Formel 1 RHEINPFALZ Plus Artikel Für Sergio Perez wird das Cockpit so langsam zum Schleudersitz

Verdunkelter Blick auf die Zukunft: Sergio Perez.
Verdunkelter Blick auf die Zukunft: Sergio Perez.

Sergio Perez stand schon häufiger unter Druck. Doch nie so sehr wie in dieser Saison. Red Bull erwartet mehr von seiner Nummer zwei in der Formel 1. Das könnte trotz eines neuen Vertrags zur Entlassung führen. Und zwar bald.

Vielleicht glaubt Sergio Perez sogar, was er da sagt. Vermutlich ist es Trotz. Wahrscheinlich aber Verzweiflung. Nach x Jahren als Schatten von Max Verstappen kennt der Mexikaner die Gepflogenheiten bei Red Bull Racing besser als jeder andere. Es kann verdammt einsam sein bei einem Spitzenteam. Eiskalt werden, trotz der Hitze beim Großen Preis von Ungarn an diesem Wochenende. Niemand hat das Ultimatum bisher klar ausgesprochen. Aber jeder im Fahrerlager weiß: Wenn Perez bei den letzten beiden Rennen vor der Sommerpause nicht endlich wieder in die Spur kommt, könnte er ausgewechselt werden.

Der 34-Jährige gibt sich tapfer, probiert sich in Gelassenheit, es ist ja nicht das erste Mal, dass er mit Existenzängsten konfrontiert wird. Diesmal ist es anders, dem vermeintlichen Ultimatum kann er einen erst vor zwei Monaten vorzeitig verlängerten Zwei-Jahres-Vertrag entgegenhalten. Unterschrieben zu einer Zeit, als das Weltmeisterteam fürchten musste, Verstappen schon im kommenden Jahr an Mercedes zu verlieren. Perez schwört auf das Papier: „Ich verstehe gar nicht, warum so viel über mich und meine Zukunft geredet wird. Da wird sich bei den nächsten beiden Wochen nichts ändern. Egal, ob ich gewinne oder Letzter werde“, sagt er vor dem Start in die zweite Saisonhälfte. „Ich habe einen Vertrag mit dem Team und ich werde ihn erfüllen.“ Kurzum: Er spüre nicht mehr Druck als sonst. Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Hauptaufgabe: Punkte für die Konstrukteurs-WM

Perez ist – so darwinistisch ist der Top-Motorsport eben – dazu da, der Nummer Eins Schützenhilfe zu geben, vor allem aber die nötigen Punkte für die höchst lukrative Konstrukteurs-Weltmeisterschaft einzufahren. Im Vorjahr, als der Red-Bull-Rennwagen so unglaublich überlegen war, machte seine Schwächeperiode nicht viel aus. In dieser Saison, in der plötzlich vier Rennställe gewinnen können, wird Perez gebraucht. Ferrari ist bis auf 71 Punkte herangekommen, McLaren nur noch 78 hinterher. An einem perfekten Wochenende kann ein Team 44 Zähler aufholen.

Verstappen wächst in dieser Situation über sich hinaus, hat sieben Rennen gewonnen und ein beachtliches Punktepolster. Im direkten Vergleich mit seinem Teamkollegen steht es nach Zählern 255:118. Perez ist nur noch Sechster in der Fahrer-WM. Auf der Suche nach einem neuen zweiten Mann muss sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner nicht groß umgucken. Aus seinem B-Team bietet sich der Japaner Yuki Tsunoda an, aus dem Talentschuppen der Neuseeländer Liam Lawson, der vergangene Woche bei einer Testfahrt überzeugt hat, dann gibt es da noch Routinier Daniel Ricciardo. Der Australier nimmt zwar gerade auch seine Midlife crisis, ist aber ein Spezi von Horner.

Fassungslos über Platz 17

In den jüngsten sechs Rennen hat Perez nur 15 Punkte geholt, zuletzt in Silverstone belegte er den indiskutablen 17. Platz. Horner war ebenso fassungslos wie die Mechaniker, die per Punkteprämie direkt am Erfolg beteiligt sind. Oder eben am Misserfolg. „Untragbar“ findet es der Teamchef, „mit diesem Auto keine Punkte zu holen. Er muss uns helfen, den Konstrukteurstitel zu verteidigen“. Etwas charmanter verpackt Helmut Marko, der Motorsportberater von Red Bull, seine Drohung: „Wir hoffen immer noch, dass Sergio zu seiner Form zurückfindet.“

Möglich würde den fliegenden Wechsel eine Leistungs-Klausel im Vertrag machen, nach der Perez gekündigt werden könnte, falls er bis August mehr als 100 Punkte Rückstand auf Verstappen habe. So wird es kolportiert, und bei der momentanen Differenz von 137 wäre Perez zum Siegen verflucht. Der Vertrag, der Sicherheit geben sollte, schafft Verunsicherung.

Verstappen verteidigt Perez

Der Maßstab Verstappen ist natürlich der höchste im ganzen Fahrerfeld, und gerade der Niederländer nimmt seinen Nebensitzer in Schutz: „Ich weiß, wie hart er arbeitet. Ich hoffe, es wird etwas besser, wenn er sich mehr mit dem Auto eins fühlt. Es ist nicht fair zu sagen, alles sei sein Fehler.“

Selbstkritisch gibt auch Perez zu, nicht immer 100-prozentig abgeliefert zu haben: „Aber du kommst irgendwann auch in einen Teufelskreis.“ Sein Cockpit ist zum Schleudersitz geworden.

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