Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Nico Rosberg über neue Freiheit und Elektromobilität

Nico Rosberg (links) in Neustadt im Gespräch mit Peter Schäffner.
Nico Rosberg (links) in Neustadt im Gespräch mit Peter Schäffner.

Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, 33, ist seit seinem Rücktritt Unternehmer, TV-Experte und Eventmanager. Er genießt die neue Freiheit und engagiert sich stark für Elektromobilität. Ein Gespräch über autonomes Fahren, die Suche nach einem deutschen Kart-Talent und „bekloppte“ Teamchefs.

Nico, es heißt, Rennfahrer – als solchen bezeichne ich Sie jetzt mal noch – seien schlechte Beifahrer. Sie auch?

Nein, ich bin ein echt guter Beifahrer. Nur bei meiner Frau so lala (lacht), aber meistens ist das schon okay. Ich frage, weil Sie sich an der Ingenieursfirma TRE – Team Rosberg Engineering – hier in Neustadt beteiligt haben. Ein großes Thema ist das autonome Fahren. Würden Sie sich einem autonom fahrenden Auto anvertrauen? Ja, total. Ich bin auch schon gefahren, drüben in Kalifornien. In einem Google-Auto, das war komplett autonom unterwegs. Klar, der Fahrer ist trotzdem noch bereit, um eingreifen zu können, aber ich finde das schon gut. Das Auto muss natürlich in einem kontrollierten Bereich fahren. Ich weiß, dass es gerade hier in Neustadt große Pläne gibt, was mich auch sehr freut. Vielleicht kann ich das auch irgendwann etwas unterstützen. Es wäre toll und ein Riesenvorteil in dem ganzen positiven Wandel, wenn wir hier in der Region ein Zeichen setzen würden, wenn wir die Ersten wären. Es wäre ein großer Schritt zu mehr Sicherheit, wenn es mal funktioniert. Aber auch für die gesamte Effizienz in der Mobilität von Vorteil. Wie ist es, als aktiver Fahrer nur danebenzusitzen? Ich habe damit kein Problem. Mobilität ist für mich ein Mittel zum Zweck, um von A nach B zu kommen. Wenn ich dann weiß, dass ich dabei arbeiten oder mit der Familie telefonieren kann, ist das doch toll. Ich will aber auch noch die Möglichkeit haben, mal schön selbst durch die Berge zu fahren. Das sind zwei verschiedene Dinge: Auf der einen Seite das Fahren als Mittel zum Zweck, auf der anderen das Fahren zum Genießen, einen Ausflug machen. Das sollte uns auch in 20 Jahren noch erhalten bleiben. Vor dem Deutschland-Grand-Prix 2016 in Hockenheim hatte ich Sie gefragt, ob Sie auch am Teamsitz hier in Neustadt vorbeischauen. Sie hatten das damals verneint und gesagt, dass Sie eher selten da sind. Wird sich das künftig ändern? Wahrscheinlich werde ich das Team Rosberg eines Tages mal übernehmen. Jetzt bin ich halt unterstützend hier; wie jetzt zum Saisonbeginn zum Beispiel. Und es interessiert mich natürlich auch. Was genau werden Sie hier machen? Ich bringe mein Netzwerk ein. Ich helfe manchmal mit Beziehungen, auch bei großen Entscheidungen. Ich telefoniere viel mit dem Team, ähnlich wie mein Vater. Haben Sie schon mal daran gedacht, als Teamchef tätig zu werden? Als Teamchef nicht, nein. Ich bin gerade auch deshalb aus der Formel 1 weg, weil das so zeitintensiv ist. Man ist da so eingebunden. Es muss ja nicht gleich die Formel 1 sein ... Auch als Teamchef in der DTM muss man mit einer solchen Hingabe arbeiten, weil alle anderen Teamchefs auch so bekloppt sind (lacht). Das wäre ein Fulltime-Job; dafür bin ich nicht bereit. Ich möchte jetzt erst mal meine Freiheit genießen. Das war einer der Gründe für das Ende meiner Formel-1-Karriere. Formel-1-Fahrer im Ruhestand, aber ansonsten im Unruhestand: Sie sind ja auf mehreren Gebieten tätig, etwa als Experte und Kommentator bei RTL oder auch als Förderer der Elektromobilität. Wie bringen Sie sich da denn ein? Bei der Elektromobilität bin ich Investor. Ich bin bei Lilium (Hersteller eines elektrisch angetriebenen Flugzeuges/Lufttaxis, Anm. der Red.) in der Nähe von München involviert. Das ist quasi ein Konkurrent von Volocopter (Hersteller elektrisch angetriebener Hubschrauber; Anm. d. Red.) aus Bruchsal. Und ich bin als Eventgründer aktiv. Wir haben gerade ein großes Event gegründet in Berlin-Tempelhof – neben den Formel-E-Rennen. Es heißt Green Technology Festival. Dort wollen wir den Menschen die Elektromobilitäts-Themen näherbringen. Sie haben in die Formel E investiert. Ist das der Rennsport der Zukunft? Die Formel E ist schon der Rennsport der Gegenwart und sehr erfolgreich. Und das