Leichtathletik Mildes Urteil für Vater von Läufer-Star Jakob Ingebrigtsen
Vater gegen Sohn und Tochter vor Gericht, die Mutter und weitere Geschwister im Zeugenstand: Es gibt wohl kaum eine unangenehmere Situation für Eltern und Kinder als jene, die die norwegische Familie Ingebrigtsen durchgemacht hat. Der Weltklasseläufer Jakob Ingebrigtsen (24) und eine jüngere Schwester (19) warfen ihrem Vater Gjert (59) vor, in Kindheits- und Jugendtagen gewalttätig gegen sie geworden zu sein.
Nach dem öffentlich ausgetragenen Familienzerwürfnis entschied am Montag das zuständige Bezirksgericht Sandnes im Südwesten Norwegens, dass Gjert Ingebrigtsen nicht ins Gefängnis muss. Das Gericht befand ihn jedoch eines tätlichen Angriffes auf seine Tochter schuldig. Dafür wurde er zu einer 15-tägigen Bewährungsstrafe verurteilt. Zudem muss der 59-Jährige seiner Tochter 10.000 Kronen (knapp 900 Euro) Schmerzensgeld zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte zweieinhalb Jahre Gefängnis gefordert, die Verteidigung dagegen Freispruch.
Meinungs-Beitrag in Zeitung sorgt für Aufsehen
Über Wochen hatte der Fall im Norden hohe Wellen geschlagen. Prominenter könnten die Akteure dabei für norwegische Verhältnisse kaum sein: Die Familie Ingebrigtsen zählt zu den bekanntesten des Landes, der derzeit verletzte Jakob Ingebrigtsen selbst als Olympiasieger von Tokio (1500 Meter) und Paris (5000 Meter) sowie mehrfacher Weltmeister und Weltrekordler zu den berühmtesten Sportlern der Nation.
Entsprechendes Aufsehen erregte ein Meinungsbeitrag, den der Laufstar im Herbst 2023 zusammen mit seinen Brüdern Filip und Henrik in der Zeitung „Verdens Gang“ veröffentlichte. Darin berichteten die Laufbrüder von einer Kindheit, die von physischer Gewalt und Drohungen ihres Vaters und langjährigen Trainers geprägt gewesen sei.
Anklage Ende 2024 ausgeweitet
Es wurden Ermittlungen gegen Gjert Ingebrigtsen wegen möglicher Misshandlung eingeleitet, die zunächst zur Anklage wegen seines Vorgehens gegen seine Tochter führten. Ende 2024 wurde diese Anklage dann auch auf sein Verhalten gegenüber Jakob Ingebrigtsen ausgeweitet. In diesem Frühjahr folgte schließlich der wochenlange Gerichtsprozess, in dem ein Familienmitglied nach dem anderen vor dem Amtsgericht Stellung bezog.
Jakob Ingebrigtsen ging es in dem Verfahren nach eigenen Angaben darum, die Geschichte der Geschwister zu erzählen, aber auch um ein viel größeres Thema: den Schutz von Kindern vor familiärer Gewalt. „Meine Geschwister und ich werden nun im Leben weitergehen, unabhängig vom Ausgang des Prozesses. Viele Kinder können das nicht“, schrieb der 24-Jährige zum Prozessende in einem weiteren Beitrag in „Verdens Gang“, den er auch vor Gericht verlas. „Sie leben ihre Leben in Angst. Vergesst sie nicht, wenn die Kameras im Amtsgericht in Sandnes ausgegangen sind.“ Er schloss sein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit für diese Kinder mit den Worten: „Nicht alle von ihnen können vor ihren Problemen davonlaufen, so wie ich es getan habe.“
Vorwürfe zurückgewiesen
Der siebenfache Familienvater Gjert Ingebrigtsen hat die Vorwürfe vor und während des Verfahrens stets zurückgewiesen. Vor Gericht sagte er aus, immer nur die besten Absichten gehabt zu haben. „Ich habe niemals Gewalt gegen meine Kinder ausgeübt“, beteuerte er schon 2023. Er sei zwar alles andere als perfekt als Vater und Ehemann gewesen, aber niemals gewalttätig.
Der Großteil seiner Kinder ist da anderer Ansicht. Neben Jakob und seiner jüngeren Schwester sagten drei weitere Geschwister aus, unter einem Regime der Angst aufgewachsen zu sein. Ihre Mutter Tone soll Gjert Ingebrigtsen dagegen im Zeugenstand zur Seite gesprungen und Abstand von den fünf Kindern genommen haben, die ihm Vorwürfe machten: In einem Haus mit sieben Kindern habe es Regeln gegeben, aber keine Gewalt, weder physisch noch psychisch, sagte sie nach Angaben eines Anwalts ihres Mannes aus. Sie wollte sich nur hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Medien äußern.
Jakob Ingebrigtsen hatte am letzten Verhandlungstag gesagt, dass das Verfahren für ihn, seine Schwester und weitere Geschwister unabhängig vom Ausgang „tiefgreifende und herzzerreißende Konsequenzen“ habe. „Das war uns von Anfang an bewusst – aber es war trotzdem wichtig, unsere Geschichte zu erzählen.“ Trainer der Laufbrüder ist Vater Gjert übrigens seit 2022 nicht mehr.