INTERVIEW
„Meine Mutter hat geweint“: Ex-FCK-Profi Orban über seinen großen Traum
Hallo und Glückwunsch zur EM-Teilnahme! Sie haben es ja ganz schön spannend gemacht, Herr Orban. Oder Willi? Oder Vilmos, wie Ihr Name in manchen Datenbanken geführt wird?
Ja, ursprünglich heiße ich Vilmos Thomas Orban. Als sich meine Eltern getrennt haben und ich mit meiner Mutter in Deutschland, in Kaiserslautern, geblieben bin, genauer in Mehlingen, hat sie gesagt, Willi ist hier besser für mich. Das wurde dann auch offiziell geändert.
Und in Ungarn, wo Ihr Vater herkommt und jetzt wieder lebt, werden Sie Vilmos gerufen?
Nur vereinzelt. Die meisten nennen mich Willi. Und im Nationalteam haben wir ja viele Profis, die im deutschsprachigen Raum spielen, wie Adam Szalai, Roland Sallai, Peter Gulacsi aus der deutschen oder etwa Dominik Szoboszlai aus der österreichischen Bundesliga. Die sagen sowieso Willi und nicht Vilmos.
Willi lässt sich ja auch von den Fans in einem EM-Stadion sehr gut rufen – wie damals beim FCK auf dem „Betze“ in Kaiserslautern. Wenn denn zur EM wieder Fans kommen dürfen. Wie ist das für Sie – ein großer sportlicher Triumph in einem Geisterspiel?
Der 2:1-Sieg gegen Island in Budapest und damit die Qualifikation für die EM, das war etwas Besonderes für das ganze Land, die Freude, die Emotionen. Gerade weil dieses Jahr für Ungarn wie für alle Länder so schwierig ist. Es ist schade, dass keine Zuschauer dabei sein konnten in unserem neuen 70.000er-Stadion in Budapest.
In dem Sie ja bei der EM 2021, wenn sie trotz Corona gespielt werden kann, gegen Portugal und Frankreich zwei echte Heimspiele haben. Gegen Deutschland wird in München gespielt.
In Budapest haben wir, wenn dann auch hoffentlich Fans dabei sein können, sie gehören einfach unbedingt zum Fußball dazu, einen echten Heimvorteil. Wir werden die Spiele genießen. Und das Spiel gegen Deutschland wird für mich persönlich eine ganz spezielle Sache.
Sie haben 2014 und 2015 zwei Spiele für die deutsche U21-Nationalmannschaft gemacht. Wie kam es zur Entscheidung für Ungarn?
Ich bin ja in Kaiserslautern geboren und hatte von Anfang an die deutsche und die ungarische Staatsbürgerschaft. Irgendwann hatte ich mir den Confed-Cup 2017 als Deadline gesetzt. Als ich damals dann nicht für das deutsche A-Nationalteam nominiert wurde, habe ich mich für Ungarn entschieden.
Und das ging problemlos?
Ich hatte ja schon die ungarische Staatsbürgerschaft und konnte dann daher relativ schnell meinen ungarischen Pass beim Konsulat abholen. Mein Debüt für Ungarn habe ich am 12. Oktober 2018 auswärts in Griechenland gegeben. Gut ist für mich auch, dass wir – wie gesagt – viele deutschsprachige Spieler im Kader haben, eine „deutsche“ Achse mit Torwart Peter Gulacsi, mit mir als Abwehrspieler und mit Adam Szalai im Sturm. Mein Ungarisch muss und will ich erst noch verbessern.
Jetzt mit dem Erfolg im Rücken muss man ja als Willi Orban sagen: Alles richtig gemacht, oder?
Als ich mich für Ungarn entschieden habe, hatte ich schon im Hinterkopf, mal ein großes Turnier spielen zu können. So viele Gelegenheiten dazu bekommt man ja normalerweise in einer Fußballerkarriere nicht. Ich bin ja jetzt auch schon 28.
Was sagen Ihre Eltern zu diesem Schritt und Ihrem Erfolg mit Ungarn?
Mein Vater lebt schon viele Jahre in Ungarn, er wohnt in der Nähe von Tatabanya. Das liegt gut 50 Kilometer westlich von Budapest. Er ist unglaublich stolz. Ich hatte zwar schon vorher Kontakt zu ihm. Aber dadurch, dass ich jetzt für Ungarn spiele, ist der Kontakt zu ihm noch viel intensiver geworden. Das war ein zusätzlicher Anreiz für mich.
Und Ihre Mutter und Ihre Schwester?
Meine Mutter wohnt noch in Mehlingen, wo ich früher auch gewohnt habe. Meine Schwester wohnt jetzt in Kaiserslautern. Aber sie kommen mich normalerweise in Leipzig häufiger besuchen. Wenn kein Lockdown ist, klar. Und wenn es zeitlich geht, fahre ich natürlich auch zu ihnen in die Heimat, nach Hause in die Pfalz.
Wie empfindet Ihre Mutter, die polnische Wurzeln hat und schon sehr lange in der Pfalz lebt, die Entscheidung für Ungarn?
Meine Mutter ist sehr emotional. Sie ist wie mein Vater sehr stolz darauf, dass ich meinen Kindheitstraum wahrgemacht habe und jetzt Fußballprofi bin. Sie sagt oft, dass sie es immer noch nicht glauben kann.
Und jetzt noch die EM-Qualifikation mit einem packenden Play-off-Finale gegen Island. Ein 0:1 in der Schlussphase noch in ein 2:1 verwandelt …
Ja, meine Mutter – wie gesagt – sehr emotional, hat mir danach erzählt, sie habe vor Aufregung das ganze Spiel über nur geweint. Sie hat gefragt: Mein Junge, warum habt ihr es so spannend gemacht?
Auch dieses Spiel war ja nicht frei von Corona-Schlagzeilen. Ihr Trainer Marco Rossi konnte nicht coachen, weil er in Quarantäne war. Gecoacht hat Co-Trainer Cosimo Inguscio.
Ja, und kurz nach dem Spiel wurde dann auch er positiv getestet. In der Nations League ein paar Tage später wurden wir dann vom Trainerteam der U21 um Zóltan Gera betreut.
Wie ist Ihre Haltung zu Fußball in den Zeiten von Corona?
Aus meiner Sicht hätte man die letzten EM-Qualifikationspartien durchziehen können, wie es auch passiert ist. Die Nations League aber jetzt Mitte November hätte man nicht auch noch spielen müssen. Das Risiko war zu groß. Es gab ja einige Infektionen.
Ein Blick nach vorn: Was macht Sie sportlich zuversichtlich für die EM?
Es wird nach dieser langen Saison viel auf die Vorbereitung ankommen. Unser Trainer Marco Rossi hat eine gute Stabilität reingebracht, und die Jungs haben durch die jüngsten Erfolge auch Selbstvertrauen getankt. Und wir haben einen überragenden Teamgeist.