wird sie auch in der Zukunft sein. Jetzt kommen Mercedes und Porsche, sie werden ihre Ressourcen da hineinstecken, um immer mehr Menschen damit zu faszinieren. Das wird das alles beschleunigen. Wird die Formel E, elektrischer Rennsport allgemein, eine Ergänzung zum Rennsport mit Verbrennungsmotoren bleiben oder ihn vielleicht sogar irgendwann komplett ersetzen? Die Elektromobilität wird den Verbrennungsrennsport ersetzen. Das ist ganz sicher. Die ganze Welt geht in diese Richtung, eines Tages werden wir nur noch E-Mobilität benutzen und kaufen. Dann macht es keinen Sinn, dass der Rennsport mit Verbrennern fährt. Ein bisschen schade ist es wegen des Sounds, weil wir wissen, dass der für Gänsehaut sorgt. Aber auch daran gewöhnen wir uns, denn man gewöhnt sich an alles. Man sieht ja, wie die Menschen es immer mehr annehmen. Mein Vater Keke ist das beste Beispiel: Er ist ja wirklich so ein Benzin-im-Blut-Typ wie aus dem Bilderbuch. Auch er schaut jetzt schon Formel-E-Rennen und stellt sich dafür den Wecker. Ein echtes Anzeichen, dass E-Mobilität langsam akzeptiert wird. Ein E-Auto fährt er aber noch nicht. Das dauert bestimmt noch. Er braucht schon seinen Sound. Die Formel E boomt; viele Hersteller steigen ein. Es wird einen Gewinner und viele Verlierer geben, die für großen Aufwand keinen Ertrag bekommen. Besteht nicht die Gefahr, wie häufig bei Werksrennsport, dass Werke wieder aussteigen und der Boom abflaut? Klar, natürlich. Aber gerade bei der Formel E sehen wir, dass alle gewinnen können, und das ist langfristig sehr, sehr stark. Wir hatten jetzt in sechs Rennen sechs verschiedene Sieger, das ist cool. In der DTM ist das übrigens genauso, es wandelt sich immer wieder und jeder kann gewinnen. Toll. Ganz wichtig für die Formel E ist, dass die Hersteller nicht zu viel Macht bekommen. Das macht Alejandro Agag, der Promotor der Formel E , sehr bewusst. Er weiß um diese Wichtigkeit. Damit begrenzt er den Entwicklungsrahmen der Hersteller auf den Kern des Motors, die Batterien zum Beispiel sind ja fix. Das ist enorm wichtig, sonst geht es ins Uferlose. Und jeder Hersteller ist verpflichtet, zwei weitere gleichberechtigte Teams zu beliefern für eine Fixsumme, die stemmbar ist. Das sind Hebel, die Sicherheit für die Zukunft geben. Ist die E-Mobilität eine Technologie der Zukunft oder nur eine Übergangstechnologie? Diese Frage kann niemand beantworten. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, es ist eine Übergangstechnologie. Ich glaube, das Ultimative wird eines Tages der Wasserstoff sein. Aber das Problem ist, dass jetzt gerade das ganze Geld in die Elektromobilität geht. Auch wenn der Wasserstoff vielleicht interessant sein könnte, tut sich im Moment nichts, auch nicht in Sachen Wasserstoffinfrastruktur. Wir müssen nur schauen, dass die E-Mobilität wirklich nachhaltig ist. Da müssen die Batterien zum Beispiel noch viel effizienter und kompakter werden. Auch die Wiederverwertung muss genau strukturiert werden. Anderes Thema: Die Förderung des Motorsport-Nachwuchses liegt Ihnen am Herzen. Wie engagieren Sie sich da? Es gibt die Rosberg Racing Academy, ein Kart-Team in Italien, dort ist ja das Kart-Zentrum der Welt. Da möchte ich unbedingt gerne auch ein junges deutsches Talent fördern. Verantwortlich dort ist Dino Chiesa, der damals Lewis Hamilton und mir alles beigebracht hat. Eine unvermeidliche Frage: Sie haben nach Ihrem Rücktritt im Mai vergangenen Jahres Ihren Weltmeisterwagen von 2016 in Monaco gefahren, gemeinsam mit Ihrem Vater Keke, der seinen Boliden von 1982 pilotiert hat. Ein paar Tage später saßen Sie in Berlin in einem Formel -E-Wagen. Kam da nicht die Lust aufs Rennfahren zurück? Nein, überhaupt nicht. Das ist komplett vorbei. Es war ein tolles Erlebnis, ganz allein noch mal auf dieser Strecke zu fahren, echt toll. Aber das war’s. Also ein aktives Comeback in welchem Fahrzeug auch immer steht nicht zur Debatte? Nein, nein, nein, das ist vorbei. Jetzt noch mal zu Ihren früheren Kollegen. Wagen Sie bitte einen Tipp: Wer wird Formel-1-Weltmeister 2019? Das muss Lewis Hamilton sein. Da kann man überhaupt nichts anderes tippen. Und in der DTM? Das ist auch eine leichte Entscheidung, oder? Da sind wir uns alle einig: das Team Rosberg natürlich. Und ich hoffe, es wird ein ganz enges Duell zwischen den beiden Fahrern, so wie vor zwei Jahren.

x