Die Wochenend-Kolumne Diese Fußball-EM erzeugt verbindende Gefühle: Das haben wir gebraucht
In Hamburg hüpften tausende orangegekleidete Fans von links nach rechts, in Köln zog eine Armee durch die Stadt, die Freude und Liebe ausstrahlte. In Zeiten, die Europa gerade durchleben muss, sendet die Tartan Army, die riesige Fangemeinde der schottischen Fußballer, eine positive Botschaft aus. Deutschland ist in diesen Tagen bunt und international und es tut gut, dass diese Bilder das Internet fluten. Italienische Fans feiern in Gelsenkirchen eine große Party mit spanischen Anhängern, Ungarn freuen sich in Biergärten in Stuttgart gemeinsam mit Deutschen auf das Spiel ein paar Stunden später in der Arena. In Bad Dürkheim haben dänische Fans auf einem Campingplatz Spaß und genießen nicht nur das Turnier, sondern auch die Köstlichkeiten der Pfalz.
Die EM hat eine enorme Kraft
Die Europameisterschaft in Deutschland hat schon in den ersten Tagen eine enorme Kraft entwickelt. Nicht auf den bislang noch feinen Rasenflächen in den Stadien, sondern in erster Linie auf den Tribünen und – viel wichtiger noch – auf den Straßen der Republik. Fußball hat eine beeindruckend verbindende Kraft und deshalb ist die EM in Deutschland so wichtig für das Gefühl der Menschen in Europa.
Die Bilder von feiernden friedlichen Menschen werden die politischen und gesellschaftlichen Probleme nicht lösen, vielleicht aber doch unterschwellig beeinflussen können. Vor drei Jahren, bei der bislang letzten Europameisterschaft, gab es solche Bilder wegen der Corona-Pandemie nicht, was bedeutet, dass es bereits acht Jahre her ist, als letztmals Fans aus ganz Europa miteinander ein Fußballfest feierten – bei der EM in Frankreich.
Das verbindende Gefühl ist da
Weil die Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar jeweils von ihrer politischen Dimension erdrückt wurden, und weil die deutschen Fußballer darüber hinaus nicht erfolgreich waren, haben sie keine Positivität ausgestrahlt, vor allem nicht nach Deutschland. Die Menschen haben die Heim-EM gebraucht, um nach vielen Jahren mal wieder dieses besondere verbindende Gefühl zu erleben. Das vermag ein großes Fußballturnier im eigenen Land mehr zu leisten als es Olympische Spiele oder sonst ein Großereignis können.
Die Bilder ähneln sich
Vor dem Eröffnungsspiel vor rund einer Woche wurde ein neues Sommermärchen herbeigewünscht, weil das echte Sommermärchen bei der Heim-WM 2006 bei den Menschen positive Emotionen auslöst. Ich bin weiterhin der Meinung, dass es kein neues Sommermärchen geben kann, weil wir in einer anderen Zeit leben. Ich räume aber ein, dass die Bilder der Gegenwart denen von 2006 ähneln. Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg und an vielen anderen Orten bejubelten viele Tausend Menschen den 2:0-Sieg gegen Ungarn, mit Deutschlandfahnen in der Hand. Euphorisch und stolz, aber nicht nationalistisch.
In den Stadien, in den Fanzonen bei den Public Viewings oder an allen anderen Orten, an denen deutsche Fans zum Fußball schauen zusammenkommen, zeigt sich, was Deutschland stark macht. Auch wenn und obwohl es Menschen gibt, die das anzweifeln. Die Pluralität und Diversität können diesem Land Kraft spenden, wenn man die positiven Aspekte hervorhebt ohne den negativen Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Idioten sind in der Unterzahl
Man kann nicht unerwähnt lassen, dass es (leider) auch ein paar hässliche Szenen gab. In Gelsenkirchen prügelten Engländern und Serben aufeinander ein. Zuschauer aus Serbien, Albanien und Kroatien fielen durch Schmähgesänge auf. Es ist traurig, aber nachvollziehbar, denn Fußballfans sind ein Querschnitt der Gesellschaft – und es gibt eben überall auf unserem Kontinent Idioten.
Positiv ist aber, was die Europameisterschaft bislang offenzulegen vermochte: Die Idioten sind in der Minderheit. Wenn diese Erkenntnis hängen bleibt, nachdem die Europameisterschaft am 14. Juli mit dem Finale im Olympiastadion in Berlin zu Ende gegangen ist, hat das Turnier seine wichtigste Funktion erfüllt.

Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland
Gibt es ein Sommermärchen 2024? Kommt Deutschland weiter? Und welche Spieler stecken alle anderen in die Tasche? Alle Infos zur Meisterschaft, Neuigkeiten von der Nationalmannschaft und jede Menge Berichte rund um die Spiele vor Ort lesen Sie hier.
Foto: Imago Images/Beautiful Sports