Pferdesport
Herpesvirus: Pfälzer Tierarzt ist für Impfpflicht
Quarantäne, Fieber messen, schwere Krankheitsverläufe bis zum Tod, Impfungen, Mutationen sowie Hygiene- und Abstandsregeln – all das, was uns seit einem Jahr täglich beschäftigt, taucht nun in einem ganz anderen Umfeld auf. „Die Corona-Situation lässt sich eins zu eins auf die Reitställe übertragen“, sagt Stefan Schneider, Tierarzt auf Gut Rothenkircherhof bei Kirchheimbolanden. Er weiß aber auch: Dass Coronavirus-Pandemie und der Herpesvirus-Ausbruch im Sport zeitlich zusammentreffen, ist Zufall.
„Wachsam sein, aber nicht panisch“
Trotzdem klingt Schneider in seinem Rat an alle Stallbetreiber, Pferdebesitzer und Reiter in der Pfalz beinahe wie ein Virologe aus dem Fernsehen: „Alle Kontakte erst mal runterschrauben, die Pferde nicht unnötig durch die Gegend fahren, bei Symptomen hellhörig und wachsam sein – aber nicht panisch.“ Also: Bei Husten, Abgeschlagenheit oder gar Lähmungserscheinungen genau hinschauen, betroffene Pferder schnell von den anderen isolieren.
Equine Herpesvirus-Infektionen verursachen keine Krankheiten bei Menschen. Die Mehrzahl aller Pferde trägt den Erreger latent in sich. „Das Virus lebt auf dem Pferd wie ein Schläfer, wie ein Terrorist“, beschreibt Schneider dieses Phänomen. Aber wie kommt es zum Ausbruch? Stress sei ein Faktor. Turnierstress, lange Fahrten, ungewohntes Futter, ungewohnte Einstallung. Pferde, bei denen das Virus ausbricht, können es über Tröpfcheninfektion an Artgenossen weitergeben. „Es geht um den Infektionsdruck. Es kommen Viren dazu, und es knallt. Die Abwehrkraft nimmt ab. Seit ich praktiziere, gibt es immer Hotspots, wo das Virus auflodert“, berichtet Schneider (64).
Entwarnung im April?
Vor über zwei Wochen war dies in Valencia bei einer Turnierserie der Fall, dort werden immer noch teilweise schwer erkrankte Tiere behandelt, Reiter warten auf ihre Heimreise. Symptomfreie Tiere, die schon nach Deutschland zurückkehren konnten wie die sechs Pferde des Springreiters Steffen Hauter aus dem südwestpfälzischen Großsteinhausen, müssen in mehrwöchige Quarantäne. In Deutschland wurden Turniere bis zum 28. März abgesagt. Greifen alle Vorsichtsmaßnahmen, rechnet Schneider damit, dass im April Entwarnung gegeben werden kann.
Tierarzt ist für Impfpflicht
Ausbrüche des Virus zeigen sich meist in Form eines fiebrigen Infekts der oberen Atemwege, der in der Regel gut behandelt werden kann. Besonders gefürchtet aber sind Bewegungsstörungen (Ataxie), die zum Festliegen und damit zu einem qualvollen Tod des Pferdes führen können. Schneider räumt ein, dass es sich bei dem in Valencia aufgetauchten EHV-1 tatsächlich um eine aggressive Variante, wohl eine Mutation, handeln muss: „Dass Pferde so schnell sterben, ist eher neu.“ Grundsätzlich rät er, die Immunabwehr der Vierbeiner auf natürliche Weise zu stärken: „Die Pferde gut halten, viel an der Luft, gut füttern.“ Und: „Für guten Impfstatus im ganzen Stall sorgen.“ Zwar könne eine Impfung nicht zwingend einen Virusausbruch verhindern, aber Krankheiten verlaufen oft milder, und die Tiere scheiden („ganz wichtig“) weniger Erreger aus. Auch deshalb ist Schneider für eine Herpes-Impfpflicht bei Sport- und Turnierpferden.