Handball
Küsschen und Plauderei
Der Hallensprecher jazzte die Atmosphäre in der Nürnberger Arena zu einem „emotionalen Moment“ hoch und jubelte den 668 Fans zu, dass ihr Lärmpegel dem einer ausverkauften Halle, die 8000 Plätze hat, gleichen würde. Das war sicherlich übertrieben – und doch sorgte die Unterstützung von den Rängen für ein wohliges Gefühl, denn seit dem Beginn der Pandemie vor fast anderthalb Jahren hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nicht mehr vor Zuschauern gespielt.
Die Akteure auf dem Feld genossen die Ovationen von den Tribünen, für einige war das Miteinander nach dem Spiel aber wichtiger. Eine Woche Trainingslager in Herzogenaurach liegt hinter den Nationalspielern, es schließt sich eine mehrwöchige Reise nach Japan an, so dass die Anwesenheit von Zuschauern in der Arena ein kurzes Wiedersehen mit den Liebsten ermöglichte. Julius Kühn genoss ein Küsschen von der frisch angetrauten Ehefrau und ließ sich sanft über den Kopf streicheln, ehe er langsam in Richtung der eigenen Kabine trottete. Steffen Weinhold war gar von einer kleinen Schar für ihn wichtiger Menschen umgeben, ehe er den Ausflug ins „Private“ beendete. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn mein Papa, meine Schwester und mein Neffe in der Halle sind“, sagte er. Weinhold ist gebürtiger Franke, seine Familie lebt nicht weit von der Nürnberger Halle entfernt.
Ordentliche Frühform
Kühn und Weinhold verließen die Arena Freitagabend gewiss mit einem guten Gefühl, ihre Kollegen – selbst ohne kurzes familiäres Zusammenkommen – ebenso. Schließlich hatten sich die deutschen Handballer zum Auftakt des Drei-Nationen-Turniers beim 36:26-Erfolg gegen Brasilien in einer ordentlichen Frühform präsentiert. Knapp zwei Wochen vor dem Start des Olympischen Handballturniers in der „Nationalen Sporthalle Yoyogi“ in Tokio gab der klare Sieg gegen die Südamerikaner eine Prise Rückenwind. In Japan soll daraus im besten Fall ein Sturm werden, der die deutschen Handballer vorantreibt.
Alfred Gislason machte seinen Spielern nach einer Woche Training und 60 Testspielminuten Komplimente. „Die Jungs waren besser auf den Beinen als ich gedacht habe“, sagte der Bundestrainer: „Ich war mit einigen Sachen sehr zufrieden, wir haben gut gedeckt, hatten aber etwas Probleme mit der offensiven Deckung.“ In der zweiten Halbzeit überrannten die Deutschen die Südamerikaner, weil die viele Fehler sowie schlechte Würfe produzierten und damit zu Gegenstößen einluden. Timo Kastening, mit sieben Treffern bester deutscher Werfer, freute sich über die vielen einfachen Würfe unbedrängt vor dem brasilianischen Keeper. Mit Ausnahme des angeschlagenen Philipp Weber (Wadenprobleme) und dem dritten Keeper Silvio Heinevetter kamen alle Akteure zum Einsatz. Einen Abfall gab es trotz vieler Wechsel nicht.
Nun gegen Geheimfavorit
Heute Nachmittag (15.05 Uhr/Sport1) dürften die deutschen Handballer noch etwas intensiver auf ihre Verfassung vor dem Turnierstart in Tokio getestet werden. Im zweiten Duell des Drei-Nationen-Turniers trifft die DHB-Auswahl auf Ägypten, einen Geheimfavoriten auf eine olympische Medaille. Die Nordafrikaner schrammten bei der Weltmeisterschaft im Januar im eigenen Land nur haarscharf am Halbfinale vorbei. Im Viertelfinale verloren sie gegen den späteren Weltmeister Dänemark erst im Siebenmeterwerfen.
„Das wird ein anderes Kaliber“, sagte Uwe Gensheimer. Der Kapitän der Rhein-Neckar Löwen hinterließ einen guten Eindruck, erzielte drei Treffer und war in der Abwehr aufmerksam. Gleiches erwartet der Linksaußen heute erneut von sich selbst und der ganzen Mannschaft.
