich suchen und finden, ist das schon sehr gut anzusehen“, sagte Julian Nagelsmann. Dem Bundestrainer ist es gelungen, eine Grundordnung zu finden, in der sich das Talent der deutschen Offensivzauberer entwickeln kann. Obwohl beide im Zentrum noch mehr Einfluss auf das Spiel nehmen könnten, agieren sie etwas weiter außen, um dort ihre Dribbelstärke nutzen und ihr Genie entwickeln zu können. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder junge deutsche Offensivkräfte gegeben, denen überdurchschnittlich viel Talent nachgesagt wurde. Wie Musiala und Wirtz war aber niemand.
Groß: „Ein Segen für Fußballdeutschland“
In Düsseldorf überstrahlten sie den Rest der deutschen Mannschaft, was in Teilen unfair war, denn die DFB-Elf zeigte im ersten Spiel nach der Europameisterschaft und ohne die vier glorreichen Helden, die zurückgetreten waren, eine beeindruckend selbstverständlich gute Leistung. Ungarn gehört nicht zu den besten Adressen im internationalen Fußball, ist aber auch kein klassischer Außenseiter mehr. Ein Sieg in dieser Höhe und mit dieser Überlegenheit hat eine Aussagekraft.
Im Mittelfeld hatte Pascal Groß bis zu seiner Auswechslung viel Einfluss auf das Geschehen und sorgte zumindest fürs Erste dafür, dass Toni Kroos nicht vermisst wurde. Der Mannheimer initiierte viele gefährliche Angriffe und sorgte gemeinsam mit Robert Andrich für Stabilität in der Mittelfeldzentrale. Der 33-jährige Groß hätte im Anschluss ein wenig Werbung für sich machen können, doch er wollte nicht über sich sprechen, sondern über die Zauberer, denen er, wann immer möglich, auf dem Platz den Ball gegeben hatten.
„Sie sind ein Segen für Fußballdeutschland“, sagte Pascal Groß mit Blick auf Jamal Musiala und Florian Wirtz.