Fußball
Die Wackelkontakte im Stromkreis der deutschen Frauen-Auswahl
Mitunter beweist ein Stadion-DJ ja untrüglichen Instinkt für die herrschende Stimmungslage. Als die deutschen Fußballerinnen auf der Ehrenrunde nach ihrem Nations-League-Pflichtsieg gegen Österreich (4:1) die Hände in den Nürnberger Nachthimmel warfen, schepperte der Après-Ski-Hit „Wackelkontakt“ von Oimara aus den Lautsprechern des Max-Morlock-Stadions. Es hätte keine bessere Untermalung geben können, denn genau dieses Phänomen tritt auf, seit der einst für den 1. FC Nürnberg stürmende Christian Wück die Verantwortung fürs Nationalteam übernommen hat.
Energetische Schübe wechseln mit unerklärlichen Aussetzern in kaum vorhersehbarer Folge. Sechs Länderspiele hat der Bundestrainer verantwortet und die Ursache für die zwei Gesichter seines Ensembles nicht ergründet: Diesmal schienen die deutschen Frauen fast die ganze erste Halbzeit von jeder Stromzufuhr abgeschnitten. Der mit der Männer-U17-Nationalmannschaft maximal erfolgreiche Fußballlehrer gab sich hinterher erst gar nicht der Versuchung hin, sich vom ersten Heimsieg unter seiner Regie blenden zu lassen.
„Wir müssen Konstanz reinkriegen. Wir müssen diese Sicherheit in den Zweikämpfen reinkriegen“, forderte der 51-Jährige, der an ehemaliger Wirkungsstätte anfänglich gar „die Basics“ vermisste. Von Torhüterin Stina Johannes bis Mittelstürmerin Lea Schüller: Die erste Elf wirkte gar nicht richtig bereit für das Nachbarschaftsduell. Trotz der knallroten Jerseys kam an diesem regnerischen Abend vor 14.394 Augenzeugen erstmal alles grau rüber. Der Zorn darüber war bei Wück so schnell nicht verraucht: „So viele Abspielfehler wie in diesem Spiel, so viel verlorene Zweikämpfe wie in der ersten Hälfte – da muss man sich keine großen Gedanken machen, wie weit es bei der EM geht.“
Eine klare Ansage. Es war der vielleicht letzte Weckruf für die Endrunde (2. Juli bis 27. Juli) in der Schweiz, wo Deutschland zuerst gegen Polen spielt, die sich in den Play-offs gegen Österreich durchgesetzt hatten. Gegen die weiteren Gruppengegner Dänemark und Schweden und erst recht gegen Frankreich, England oder die Niederlande in einem möglichen Viertelfinale kann sich der achtmalige Europameister solche Nachlässigkeiten nicht erlauben. Der Bundestrainer erspähte erneut „viel Arbeit“ bis zum Sommer. Trainerteam wie Spielerinnen seien mit Blick auf die nächste Maßnahme gegen Schottland (5. und 8. April) gefordert, „Mittel und Wege zu finden“, die sich wiederholenden Fehler etwa beim Gegentor durch Annabel Schasching (3.) abzustellen. Leichter gesagt als getan.
Wiederkehrende Verhaltensmuster
Auch Kapitänin Giulia Gwinn rätselte über die wiederkehrenden Verhaltensmuster. „Wir waren mal wieder komplett nicht da. Wir brauchen immer einen Nackenklatscher“, murrte die Rechtsverteidigerin vom FC Bayern, die anmerkte: „Es ist alles noch im Umbruch.“ Doch stand in der Anfangsformation mit Rebecca Knaak nur eine einzige Akteurin ohne Turniererfahrung. Dass Sportdirektorin Nia Künzer dennoch einen „Schritt in die richtige Richtung“ gesehen haben wollte, hatte mit der „individuellen Qualität“ zu tun, die diesmal von der Bank kam. „Schön, dass die Einwechslungen so gesessen haben“, urteilte die im WM-Finale 2003 selbst als Ersatzspielerin erfolgreiche 44-Jährige.
Linda Dallmann, Giovanna Hoffmann und Vivien Endemann stachen als Joker und verkörperten Spielfreude. Mindestens genauso viele Pluspunkte sammelte die zur Pause gekommene Frankreich-Legionärin Sara Däbritz, die als ballsicherer Ruhepol gefiel. „Sie hat uns Stabilität gegeben“, lobte Wück. Trumpft die Mittelfeldspielerin von Olympique Lyon auch in den Champions-League-Viertelfinals gegen den FC Bayern (18. und 26. März) so dominant auf, wird die 30-Jährige vielleicht doch noch wichtiger als gedacht. Die gebürtige Ambergerin ist übrigens die einzige Nationalspielerin, die beim vorerst letzten EM-Triumph 2013 mitgewirkt hat. Wer sich erinnert: Auch damals traten unter der Titelsammlerin Silvia Neid immer mal wieder rätselhafte Aussetzer auf. Um damals die Wackelkontakte in Schweden zu beheben, gab es übrigens eine legendäre Teamsitzung auf der Insel Öland ohne Bundestrainerin. Danach bestand Verbindung bis zum Finalsieg in Stockholm.