Wochenend-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Fußball-Bundesliga: Wir brauchen einen Überraschungsmeister

Mit dem FC Augsburg hat sich fast ganz Deutschland nach dem Sieg gegen die Bayern gefreut.
Mit dem FC Augsburg hat sich fast ganz Deutschland nach dem Sieg gegen die Bayern gefreut.

Am Montag hat im Internet ein Spruch die Runde gemacht. Inhalt: „Als Bayern München das letzte Mal in der Bundesliga gewonnen hat, hatte Großbritannien noch eine Königin.“ Ich habe herzhaft gelacht – und meine Freunde mit mir.

Der zugegeben gleichermaßen amüsante wie skurrile Spruch, vor allem aber die Reaktionen darauf, sind Ausdruck der tiefen Sehnsucht ganz vieler Fußballfans nach einem kleinen bisschen Abwechslung nach zehn Bayern-Meisterschaften in Folge. Da wird eine Ergebniskrise des Dauer-Champions inklusive Niederlage in Augsburg zum Feieranlass.

Ein bisschen Hoffnung

Dies erst recht, weil vielfach nach den überragenden drei ersten Spieltagen die Bayern bereits vorzeitig wieder als Meister ausgerufen worden waren. Und weil die möglichen Verfolger selbst schwächelten. Leipzig, Leverkusen, Frankfurt – jene, bei denen man ein wenig Hoffnung haben konnte, sie würden die Bayern-Dominanz vielleicht nicht brechen, aber zumindest etwas abmildern, sind wenig berauschend in die Saison gestartet. Und selbst Dortmund traut man aktuell nicht sehr viel zu.

Bleibt nur die Hoffnung auf eine Wiederholung der Spielzeiten 1997/98 oder 2008/09, als der FCK beziehungsweise der VfL Wolfsburg die Bayern überraschten und den Fußball wieder interessanter machten. Wie wäre es denn in diesem Jahr mit dem SC Freiburg? Oder mit Union Berlin?

Kleiner Trost für die Bayern-Fans: Ihr Team wird sicher wieder siegen, während Charles III. König ist.

Zwei Steckenpferde im Rampenlicht

Jeder Sportredakteur hat so seine Steckenpferde. Sportarten, die ihm besonders gut liegen und in denen er sich besonders gut auskennt. Ich bin da eher exotisch unterwegs: American Football und Schach gehören, zumindest hierzulande, nicht zu den Massensportarten. Zuweilen werde ich wegen meines Faibles sogar ein wenig belächelt.

Nun: Beim lange mit einem Stirnrunzeln missachteten Football zeichnet sich eine Trendwende ab. Das Spiel mit dem Ei wird zunehmend populärer, was sich daran zeigt, dass nun RTL sich die Übertragungsrechte ab kommender Saison gesichert hat. Und dass Pro7 Football sonntagabends in sein Hauptprogramm genommen hat. Dass die Moderatorencrew vor wenigen Tagen sogar den Deutschen Fernsehpreis erhalten hat, sagt ein Übriges.

Eine Aufmerksamkeit, die keiner braucht

Mein zweites Plaisir, der Schachsport, hat es da ungleich schwerer, von der breiten Masse wahrgenommen zu werden. Allerdings tut er, tun zwei Protagonisten im Moment alles dafür, das zu ändern.

Was sich bei der Affäre rund um Betrugsvorwürfe gegen den Aufsteiger Hans Niemann abspielt und von Weltmeister Magnus Carlsen befeuert wird – nicht zuletzt durch seine Aufgabe nach nur einem Zug gegen den US-Amerikaner –, ist des königlichen Spiels unwürdig. Und spätestens seit über den Einsatz von Sexspielzeug zwecks Eingabe von Zügen spekuliert wurde, schrieb das Thema Schach sogar Schlagzeilen in den Boulevardblättern. „Sex sells“ (Sex verkauft) heißt eine Devise in der Branche – und die gilt offenbar sogar für eine Sportart wie Schach, die eher unsexy rüberkommt.

Welch ein Imageschaden

Tatsächlich tun die beiden Kombattanten dem Schachsport keinen Gefallen; zumal keiner weiß, ob an den Betrugsvorwürfen etwas dran ist, die Carlsen selbst nie wörtlich erhoben hat. Nur sein Verhalten deutet darauf hin, dass es darum geht.

An ihm liegt es nun auch, endlich Klarheit zu schaffen. Was genau er Niemann – der junge Mann hat eine einschlägige Vergangenheit und kommt auch etwas durchgeknallt rüber – vorwirft und welche Belege er dafür hat. Hat Niemann (erneut) betrogen, muss er raus aus allen Turnierserien. Hat er es nicht oder kann Carlsen es nicht belegen, dann muss der Weltmeister schnellstens alles dafür tun, dass der Skandal verschwindet. Der Imageschaden für den Schachsport ist bereits riesig.

Wolfgang Pfeiffer
Wolfgang Pfeiffer
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