Sport
Fechten: Olympionike Jürgen Brecht wird 80
Er wirkt frisch und agil. Er bleibt nicht sitzen, wenn er redet. Er spritzt auf, gestikuliert, erzählt, reißt mit. Die Aggressivität, die den Kämpfer einst auf der Planche auszeichnete, hat er beiseitegelegt. In seinem Haus oberhalb von Grünstadt genießt er mit seiner Frau Angelika Ruhe und Freiheit. Von dort schaut er bis zur BASF nach Ludwigshafen. Ein Genießer, gerade auch im Rückblick.
Als erster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg stand Jürgen Brecht in einem Florett-Finale. Mit 19. Das war 1959 in Budapest. Er wurde Sechster, mit der Mannschaft gewann er Silber. Ein erster Höhepunkt einer Karriere, die mit zehn Jahren beim FC Kurpfalz Edigheim begonnen hatte. Sein Stiefvater Kurt Noé hatte ihn in den edlen Sport gebracht.
Die Viererbande: Erfolg schweißte zusammen
Die Viererbande von Budapest holte 1960 in Rom Olympiabronze – Jürgen Theuerkauff und Tim Gerresheim, die beiden Intellektuellen, sowie Eberhard Mehl, der schon gestorben ist, und Jürgen Brecht, die beiden lebenslustigen Kämpfer. Eine Interessensgemeinschaft über Jahre. „Nicht verbunden in Freundschaft, sondern durch die Erfolge“, sagt Brecht heute. In Tokio 1964 wurden sie Fünfte und in Mexico City 1968 Neunte. Ein- und Ausmärsche bei den Spielen – das habe sich am ehesten in seinem Gedächtnis eingebrannt. Die „Spiele der Freude und des Friedens“ sieht Brecht kritisch: „Das ist Wunschdenken.“ Die Spiele in Tokio, wo sie auch wieder in fünf Monaten stattfinden, seien exotische gewesen. „Die dortige Lebensart hatte mich beeindruckt, sie war zu meiner kontrastreich. Ich bin dort auch mal ausgebüxt, auf eigene Faust weg, ich war immer auch ein Ausreißer.“ Und in Mexiko, so erinnert er sich, wurde er als Sonnenanbeter aus disziplinarischen Gründen im Einzel gestrichen.
Jürgen Brecht hält sich gar nicht lange auf mit seinem geliebten Fechtsport, weicht aus. „Ich habe für mich gekämpft, gefochten aus Spaß am Duell. Nicht wegen Ruhm und Ehre, nicht für Deutschland. Ich habe meine Aggression in Regeln gelenkt“, bilanziert der Pfälzer, der in Joinville bei Paris sein Diplom als Fechtmeister (1962 - 1964) machte. Zum Leistungssport hat Brecht ein distanziertes Verhältnis aufgebaut. „Der Mensch ist nur begrenzt leistungsfähig, Gelenke, Muskeln und Geist sind nur begrenzt belastbar“, sagt er, stellt das „höher und weiter“ infrage, spricht von missbrauchten Körpern.
Ein Herz für den Breiten- und Betriebssport
Viel mehr und viel lieber als über seine sportliche Karriere spricht er über seinen Beruf und seine Berufung. Ein Volksschüler und Maschinenschlosser, der über den Zweiten Bildungsweg – mit Hilfe seiner Karriere – an der Deutschen Sporthochschule in Köln das Diplomsportlehrerstudium abschloss und mit 29 in die BASF eintrat, direkt nach der Karriere. Und mit 54 schied er aus. Freiwillig. 25 Jahre hatte er, der Sportlehrer als Exot unter den Chemikern und Schichtarbeitern, das Sportreferat geleitet. Er lebte es. Er baute es auf und aus – und erfand den Betriebssport für die BASF. „Sport ist mehr als Leistung. Sport ist Erholung, Regeneration, Vergnügen. Für mich war Spitzensport immer Selektion, aber ich hasse Selektion“, erkannte der ehemalige Hochleistungssportler und widmete sich dem Breitensport. „Wer ist die wichtigste Person in der BASF?“, fragte er sich damals und kam auf den Schorsch. Als einer von 35.000 Schichtarbeitern und Auszubildenden. Die Mitarbeiter trafen sich abends in angemieteten Turnhallen, wurden oft mit Bussen hingefahren. Andere Konzerne, etwa Bayer in Leverkusen, setzten dagegen auf den Spitzensport.
Brecht, das sportliche Gesicht der BASF, hatte seine berufliche Erfüllung gefunden, dort, wo er aufgewachsen war, in Oppau, Edigheim, am Frankenthaler Kanal, und wo ihn sein Großvater, ein der Natur so verbundener Bauer, prägte wie kein Zweiter. Aber er ging früh in den Ruhestand. Er dachte, wie so oft, in Epochen.