Fussball
Kylian Mbappé – wie abgeschnitten vom Spielfluss
So ganz hat er es ja nicht verlernt. Es ist nur bereits einige Tage her, dass Kylian Mbappé traf: Im VIII. Bezirk von Budapest, genauer im Hidegkuti- Nándor-Stadion, benannt nach dem ungarischen Nationalspieler der Goldenen Elf, hob der Ausnahmespieler der französischen Nationalmannschaft den Ball bei einer Freistoßübung gefühlvoll gegen Ersatzkeeper Steve Mandada in den Winkel.
Der Volltreffer ist glaubhaft von internationalen EM-Reporter dokumentiert, doch fließen Trainingstore dummerweise nicht in die offizielle Turnierstatistik ein. Da steht beim 22-Jährigen vor dem Achtelfinale Frankreich gegen die Schweiz in Bukarest (Montag, 21 Uhr/ ZDF) immer noch eine Null.
Die Flaute des Angreifers mit der blitzartigen Beschleunigung liefert nun zunehmend Debattierstoff bei der „Equipe Tricolore“. „Das Turnier dauert noch lange. Ich glaube nicht, dass treffen ein Problem für ihn sein wird, seine Tore werden kommen“, sagte Presnel Kimpembe, sein Klubkollege von Paris St. Germain am Samstag auf der Pressekonferenz.
Doch hatte der 47-fache Nationalspieler (17 Tore) nicht schon genug Möglichkeiten auf Kopf und Fuß? Und hätte er bei einem Geniestreich gegen Deutschland, als sich alles Potenzial in einer Aktion vereinte, nicht hauchzart im Abseits gestanden, würde sich das Brennglas nicht auf ihn richten.
„KMB“, wie ihn die Sportzeitung „L“Equipe“ gerne verkürzt, zündet zwar den Turbo, aber vor dem Tor noch nicht richtig. Sorge bereitet eine zunehmende Inaktivität. Dass die Galionsfigur sich Auszeiten nimmt, um Kraft für seine Sprints zu sparen, ist hinlänglich bekannt. Doch liegt seine Laufleistung inzwischen weit, weit unter dem Teamdurchschnitt. 9,22 Kilometer waren es noch gegen Deutschland (1:0), nur noch 7,93 Kilometer gegen Ungarn (1:1) und gar lächerliche 7,38 Kilometer gegen Portugal (2:2). Gegen den Europameister verlor Mbappé das Heldenduell gegen Cristiano Ronaldo um Längen. Karim Benzema schoss für die „Bleus“ beide Tore, auch einen von Mbappé herausgeholten Elfmeter. Noch immer gibt es genügend Szenen, in denen seine überragenden Anlagen, vor allem bei der Athletik, zum Vorschein kommen.
Doch die Datenanalyse zeigt ein weiteres Defizit: Die Nummer zehn spielte im Schnitt nur 18 Pässe. Da kann einer sich noch so geschmeidig und geschwind bewegen – das ist zu wenig. Frankreichs bester Spieler ist mitunter wie abgeschnitten vom Spielfluss, der ohnehin bei diesem Ensemble gemessen an den Fähigkeiten zu selten aufkommt. Drängende Fragen für Nationaltrainer Didier Deschamps, der auf erhellende Erläuterungen bislang keine Neigung verspürt. Der Sélectionneur argumentiert: Wir sind Gruppensieger, alles ist gut. Tout va bien.
Dabei ist offenkundig, dass sich Mittelstürmer Benzema, 33, und der mehr in die Spielmacherrolle versetzte Antoine Griezmann, 30, auf dem Feld oft zu nahe kommen, beide blockieren damit wichtige Lauf- und Passwege. Mbappé stürmt meist über die linke Seite, während die rechte Flanke verwaist ist, weil Benjamin Pavard oder Jules Koundé nicht mutig nachrücken. Eine Unwucht entsteht. Es wird spannend, wie Deschamps das Offensivproblem lösen will.

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