Pferdesport RHEINPFALZ Plus Artikel Jessica von Bredow-Werndl gewinnt Dressur-Gold: Die Queen von Versailles

Beeindruckende Kulisse, große Emotionen: Jessica von Bredow-Werndl mit Stute Dalera vor dem Schloss von Versailles.
Beeindruckende Kulisse, große Emotionen: Jessica von Bredow-Werndl mit Stute Dalera vor dem Schloss von Versailles.

Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl gewinnt ihre zweite Goldmedaille bei diesen Olympischen Spielen. Auf dem Dancefloor von Versailles bildet sie mit Stute Dalera eine Einheit voller Vertrauen. Doch es könnte der Auftakt für das Ende gewesen sein.

Die Geschichte dieser Goldmedaille beginnt vor zwei Jahren. Jessica von Bredow-Werndl war im Urlaub und wusste noch nicht allzu lange, dass sie schwanger ist. Sie war am Strand und hörte Musik, es lief „Je ne regrette rien“ von Edith Piaf. Von Bredow-Werndl ging zu ihrem Mann Max und spielte ihm das Stück vor. „Ich habe ihm gesagt, dass ich Gänsehaut am ganzen Körper habe“, erzählt sie. Das ergreifende Chanson packte sie. „Drumherum habe ich die restliche Kür produzieren lassen“, sagt die Dressurreiterin, „klar war das mutig, zwei Jahre vor den Spielen mit französischer Musik anzukommen.“ Für sie passte es, mit dieser Auswahl nach der Babypause zurückzukommen – und sich so auf Olympia in Paris einzustimmen. „Es ist aufgegangen“, sagt sie. Oder um in der Welt Piafs zu bleiben: „Ich bereue nichts.“ Nun hängt die Goldmedaille um ihren Hals, die zweite von Paris, die vierte insgesamt, alle mit demselben Pferd.

Doch bis zur Entscheidung sind es bange Momente. Von Bredow-Werndl steht außerhalb des imposanten Reitstadions am Schloss von Versailles und schaut auf einen Bildschirm. Sie zeigte ihre Kür als Vorletzte, nun ist Cathrin Laudrup-Dufour auf Freestyle im Viereck. „Das waren die anstrengendsten Minuten seit Tokio“ sagt sie. Zwar zeichnet sich schnell ab, dass die Dänin sie nicht mehr wird verdrängen können. Trotzdem: „Erst als das Ergebnis auf dem Screen stand, wusste ich, okay, was haben es“, sagt sie.

Hommage an Gastgeber und Liebe

Dabei lief ihre Kür auf eine Weise, die ihr hätte Zuversicht geben müssen. „Es ging nur um Vertrauen“, sagt von Bredow-Werndl. Und dieses Vertrauen zwischen ihr und Stute Dalera ist in jedem Moment zu spüren. Es ist eine tiefe Verbundenheit zwischen beiden, neun Jahre sind sie ein Paar. 90,093 Prozentpunkte legen sie vor. „Sie war so konzentriert und wollte das mindestens so sehr wie ich“, sagt die Reiterin.

Goldenes Dressur-Wochenende: Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth.
Goldenes Dressur-Wochenende: Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth.

Schon die ersten Schritte von Dalera begeistern das Publikum: „Paris, Chèrie“, läuft aus den Lautsprechern. Die folgenden sieben Minuten sind eine Hommage an den französischen Gastgeber und an die Liebe. Tausende Menschen sind nach Versailles geströmt: 45 Minuten Zugfahrt aus der Stadt, 20 Minuten im Bus und 15 Minuten Fußweg. Nun sitzen sie auf den Stahlrohrtribünen und genießen. Vom Reitstadion fällt der Blick auf das Schloss, erbaut vom Sonnenkönig Louis XIV. „So eine Erfahrung macht man nur einmal im Leben“, sagt von Bredow-Werndl, „es ist die unglaublichste Tanzfläche der Welt.“

Die Atmosphäre von Versailles inhaliert

Mit Dalera schwebt sie über diesen Dancefloor, auch das ungeübte Auge spürt diese besondere Verbindung sofort. „Sie hat einfach auch bewiesen, dass sie ein gesunder, happy Athlet ist“, sagt von Bredow-Werndl über ihre Stute. Nur einmal gerät sie kurz ins Stocken, als die Zuschauer beginnen zu klatschen. „Da ist sie kurz ein bisschen durcheinandergekommen. Weil so früh haben sie noch nie geklatscht“, sagt die Reiterin. Am Ende applaudieren alle im Stehen. Von Bredow-Werndl verdrängt Isabell Werth von der Goldposition, es wird der Doppelerfolg.

Tags zuvor haben beide gemeinsam mit Frederic Wandres in der Teamkonkurrenz Gold gewonnen. Werth ist nun mit acht olympischen Goldmedaillen und sechsmal Silber die erfolgreichste deutsche Olympionikin aller Zeiten vor Kanutin Birgit Fischer. „Ich habe die Gedanken dahin immer ein bisschen weggeschoben“, sagt die 55-Jährige. „Jetzt, wo es so gekommen ist, macht es mich natürlich schon sehr stolz.“

Ein emotionaler Orkan

Bei der Siegerehrung umarmen sich die beiden deutschen Top-Dressurdamen lange, legen sich die Arme um die Schultern. Aus den Lautsprechern läuft Major Tom von Peter Schilling. Versailles, nicht nur für Prunk, sondern auch für ausschweifende Partys bekannt.

„Wenn man hier aufwacht, will man eigentlich lieber durch den Wald galoppieren, als da einzureiten“, sagt von Bredow-Werndl über ihren Start in den Tag. Doch sie entschied sich für die Kür – und hatte schon am Morgen ein gutes Gefühl. Sie spürte den tiefen Atem des Pferdes, gemeinsam haben sie die Atmosphäre von Versailles inhaliert. „Sie kann alles, ich kann alles, wir können alles“, sagt von Bredow-Werndl. „Es gab nichts mehr zu üben, nichts mehr zu durchdenken, sondern einfach nur noch zu machen.“

Nach der Kür folgte ein emotionaler Orkan, die Reiterin weinte im Viereck – weil sie weiß, dass die Tage der gemeinsamen Auftritte bald gezählt sind? „Ich möchte, dass sie Mama werden kann“, sagt die 38-Jährige. Im kommenden Jahr soll der Versuch gestartet werden. Es könnte der letzte Tanz gewesen sein. „Ich würde es ihr wünschen, dass es klappt“, sagt sie. Damit für die Stute dasselbe gilt wie für die Reiterin: „Je ne regrette rien.“

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