Interview
Macher mit Mut
Herr Heidel, sind Sie ein Mensch, der nachts häufig träumt?
Ich glaube ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich muss zugeben, ich träume ab und zu, aber ich träume selten über Fußball. Ich kann zur Schlafenszeit ganz gut abschalten.
Müssen Sie sich manchmal zwicken, um sicherzustellen, dass sie nicht träumen – angesichts des rasanten sportlichen Aufschwungs des FSV?
Ich würde mich zwicken, wenn wir es am 34. Spieltag tatsächlich geschafft haben sollten. Momentan liegt der Fokus komplett darauf, dass wir noch etwas schaffen
Sieben Punkte nach der Hinrunde und dem Abstieg geweiht, nun 34 und dem Ziel nah: Trainer Bo Svensson nimmt für sich selbst stets nur einen kleinen Teil des Mainzer Aufschwungs in Anspruch. Er ist zu bescheiden, oder?
Schon, aber er macht das sehr empathisch, und das ist ja auch genau der Weg, den Mainz 05 gehen will. Wir wollen uns nicht nach ein paar Erfolgen selbst auf die Schulter klopfen und erwarten das auch nicht von außen. Bo macht das überragend gut, auch in der Außendarstellung. So ist Mainz 05 auch! Und das ist eine von Bos großen Stärken. Er verstellt sich nicht, er ist zu 100 Prozent authentisch er selbst. Ich habe das bei den sehr guten Trainern, die wir hatten, immer als Vorteil gesehen: dass sie sich nicht lange Gedanken machen, was sie sagen müssen, damit sie so oder so rüberkommen. Die guten Trainer sagen das, was ihnen in den Kopf kommt, weil sie so sind, wie sie sind. Seit 20 Jahren, seit der Erfahrung mit Jürgen Klopp, sage ich immer wieder: Der wichtigste Mann im Verein ist der Trainer, weil er am meisten bewirken kann. Und wenn man nun Vor- und Rückrunde vergleicht, sieht man, dass Bo sehr, sehr viel bewegt hat.
Manch einer vertrat zu Beginn der Pandemie die Ansicht, Corona werde den Fußball verändern. Hat es?
Ich glaube schon, dass die Pandemie sich noch zwei, drei Jahre auswirken wird, weil es jeden Klub wirtschaftlich getroffen hat. Ich glaube nicht, dass sich das Geschäft grundsätzlich verändern wird, aber zumindest in der nahen Zukunft, weil nicht mehr so viel Geld im Markt ist. Das ist völlig normal und vielleicht auch ganz gesund. Dass der FC Bayern sich einen Trainertransfer für 15 bis 25 Millionen leisten kann, daran wird auch die Corona-Pandemie nichts ändern.
Ihre „Nullfünfer“ haben die Bayern 2:1 geschlagen. Das verhindert freilich nicht, dass der Meister zum neunten Mal in Folge aus München kommt. Welche Möglichkeiten gibt es, den Titelkampf spannender zu gestalten?
Nur eine: Der FC Bayern müsste wesentlich mehr Fehler machen als in der jüngeren Vergangenheit. Die Hoffnung, dass dies passiert, ist allerdings sehr gering. Ich muss auch sagen: Der Schachzug, mit Julian Nagelsmann jetzt den Trainer von RB Leipzig zu verpflichten, einen überragenden Trainer, der ist einfach gut, auch wenn es uns nicht gefällt, weil es wieder dazu beitragen wird, dass die Bayern sich noch ein bisschen weiter absetzen werden. Aber das ist auch kein Neid. Die Bayern haben sich das alles selbst geschaffen und erarbeitet. Dann ist es auch in Ordnung, auch wenn es für die Spannung in der Bundesliga nicht förderlich ist.
Zwischen dem derzeitigen Bayern-Trainer Hansi Flick und Sportchef Hasan Salihamidzic stimmt wohl die Chemie nicht. Müssen sich zwei Leitende Angestellte eines Profiklubs zwingend verstehen, oder können sie ein Projekt auch ohne zwischenmenschliche Harmonie zum Erfolg führen?
Der zweite Fall ist sicher die Ausnahme. Ein für den Sport Verantwortlicher und ein Trainer sehen sich tagtäglich, sie müssen so eng zusammenarbeiten – wenn es auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht funktioniert, bröckelt das Fundament in dem Moment, wenn der Erfolg nicht da ist. Ich will es nicht ausschließen, dass es dennoch klappen kann, man kann auch sagen: Wir haben ein professionelles Verhältnis. Aber es ist sicher wesentlich einfacher, wenn man sich versteht.
Wie sehr hat der Fußball sich verändert?
Kolossal. Die Öffentlichkeit spielt eine viel größere Rolle. Wenn ich das vergleiche mit meiner Anfangszeit in den 1990er-Jahren, da war die Fußballwelt noch überschaubar. Heute wird jede Entscheidung auf einer Vielzahl von Plattformen kommentiert, und zwar in Echtzeit. Früher haben wir überlegt: Was können wir heute Mittag machen, damit es morgen in der Zeitung steht – und keiner wusste davor etwas. Heute wird eine Entscheidung bisweilen öffentlich kommentiert, noch ehe sie gefallen ist. Da darf man sich nichts vormachen: Der öffentliche Druck spielt bei Entscheidungen immer eine Rolle. Wenn man heute zusammensitzt, überlegt man: Was hat das für Auswirkungen auf den Verein – und wie wirkt das öffentlich? Wie müssen wir damit umgehen? In der Konsequenz braucht man heute noch mehr Mut für unpopuläre Entscheidungen, weil man weiß, wie wuchtig die Reaktion auch durch Soziale Medien ausfallen kann. Früher konnte man da noch wesentlich ruhiger agieren und entscheiden.
