Interview
Marius Müller: „FCK-Abstieg – die Kerbe habe ich mein Leben lang“
Herr Müller, ist der Ärger ein bisschen verraucht über das Unentschieden gegen den FC St. Pauli? Ihre Mannschaft wollte da mehr.
Wir haben uns alle mehr erhofft. Aber St. Pauli spielte schon die ganze Saison eine solide Runde, sie kassieren ganz wenig Gegentore, lassen wenig zu. Uns war schon klar, dass das kein einfaches Spiel wird. Aber ich kann die Erwartungshaltung nach dem Sieg in Bremen verstehen. Es ist ein Riesenaufwand, gegen vermeintlich schwächere Mannschaft einem 0:1-Rückstand hinterherzulaufen. Aber wir haben Moral gezeigt.
Das Ziel Europapokal bleibt?
Ja, wir wollen uns für den Europäischen Wettbewerb qualifizieren. Dafür haben wir auch die Qualität. Wir haben in Stuttgart und in Bremen gewonnen. Das waren vielleicht nicht die souveränsten Siege, aber es werden oft nur die Punkte gesehen, die wir nicht geholt haben. Wenn man nach Europa will, braucht man diese Konstanz.
Sie haben das Spiel in Bremen angesprochen, Sie hielten da überragend, waren der Mann des Tages. War das vielleicht Ihr allerbestes Spiel?
Ich glaube schon, dass es eine der besseren Leistungen war, die ich gezeigt habe, wobei ich mich nicht gerne selbst lobe. Vor allem, weil es ein Spiel in der Bundesliga war. Ich habe gesehen, dass ich auch auf diesem Niveau ein Spiel gewinnen kann, oder einen großen Teil dazu beitragen kann. Am Ende stehen aber elf Mann auf dem Platz. Mich hat es gefreut, dass ich der Mannschaft helfen konnte, ein Spiel zu gewinnen. Das nehme ich mit, das war schon toll.
Haben Sie insgeheim so eine Auflistung Ihrer besten Spiele?
Schwierig. Denn es waren ja jetzt doch schon sehr viele Spiele, die ich als Profi hatte. Da sind wir fast schon bei 300. Da ist es schwer, eine Top-5-Liste zu führen. Aber natürlich gibt es Schlüsselspiele. Da war mal ein Spiel mit dem 1. FC Kaiserslautern in Paderborn, das haben wir 4:0 gewonnen, beim Stand von 1:0 für uns habe ich die wohl beste Parade meines Lebens gezeigt, es war eine Doppelparade. Am Ende gewinnen wir 4:0, das bleibt hängen. In der Schweiz hatten wir auch mal mit Luzern ein Spiel gegen Xamax Neuchâtel, da habe ich den Ligarekord mit 14 Paraden in einem Spiel aufgestellt.
Wie gehen Sie damit um, das Ihr Trainer Ralph Hasenhüttl sagt, er habe auf der Torhüterposition eine 1a und eine 1b, sprich: Dass Sie bald wieder ins zweite Glied müssen?
Es gibt eben eine Hierarchie, die vor der Saison festgelegt wurde. Dafür wurde ich ja auch verpflichtet. Klar ist auch: Wir wollen alle gerne spielen, wir sind alle Leistungssportler. Ich wurde für den Fall geholt, dass es eine Verletzung gibt, und ich habe gezeigt, dass ich zu Recht geholt wurde. Ich bin zunächst einmal stolz, dass ich mich auf dem Niveau so präsentieren konnte. Am Ende sehe ich das Große und Ganze. Klar wird es im ersten Moment etwas schmerzen. Und es ist ja auch so: Kamil Grabara hat sich im Dienste des Vereins verletzt. Ihm tut es gut, dass er Rückhalt hat.
Zuvor waren Sie bei Schalke 04. Das ist kein Verein wie jeder andere. Was nehmen Sie aus dem einen Jahr mit?
Es war ein extremes Jahr. Es gab Aufs und Abs, Verletzungen, maximaler Druck bei den Heimspielen. Gefühlt waren wir bei einem Spiel im Februar abgestiegen, wenn wir es nicht gewonnen hätten. Aber das stimmte natürlich nicht. Ich nehme mit, dass ich ein außergewöhnliches Jahr erleben konnte. Die Veltins-Arena war immer ausverkauft. Auch auswärts waren bei uns die Stadien immer voll. Die Fan-Unterstützung war unfassbar. Ich bekam das Gefühl: Junge, du kannst in so einem Klub bestehen. Da kommt mir die Erfahrung aus Kaiserslautern entgegen, das ist ein ähnlich emotionaler Klub, wobei Schalke außen herum noch einmal zwei Nummern größer ist. Vom reinen Spieltag ist das Eins-zu-Eins das Gleiche. Da konnte ich extrem von der Zeit beim FCK profitieren.
Sie waren zweimal in Kaiserslautern. Einmal sehr lange, einmal kurz. Beim zweiten Mal gingen Sie als Absteiger in die Dritte Liga. Wie brutal war das?
