Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye aus Bellheim löst das Finalticket

Volle Konzentration – und doch alles loslassen in den Gedanken: Yemisi Ogunleye in der Qualifikation fürs Kugelstoßen.
Volle Konzentration – und doch alles loslassen in den Gedanken: Yemisi Ogunleye in der Qualifikation fürs Kugelstoßen.

Im dritten Versuch schafft Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye aus Bellheim die direkte Final-Qualifikation. Das löst auch bei ihr die Anspannung. Denn zuvor muss sie zittern – weil sie viel Fernsehen geschaut hat?

Der Schrei, den Yemisi Ogunleye ausstößt, übertönt fast den Jubel der rund 70.000 Menschen im ausverkauften Stade de France. Auf 19,24 Meter hat die 25-Jährige die Kugel gerade gestoßen – und nun muss einfach alles raus. Sie springt, sie hüpft, sie läuft in die Kurve, wo Freunde, Familie und Trainer aus der Pfalz sitzen. Ihre Weite bedeutet: All die, die nach Paris gekommen sind, um die Bellheimerin zu unterstützen, haben die Finaltickets, die sie hoffnungsvoll bereits vorab erstanden haben, nicht umsonst gekauft.

Genau diese Gedanken gehen Ogunleye vor ihrem dritten Versuch durch den Kopf: Sie will ihre Lieben nicht enttäuschen. „Ich habe einfach allen Mut zusammengenommen und gesagt: Du kannst es, dein Trainer hat dich perfekt darauf vorbereitet, jetzt hol dir das Ding einfach“, erzählt sie. 19,24 Meter, das bedeutet den direkten Einzug in den Endkampf am Freitagabend. Das große „Q“ leuchtet auf der Anzeigetafel. Es ist die drittbeste Weite der gesamten Qualifikation. Kein Zittern, kein Bangen.

Sie denkt zu viel nach

Das ist lange Zeit anders am Donnerstagvormittag. Die ersten beiden Versuche laufen für Ogunleye nicht gut. 18,01 Meter stehen zu Buche und 17,72 Meter. „Zu viel nachgedacht“, sagt die Pfälzerin, „in einer technischen Disziplin will man natürlich die Technik perfekt abrufen.“ Sie wird auf den zwölften Platz durchgereicht, das Finale ist für die EM-Dritte vom Juni in akuter Gefahr. Die anderen beiden deutschen Starterinnen scheitern derweil in der Qualifikation. Dass es auch bei ihr knapp werden könnte, ist Ogunleye in diesem Moment nicht bewusst. „Ich bin bei mir und schaue auch nicht auf die anderen Stöße“, sagt sie. Dass ihre Versuche aber nicht gut waren, weiß sie natürlich.

In den vergangenen Tagen hat Ogunleye viel Fernsehen geschaut – und hauptsächlich Niederschläge für deutsche Leichtathleten miterlebt, auch für jene aus der Pfalz. Speerwerferin Christin Hussong aus Herschberg erreichte bei ihren dritten Olympischen Spielen erstmals nicht das Finale, auch die Weitspringerin Mikaelle Assani aus Kuhardt verpasste den Endkampf. „Als ich sah, wie sie die ersten Versuche vermurkst haben, dachte ich immer: Oh Gott, bitte krieg das jetzt noch hin“, sagt Ogunleye. „Und jetzt plötzlich bin ich in derselben Situation.“ Der letzte Versuch muss sitzen.

Die Lösung: alles loslassen

„Gott sei Dank habe ich mich durch das Zuschauen auch selbst darauf eingestellt und mich gefragt, wie ich reagieren würde“, sagt die 25-Jährige. Ihre Lösung: Alles loslassen, auch den Wunsch nach einem technisch guten Stoß. Auch wenn sie sich auf ihren Wettkampf konzentrieren will, schaut sie immer wieder zu ihrer Familie. „Es hat mir sehr geholfen, dass sie alle den Weg hierher auf sich genommen haben, um mich zu unterstützen“, berichtet sie. Sie dreht ihren Körper, und blendet alles um sich herum aus und schickt die Kugel los. „Der Weg zu den Olympischen Spielen ist ein ganz schön langer und nervenzehrender Weg“, sagt sie, „dann noch mal einen draufzusetzen, das ist wirklich die ganz, ganz große Kunst. Das kriegen die wenigsten hin.“ Doch genau das hat Ogunleye im Finale vor – mit dem großen Q als Rückenwind.

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