Wie hat das Geschäft Sie verändert?
Ich hoffe, dass ich mir treu geblieben bin. Der Vorteil ist ja, dass man ein bisschen älter und erfahrener geworden ist. In fast 30 Jahren Fußballgeschäft habe ich fast alles erlebt. Ich glaube, für mich behaupten zu können, dem Druck gewachsen zu sein.
Fans leiden und feiern seit über einem Jahr allein daheim. Wie können Sie Kontakt zu ihrem Anhang halten?
Das ist leider Gottes sehr, sehr schwierig. Wir machen hier und da virtuelle Besuche bei Fanclubs, aber das ersetzt natürlich das persönliche Miteinander in keiner Weise. Alle Fans und auch wir sehnen herbei, dass man sich treffen, quatschen und auch mal einen zusammen trinken kann. Das war etwas, was Mainz 05 immer ausgezeichnet hat: Dass alles sehr nahbar war. Und dass wir das auch bald wiederhaben, ist unsere große Hoffnung für die nahe Zukunft.
Die Sportjugend leidet. Kann der Profifußball überhaupt etwas tun?
Für den ganzen Fußball war es ein fatales Jahr. Wir sehen es ja selbst bei unseren eigenen Jugendlichen, der U15, U16, die haben im Grunde keinen Fußball gespielt. Hier wird eine Generation ein ganzes Jahr verlieren, das wird sie auch sportlich nach hinten werfen. Und den Hobbyfußballern fehlt seit einem Jahr das, was sie am liebsten machen. Daran kann der Profifußball leider überhaupt nichts verändern. Es hilft nur die Hoffnung, dass es möglichst schnell vorbei ist, dass die Leute schnell geimpft sind und wir wieder das machen können, was wir wollen. Ich habe manchmal populistische Sprüche gehört, der Profifußball müsse da jetzt unterstützend wirken. Aber bei allen Diskussionen steht die Gesundheit der Menschen über allem und natürlich auch über dem Fußball. Ich kenne viele traurige Schicksale, verursacht durch Corona.
Können Sie mit gutem Gewissen ausschließen, dass Mainz 05 Ihre letzte Station als Fußballfunktionär ist?
Im Leben weiß man ja nie, was passiert. Ich hätte mir Ende November auch nicht vorstellen können, dass ich zu Mainz 05 zurückkehre, weil das keinesfalls Teil meiner Lebensplanung war. Ich habe Mainz gemacht, weil es etwas ganz Besonderes war und ist, mein Verein in meiner Heimat. Das ist wirklich eine Ausnahme. Und ich bin recht sicher, dass es bei dieser Ausnahme bleiben wird.
Und wenn der DFB ruft?
Ach du lieber Gott, ich wüsste nicht, für was die mich rufen sollten. Ich war schon immer eher der Vereinsmeier. Das war in meinen eigenen bescheidenen Amateurzeiten auch schon so.
Ich würde Sie bitten, die folgenden Sätze zu komplettieren: Dass die Super League durch den Druck der Fans schon nach zwei Tagen zur Luftnummer verkommen ist, finde ich ...
... überragend. Ich habe mich gewundert, dass es 48 Stunden gedauert hat, ich dachte, dass es nach 24 Stunden schon erledigt ist. Ich habe vom ersten Moment an diesem Projekt überhaupt keine Chance gegeben und war deswegen auch nicht überrascht.
Als Schalke 04 abstiegen war, ...
... hat mir das sehr, sehr weh- und leidgetan. Ich war sehr traurig, weil ich noch viele gute Freunde auf Schalke habe. Ich hoffe, sie kommen sehr schnell zurück.
Wenn Hansi Flick Bundestrainer wird, halte ich das für ...
... eine gute Lösung. Ich glaube, das kann man fast schon abhaken. Das wird ganz sicher so kommen.
Hätte ich zu entscheiden, dann würde die Nationalelf an der WM in Katar ...
... teilnehmen. Wenn man durch die WM aufzeigen kann, was dort nicht in Ordnung ist, halte ich das für besser, als sie über zehn Jahre nach der Wahl und ein Jahr vor Beginn abzusagen.
Der These, dass der Fußball sich zu ernst nimmt, stimme ich ...
... nicht zu, weil ich glaube, dass wir nichts dafürkönnen, was jeden Tag in den Medien vorgeht. Hat der Fußball eine Sonderstellung? Solchen Thesen kann ich nichts mehr abgewinnen. Hier geht es in der Corona-Zeit darum, dass eine Branche ihrer Arbeit nachgeht, unter den besten Hygienebestimmungen, die es, glaube ich, momentan in Deutschland überhaupt gibt. Ich kann es immer wieder nur sagen: Wenn die Positivitätsrate in Gesamtdeutschland bei zwölf liegt und im Profifußball bei 0,09, dann sieht man, was hier alles richtig gemacht wird.
Dass mein Freund Jürgen Klopp irgendwann einmal seine Trainerlaufbahn in Mainz beendet und den Kreis damit schließt, halte ich für ...
... ein sehr schönes Märchen.
Herr Heidel, in Mainz ist von Ihnen öfter als „der Don“ zu hören. Das steht zum einem für eine höfliche Anrede, zum anderen hat das aber auch etwas leicht Mafiöses. Stichwort: Der Pate.
(lacht) Also, mit Don Corleone hat mich noch niemand in Zusammenhang gebracht. Dann schon eher mit Don Camillo.