Das war extrem bitter, weil es mein Jugend- und Heimatverein war, wo ich alle Jugendmannschaften durchlaufen habe. Teil des Teams zu sein, das den Verein in die Dritte Liga bringt, war für mich sehr belastend, das hat auch gedauert, bis ich das verarbeitet habe. Das Schuldgefühl abgelegt habe ich erst, als die Jungs wieder aufgestiegen sind.
Es freut mich umso mehr, dass die Mannschaft jetzt so eine gute Saison spielt. Es sind ja im Staff immer noch sehr viele Leute da, die ich kenne. Auch wenn ich in die Fanblöcke reinschaue, erkenne ich noch den einen oder anderen.
Das Schuldgefühl ...
... die Kerbe habe ich mein Leben lang. Die Schuld wurde etwas geschmälert. Ich kann wieder mit einem etwas ruhigerem Gewissen rumlaufen. Auch wenn es ein paar Jahre gedauert hat.
Was ist damals schief gelaufen?
Wir haben die Saison in der Hinserie an die Wand gefahren. Mit Jeff Strasser und Michael Frontzeck haben wir eine gute Rückrunde gespielt, wir waren sogar Sechster oder Siebter in der Rückrundentabelle, aber das hat einfach nicht mehr gereicht. Die Hinrunde konnten wir nicht korrigieren.
Der FCK ist der Verein, dem Sie alles verdanken. Ist dem so?
Auf jeden Fall. Die Jungs haben mich geholt, als ich zehn Jahre alt war. Ich wurde gefördert, bis ich 16 Jahre alt war. Und dann hat Gerry Ehrmann übernommen. Ohne bestimmte Leute beim FCK hätte ich es nicht in den Profi-Bereich geschafft.
Kann man sagen, dass die Station Luzern Ihre erfolgreichste, Ihre ruhigste Station war?
Luzern war die Station, die mich zu einem kompletteren Torhüter gemacht hat. Ich habe da noch gelernt, was es heißt, Mannschaftsführung zu übernehmen. Was es heißt, Kapitän zu sein. Was es heißt, drei, vier Jahre lang konstant zu spielen und Leistung zu zeigen. Wir haben nach 30 Jahren wieder den Pokal gewonnen. Wir haben darauf eine katastrophale Saison gespielt, schafften zum Glück dann die Relegation. Die Zeit in Luzern war eine sehr lehrreiche, die mich sehr weitergebracht hat. Sie hat mir geholfen, dass es auf Schalke und hier in Wolfsburg so läuft, wie es läuft.
Und als Mensch?
Ich bin ein sehr direkter Mensch, da musste ich in der Schweiz schon mal aufpassen. Gerade auch bei den Schiedsrichtern. (lacht) Auch das hat mich weitergebracht, auch mal unangenehme Diskussionen mit dem Trainerteam zu führen. Eine Mannschaft anzuführen, das hat mir gut getan. Da konnte ich mich austoben.
Sie wechselten einst vom FCK direkt zu RB Leipzig. War das im Nachhinein der richtige Weg?
Das ist eine sehr, sehr schwierige Frage. Ich glaube, dass ich jeden Schritt meiner Karriere in dem Moment mit voller Überzeugung gemacht habe. Wenn ich sehe, wo ich heute bin, kann man sagen: Ja. Weil ich nun heute trotz allem Bundesliga spiele, bei Schalke 04 war. Würde ich meine Karriere aus einem anderen Blickwinkel betrachten, würde ich heute vielleicht lieber noch ein, zwei Jahre warten, erst mal konstant spielen in Lautern. Das wäre das Richtige gewesen und dann schauen, was kommt. Das jedoch ist spekulativ. Es war gut, wie es lief.
Waren Sie einen Tick zu ungeduldig?
Nein. Ungeduldig war ich nicht. Leipzig war ja nicht das Leipzig, was es heute ist. In der Saison 2015/2016 haben ja beide Mannschaften Zweite Liga gespielt. Zunächst hat Fabio Coltori bei RB gespielt, dann Peter Gulasci. Mir wurde die Chance aufgezeigt, Bundesliga zu spielen, indem ich den Konkurrenzkampf annehme. Gulasci war schon damals ein guter Torhüter, aber er war nicht so weit wie heute. Ich habe eine realistische Chance gesehen, Bundesliga zu spielen. Es war keine einfache Entscheidung. öpf
Zur Person
Marius Müller wurde am 12. Juli 1993 in Heppenheim an der Bergstraße geboren. Bereits 2003 wechselte er vom TV Lampertheim zum 1. FC Kaiserslautern. Dort blieb er bis 2016, wechselte zu RB Leipzig, kehrte aber für die Saison 2017/2018 noch einmal zurück. Im August 2018 absolvierte der Torhüter seinen einzigen Profi-Einsatz für RB, als er im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen BK Häcken zwischen den Pfosten stand. Ab 2019 sind der FC Luzern, Schalke 04 und der VfL Wolfsburg seine Stationen.