Fußball
Es geht für die Ukraine um mehr als „nur“ ein EM-Turnier
Natürlich hat Sergiy Rebrov seinen erfolgreichen Einstand vor genau einem Jahr nicht vergessen. „Das erste Spiel war sehr besonders. Es war damals eine große Verantwortung“, sagte der Nationaltrainer der Ukraine jüngst nach den ersten Trainingseinheiten in Eltersdorf von Erlangen, wo sich seine Auswahl auf das EM-Testspiel gegen Deutschland in Nürnberg (Montag, 20.45 Uhr/ARD) vorbereitet hat. Für den 75-maligen Nationalstürmer schließt sich ein Kreis, denn seinen Job hatte der viel herumgekommene Fußballlehrer erst in jenen Tagen angetreten, als die Ukraine als Gegner für das 1000. Länderspiel in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes nach Bremen kam.
Vor einem Jahr kein Sparringspartner
Alle Einnahmen aus TV-Honorar, Bandenwerbung und Kartenverkauf waren an Einrichtungen und Organisationen der unter dem russischen Angriffskrieg leidenden Menschen in der Ukraine gegangen. Rebrov dachte jedoch gar nicht daran, bei der großen Solidaritätsaktion des DFB den dankbaren Sparringspartner zu geben. Erst am Ende rettete die am 12. Juni 2023 noch von Hansi Flick trainierte deutsche Elf ein 3:3 gegen die kriegsgeplagte Nation.
Im Weserstadion konnten viele Anhänger der „Schowto-blakytni“ (Gelb-Blauen) ihr Glück kaum fassen, wie gut sie von den drückenden Sorgen des Alltags abgelenkt wurden. „Wir haben damals viel Selbstbewusstsein gewonnen“, befand der am Sonntag 50 Jahre alt gewordene Coach: „Auch jetzt gibt es wieder viele Erwartungen an uns.“
Ein schwieriges Spannungsfeld
Kein EM-Teilnehmer bewegt sich in einem solch schwierigeren Spannungsfeld. Während an der Front die Soldaten die Heimat verteidigen, sollen die Fußballer bei der Endrunde in Deutschland ebenfalls tapfer auftreten. Die ukrainische Nationalelf könnte so etwas wie das zweite „Heimteam“ werden. Für die Gruppenspiele in München gegen Rumänien (17. Juni), in Düsseldorf gegen die Slowakei (21. Juni) und in Stuttgart gegen Belgien (26. Juni) werden viele Landsleute irgendwie Unterstützung leisten. Rund 1,6 Millionen Menschen aus der Ukraine haben seit Kriegsbeginn in Deutschland Zuflucht gefunden.
Die Situation nahm Rebrov wiederholt als Ansporn. „Die Raketen fliegen jeden Tag. Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, dass wir alle noch am Leben sind und gegen die Russen kämpfen“, sagte der ehemalige Profi aus der Premier League während der Play-offs, als die Schreckensnachrichten seine Spieler noch entschlossener machten. Sein Team brachte im Frühjahr einen bewundernswerten Widerstandsgeist auf, drehte nach Rückständen beide Partien gegen Bosnien und Island jeweils mit 2:1.
Fußball statt Kriegsdienst
Oleksandr Zinchenko von FC Arsenal bekannte zu diesem Zeitpunkt offen, dass er sich genauso hätte vorstellen könnten, in den Krieg zu ziehen: „Ich will ehrlich sein, wenn ich nicht für meine Tochter und meine Familie da wäre, wäre ich dort.“ Nun aber will man die fußballerischen Fähigkeiten demonstrieren. Es gehe darum zu zeigen, „wie gut wir sind und wie gut es ist, Ukrainer zu sein.“
Hochveranlagte Mitspieler wie Dribbler Mykhaylo Mudryk vom FC Chelsea oder Torjäger Artem Dovbyk vom FC Girona als Torschützenkönig der spanischen Liga sind beseelt davon, es wie bei der EM 2021 bis ins Viertelfinale zu schaffen. Damals trainierte Legende Andriy Schewtschenko das Nationalteam. Zum Jahresanfang stieg der 47-Jährige zum Präsident des wiederholt von Korruptionsskandalen erschütterten Fußballverbandes auf. Den Menschen zu Hause, „ein kleines Stückchen Glück geben“, nennt das Idol den Auftrag für diese vierte EM-Teilnahme in Folge.

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