NAtionalmannschaft
Grenzgänger mit Rückendeckung
Natürlich war Leroy Sané mittendrin, als die deutsche Nationalmannschaft nach dem 2:0-Pflichtsieg gegen Liechtenstein in St. Gallen vor drei Tagen noch eine kleine Ehrenrunde drehte. Von den Rängen regnete es an diesem milden Sommerabend warmen Applaus, denn so oft bekommt man auf der Schweizer Bodensee-Seite die Stars nicht zu Gesicht. Speziell Sané schien den Moment zu genießen, nachdem ihn die eigenen Fans in München kürzlich mit Pfiffen eingedeckt hat.
Für den 25-Jährigen könnten die WM-Qualifikationsspiele wie jetzt gegen Tabellenführer Armenien in Stuttgart (Sonntag, 20.45 Uhr) und danach noch in Island (Mittwoch, 20.45 Uhr/beide RTL) genau richtig kommen, um die Vorbehalte zu bekämpfen. Bundestrainer Hansi Flick berichtete am Samstag davon, dass er der Mannschaft in der Vorbereitung gegen die angeblich früh pressenden Armenier exemplarisch eine Sané-Szene gezeigt habe, wie dieser gegen den Fußball-Zwerg in der zweiten Halbzeit sich nach einem Abspielfehler den Ball wieder erkämpfte.
Sané braucht Solidarität
Und dann war da ja auch noch sein Tor zum 2:0. Feine Ballannahme, schneller Haken, trockener Schuss: Fertig war sein achtes Länderspieltor im 35. Einsatz. „Wenn der Raum eng ist, kann er sich diesen Freiraum schaffen, dazu hat er einen guten Abschluss. Damit ist alles gesagt“, versicherte Flick, der gleich mal mit dem Gerücht aufräumte, er habe in seiner Bayern-Zeit mit dem unbeständigen Freigeist so seine Schwierigkeiten gehabt. „Es heißt immer, Leroy und ich hätten in München Probleme gehabt: Das ist Unsinn! Wir hatten keine Probleme und werden keine Probleme haben.“
Die Solidarität kann Sané gut gebrauchen, nachdem wechselhafte Leistungen bereits die erste Saison im Bayern-Trikot nach seinem verspäteten Wechsel für 45 Millionen Euro Ablöse von Manchester City begleitet hatten. Ausgerechnet beim ersten Bayern-Heimspiel vor Zuschauern gegen den 1. FC Köln (3:2) entlud sich der Unmut bei ihm, zuletzt gegen Hertha BSC (5:0) saß der Hochbegabte am Anfang nur auf der Bank. Der „Kicker“ widmete ihm die erste Seite und die Titelstory. „Das Rätsel Sané“ wie das Fachmagazin schrieb, ist zwar jetzt nicht gelöst, aber Ansätze der Besserung liefert er dieser Tage sehr wohl. Wird aus dem Zauderer wieder ein Zauberer?
Ein schmaler Grat
Grenzgänger Sané hatte ja nicht nur bei der EM im Gruppenspiel gegen Ungarn (2:2) einen ziemlich wirren Auftritt hingelegt, sondern auch am Donnerstag in malerischer Umgebung von St. Gallen eher ein unfertiges Gemälde abgeliefert, weil er zu Beginn zu viele leichte Ballverluste einstreute. Die 18.000 Freikarteninhaber, die nun zum „Spitzenspiel“ der Qualifikationsgruppe J kommen dürfen, werden genau hinsehen, wie sich Sané präsentiert. Der Grat ist allein wegen seiner Spielweise schmal.
Doch Flick ist etwas anderes wichtiger: dass seine Offensivwaffe die Defensivarbeit mit voller Hingabe erledigt. „Leroy hat einige Ballgewinne gehabt. Und vorne ist er ins Eins-gegen-eins gegangen und hat gut abgeschlossen. Er hat gezeigt, dass er auf einem wirklich guten Weg ist.“
Auf dem Pfad der Tugend
Den fußballerischen Pfad der Tugend sollte der in Essen geborene und die längste Zeit auf Schalke ausgebildete Sohn des ehemaligen Bundesligaspielers Souleymane Sané nicht so schnell verlassen, denn die Konkurrenz ist inzwischen in der Nationalelf dieselbe wie im Verein: Mit Vehemenz bekommt der von Joachim Löw noch sehr zögerlich eingesetzte – und im vergeigten EM-Achtelfinale gegen England fast schon fahrlässig spät eingewechselte – Jamal Musiala mehr Verantwortung übertragen.
Der 18-Jährige verblüfft mit fast unfassbarer Leichtigkeit. Flick gefiel es überaus, wie unbekümmert sich das Toptalent bei seinem Startelfdebüt präsentierte, auch wenn der Bewegungskünstler Musiala gegen Armenien wohl für Serge Gnabry weichen muss. „Dass Jamal eine Qualität hat, das hat er bei Bayern München im letzten Jahr oder auch in den letzten Wochen eindrucksvoll bewiesen“, sagte Flick. Wer wollte, konnte daraus auch eine Warnung an Sané heraushören, jetzt bloß nicht nachzulassen.